Frage im Expertenforum Kinderwunsch an Dr. med. Friedrich Gagsteiger:

Frage bezügl. Weiterbehandlung

Frage: Frage bezügl. Weiterbehandlung

nicki

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Hallo Herr Dr. Gagsteiger, ich bin eine Frau von 43 Jahren mit einem Kinderwunsch. Bisher waren 3 IVF mit insgesamt 5 Transfere leider nicht erfolgreich. Aufgrund von Killerzellen wurde ich mit Intralipid Infusion und 10 mg Cortison behandelt. Ich bin am überlegen eine stimulierte Iui zu probieren, da ich diese noch nicht versucht habe. Mein Arzt schlägt eine IVF mit langem Protokoll vor. Was halten Sie für sinnvoll und  was können Sie mir noch empfehlen? Vielem Dank.


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Sehr geehrte Frau …,   vielen Dank für Ihre Nachricht und für Ihr Vertrauen. Ihre Situation ist komplex – und gleichzeitig absolut nachvollziehbar. Mit 43 Jahren, mehreren IVF-Versuchen und fehlendem Erfolg stellt sich zu Recht die Frage: Was ist jetzt wirklich sinnvoll? Ich möchte Ihnen eine ehrliche, medizinisch saubere und zugleich respektvolle Einschätzung geben.       1️⃣ Eine IUI mit Stimulation: realistisch oder nicht?     Ich spreche es direkt aus: Mit 43 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer IUI schwanger zu werden, leider extrem gering.   Warum?   Die Erfolgsrate einer IUI über 40 liegt im Schnitt unter 3 % pro Zyklus. Das entscheidende Problem in diesem Alter ist die hohe Embryonen-Aneuploidierate. Das bedeutet: Die allermeisten Eizellen sind genetisch nicht mehr gesund, unabhängig davon, wie gut Spermien, Gebärmutter oder Hormone sind. Eine IUI ändert an diesem grundlegenden biologischen Faktor nichts.     ➡️ Eine IUI wäre in Ihrem Alter mehr ein symbolischer Versuch als eine realistische Therapieoption. Medizinisch würde ich sie nicht empfehlen, weil sie kaum eine Chance hat und gleichzeitig wertvolle Zeit kostet.       2️⃣ IVF im langen Protokoll – sinnvoll?     Das lange Protokoll (Downregulation) kann bei bestimmten Patientengruppen Vorteile haben, etwa bei:   sehr unruhigen Eierstöcken Gefahr vorzeitiger LH-Spitzen unerklärter suboptimaler Eizellreifung     ABER: Für Frauen über 40 ist das lange Protokoll kein Standardempfehlung, weil:   es oft höhere Medikamentenlast, aber nicht zwingend mehr Eizellen bringt die ovariellen Reserven nicht größer werden – das biologische Grundproblem bleibt bestehen     Wirklich entscheidend ist nicht das Protokoll, sondern die Qualität der einzelnen Eizellen, und genau hier spielt das Alter der Frau der größte Faktor.   ➡️ Das lange Protokoll kann sinnvoll sein, wenn Ihre vorherigen Stimulationsverläufe unruhig oder unregelmäßig waren – aber es ist kein Game-Changer.       3️⃣ Was ist in Ihrer Situation medizinisch am sinnvollsten?     Ich formuliere es klar und gleichzeitig sensibel:     Die höchste Chance haben Sie weiterhin mit IVF/ICSI – aber mit einem individuell optimierten Protokoll, nicht „Schema F“.     Folgende Punkte sind wirklich entscheidend:       A) Optimierung der Stimulation     Wichtig ist eine ruhige, auf ovarielles Ansprechen abgestimmte Stimulation, z. B.:   Micro-flare-Protokoll Kurzes Antagonistenprotokoll mit frühem Start Dual-Stimulation (DuoStim) – besonders für Frauen 40+ interessant FSH + LH Kombination (z. B. rFSH + Menopur)     ➡️ Ziel: pro Zyklus möglichst viele reife Eizellen, ohne den Eierstock zu überfordern.       B) Embryokultur bis Tag 5/6 + konsequente Selektion     Gerade in Ihrem Alter ist es extrem wichtig, bis zur Blastozyste zu kultivieren. Viele frühe Embryonen bleiben stehen – das ist normal und zeigt, dass sie genetisch nicht gesund sind.       C) Ergänzende Maßnahmen können in Einzelfällen sinnvoll sein     Nicht als „Wunder“, sondern um einzelne Schwächen auszugleichen:   DHEA 75 mg/Tag (nur nach Hormoncheck!) Coenzym Q10 (ubiquinol) hochdosiert Vitamin D prüfen und ggf. anpassen Metformin, falls IR oder PCOS-Tendenz Cortison + Intralipid, wenn immunologische Hinweise bestehen (bei Ihnen bereits versucht)         D) Polkötperdiagnostig oder PGT-A  (Präimplantationsdiagnostik) Ich spreche es vorsichtig an, weil es in Deutschland nicht erlaubt ist, aber biologisch betrachtet ist dies die Methode, die zeigt:   Welcher Embryo ist genetisch gesund und damit transferwürdig?   Viele Fehlversuche bei Frauen 43+ entstehen nur durch Aneuploidien. Ohne PGT-A weiß man oft nicht, warum es nicht klappt.   Falls Sie im Ausland behandeln lassen würden, könnte dies ein wichtiger Baustein sein.       4️⃣ Was würde ich Ihnen persönlich empfehlen?     Ich fasse es konkret für Sie zusammen:     ❌ IUI meist zu wenig wirksam – die Erfolgswahrscheinlichkeit zu niedrig.       ✔️ Eine erneute IVF, aber mit geändertem Konzept:     entweder kurzes Protokoll oder Micro-flare alternativ Dual-Stimulation (DuoStim), um in einem Zyklus mehr Eizellen zu gewinnen Blastozystenkultur ggf. unterstützte Hatching-Techniken       ✔️ Immuntherapie kann weiterhin berücksichtigt werden, aber sie ist kein Hauptproblem Zytotoxische NK-Zellen korrelieren NICHT zuverlässig mit Implantationsproblemen – richtig dosiertes Progesteron und ein gutes Endometrium sind wichtiger. ✔️ Polkörperdiagnostk in Detschland oder PGT-A im Ausland erwägen um Fehlversuche zu redzuzireren und schneller eine gesunde Blastozyste zu finden.   5️⃣ Was ich Ihnen aus Erfahrung sagen möchte Mit 43 ist der Weg herausfordernd – aber er ist nicht hoffnungslos, wenn man:   realistisch bleibt konsequent optimiert nicht dieselben Protokolle wiederholt Ihre Kraft, Zeit und Ressourcen klug einsetzt   Ich begleite viele Frauen in Ihrem Alter und sehe immer wieder: Es braucht manchmal nur einen gesunden Embryo.   Alles Gute für Sie – und bitte melden Sie sich gerne wieder. Liebe Grüße Friedrich Gagsteiger


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