Avocado
Sehr geehrte Frau Windisch, ich möchte mich gerne an Sie wenden, da ich einige Fragen zur Entwicklung meines fünfjährigen Sohnes habe und wissen möchte, ob eine ergotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein könnte. Mein Sohn ist vor 2 Wochen fünf Jahre alt geworden und sprachlich eigentlich sehr weit entwickelt für sein Alter. Seit letzter Woche beobachten wir jedoch vereinzelt ein Stottern, worauf uns auch die Erzieherin aufmerksam gemacht hat. Schon länger fällt uns auf, dass es ihm schwerfällt, ruhig auf einem Stuhl sitzen zu bleiben. Er hat einen ausgeprägten Bewegungsdrang und wirkt häufig sehr unruhig. Zudem bereiten ihm die korrekte Stifthaltung sowie die Scherenhaltung Schwierigkeiten. Auch bei Gesellschaftsspielen fällt es ihm schwer, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren und bei der Sache zu bleiben. Nun stellt sich für uns die Frage, ob diese Bereiche in den Zuständigkeitsbereich der Ergotherapie fallen und ob hier durch eine entsprechende Förderung Verbesserungen erzielt werden können. Über eine Einschätzung Ihrerseits und Informationen zum weiteren Vorgehen würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!
Hallo, auf jeden Fall ist dafür die Ergotherapie geeignet, Sie sollten bei der Wahl der Praxis/behandelnden Ergo`s darauf achten, dass speziell für Kinder Weiterbildungen vorhanden sind, gerade für Aufmk./Konzentration/AD(H)S und Graphomotorik/Feinmotorik (Stifthaltung) in ihrem Fall. Die Ergotherapie schaut sich an, ob es bestimmte Hintergründe für die beschriebenen Situationen gibt (z.B.geringe Muskelspannung bei Feinmotorikproblemen), welche Hilfsmittel eingesetzt werden können (z.B.Griffhilfen für Stifte) und berät die Eltern für Unterstützung im Alltag, z.B.sind Beratung zu häuslicher Umsetzung besonders wichtig, da täglich umgesetzte Übungen plus Ergotherapie wesentlich schneller zum Ziel führen als 1x/Woche Ergotherapie ohne weitere Beratung/Alltagsanwendung. Gerade das Jahr vor der Einschulung ist ein wichtiger Zeitraum, um evtl.Hilfen zu geben, damit das Kind dann gute Startbedingungen für den Schulalltag hat. Für das ruhig auf dem Stuhl sitzen können Sie zu Hause schonmal die ergonomischen Bedingungen prüfen: die Beine sollten nicht in der Luft baumeln, sondern festen Halt auf dem Boden oder einer Stuhlplatte, Hocker, o.ä.haben. Zudem kann probiert werden, ob ein dynamisches Sitzen Erleichterung fürs Kind bringt: ein Luftkissen (am besten in Keilform, damit die Füße besser gespürt werden/erdet), durch das erlauben kleiner Bewegungen im Sitzen können Kinder somit eine Rückmeldung über den Gleichgewichtssinn bekommen/ihren Körper besser spüren/Bewegungsdrang nachkommen und dennoch am Tisch sitzen bleiben/ die lange-sitzen-Situation besser aushalten. Denkbar wäre bei "Zappelbeinchen" z.B.auch ein Gummiband um die Stuhlbeine, so kann das Kind die Beine/Füße dagegen drücken oder auch darauf absetzen und kleine Bewegungen gegen Widerstand des Gummibandes umsetzen, durch die Druck-/Spürinformation reguliert sich der kleine Geist und schafft das sitzen bleiben besser. Zusätzlich unterstützt im Alltag viel Bewegung draussen und ggf.Kindersport, um Energie und Bewegungsdrang rauslassen zu können. Auch regulierend wirken Kau-Bewegungen des Kiefers, z.B.in Form von Kaugummis (Zuckerfrei mit Xylit da karieshemmend, meist benötigt es schon 2 Stück, um ausreichend Regulation über das Kauen zu erreichen), sensorischen Kauketten (meist aus Silikon)/Beißstäben (in natürlicher Form Süßholzwurzel, wer Lakritzgeschmack mag oder sonst auch Naturkautschuk, Z.B. in Form von Zahnungshilfsgegenständen (Drogerie). Sie können das in Situationen wie länger am Tisch sitzen bleiben (nachdem das Kind mit Essen fertig ist) einsetzen, aber auch, um z.B.länger am Brettspiel teil zu nehmen ausprobieren, ob dies schon die Bewegungsunruhe reduziert bzw.die Konz.zeit verlängert. Zusätzlich empfehlenswert (am besten als kleines Abendritual) ist die Körperwahrnehmung zu fördern, z.B. über kleine Massagegeschichten, abrubbeln, gleichmässiges ringförmiges abdrücken der Arme und einzelnen Finger und Beine, Igelballmassage, etc. - denn nur wer sich selbst gut wahrnimmt und spürt, kann aus diesem Körperbild heraus auch z.B.die Hände für die Feinmotorik einsetzen (Stift halten, schneiden) und lernen den eigenen Körper zu regulieren/in die Entspannung zu finden. Hierfür eignet sich ein gleichmässiger fester Druck besser als zartes Streicheln. Das Stottern jedoch sollte eine logopädische Praxis beurteilen. Wichtig ist hierbei im Umgang, nicht ungeduldig zu werden/keinen Druck aufbauen, sondern sich die Zeit zu nehmen, geduldig mit Blick aufs Kind aufmunternd zunickend die benötigte Zeit zum sprechen zu geben. Alles Gute wünscht Kristin Windisch