Frage im Expertenforum Ergotherapie bei Kindern an Kristin Windisch:

3,5-Jähriger mit extremen Wutanfällen und Selbstverletzung – Hilft hier Ergotherapie?

Frage: 3,5-Jähriger mit extremen Wutanfällen und Selbstverletzung – Hilft hier Ergotherapie?

JasRie27

Beitrag melden

Hallo zusammen, Ich hoffe auf den Rat von Ergotherapeuten hier im Forum. Es geht um meinen 3,5-jährigen Sohn. Er ist ein sehr sensibles Kind und im Alltag super schnell reizüberflutet. Besonders Licht, laute Geräusche, Veränderungen und Übergänge im Tagesablauf fallen ihm extrem schwer. Im Kindergarten zieht er sich eher zurück, klammert sich an die Erzieher und findet kaum Anschluss zu anderen Kindern, obwohl er eigentlich gerne mitspielen würde. Die Kita hat inzwischen sogar das Thema Eingliederungshilfe angesprochen. Wir haben seine Zeit dort schon auf 3 Stunden täglich verkürzt, aber das hat leider gar nichts gebracht. Zuhause bricht mittlerweile täglich (oft mehrmals) die absolute Hölle aus. Wenn er wütend oder frustriert ist, weil etwas nicht klappt oder ich "Nein" sage, rastet er komplett aus. Er ist dann in seiner eigenen Welt und überhaupt nicht mehr ansprechbar. Das Schlimmste ist, dass er sich dabei selbst verletzt: Er haut seinen Kopf voller Wucht auf den Boden und schreit auch, dass er sich wehtun will. Wutkissen oder gutes Zureden bringen gar nichts, er lässt sich kaum beruhigen. Für mich wirkt es fast so, als bräuchte er diesen extremen Schmerz oder Druck am Kopf, um überhaupt wieder runterzukommen. Wir waren vor Kurzem bei einer Psychologin. Die meinte nur, er sei sozial-emotional überfordert. Als ich das Thema Ergotherapie ansprach, winkte sie ab: Das sei angeblich erst im Vorschulalter dran, wenn Kinder den Stift nicht richtig halten können. Ich habe mich jetzt aber belesen und genau das Gegenteil herausgefunden: Dass Ergotherapie eben auch bei Wahrnehmungsstörungen, Reizüberflutung und extremen Gefühlen im Kleinkindalter hilft. Wie seht ihr das als Fachleute? Macht Ergotherapie in unserem Fall Sinn? Und wie kann ich den Kinderarzt am besten davon überzeugen, uns ein Rezept auszustellen, wenn die Psychologin so quergestellt hat? Vielen Dank für eure Hilfe!


Kristin Windisch

Kristin Windisch

Beitrag melden

Hallo, das ist ja leider eine sehr allgemeine Sicht der Psychologin auf die Ergotherapie, denn auf Kinder spezialisierte Ergotherapie leistet wesentlich mehr als reine Stifthaltung und kann bei Regulationsstörungen z.B.sogar im Säuglingsalter beginnen, insofern dafür spezielle Weiterbildungen gemacht wurden (!). In dem Alter ist es natürlich etwas schwerer mit dem Kind Strategien zu erarbeiten, da kognitiv und sprachlich noch so viel in der Entwicklung steckt. Zu beurteilen wäre, ob die sprachliche Entwicklung soweit unauffällig ist, dass der Lernprozess die Wut sprachlich auszudrücken auch möglich ist. Das selbstverletzende Verhalten ist definitiv weiter psychologisch zu begleiten. Wichtig ist es, Alternativen herauszubekommen, was statt der Eigenverletzung zur Regulation wirkt. Es sollte beobachtet werden, ob es Drohen mit einer Selbstverletzung ist, um das Umfeld mit dem eigenen Verhalten zu beeinflussen, oder ob es dabei tatsächlich um das spüren an sich oder eine Eskalation der Wut handelt. Hilfreich ist hier z.B. auch bei bekannten "Auslöser Situationen", z.B. beim Essen, Zähne putzen, ein bestimmtes Spiel oder feinmotorische Aufgaben, etc.eine Videoaufnahme zu machen und danach das Kind nochmal zu beobachten: ab welchem Punkt ist das Verhalten gekippt, gab es "Vorwarnzeichen", wo man schon regulierend eingreifen kann, wie reagiert das Kind auf das Verhalten der Erwachsenen, guckt das Kind nach einer Gegenreaktion auf seine Handlungen (v.a.auch bei der Selbstverletzung) oder wütet es ohne sein Umfeld zu registrieren, usw. Dann ist es in dem Alter durch ausprobieren und beobachten eine Option Regulationshilfen anzubieten und zu schauen was wirkt, wenn man also schon merkt, dass sich der Erregungsgrad steigert (sprachlich begleitet und zurückgemeldet: ich merke, du ärgerst dich grad, du guckst verärgert, du machst dich ganz fest, du schreist die Wut grad heraus, du bist laut wie ein Löwe - in altersentsprechenden Worten), aber noch vor einer Eskalation: kaltes Wasser trinken, Kühlakku an die Stirn halten oder mit den Händen kneten, Eis-am-Stiel aus Wasser(!) lutschen (bitte kein richtiges Eis, das hätte dann sonst einen belohnenden Effekt auf aggr.Verhalten!), ein Vibrationsmassagegerät nutzen (ein elektrisches aber kabelfrei), zum sich selber spüren. Eine mögliche Reaktion auf selbstverletzendes Verhalten wäre auch ein festhalten von hinten mit Spürinformationen fürs Kind, z.B. starker Druck/Kneten der Arme/Rücken, insofern das toleriert wird, bis er ruhiger wird. Regulationsfördernd sind propriozeptive Reize, also Zug/Druck auf den Körper, z.B.ein Abrubbeln, Herauswinden aus einer fest umwickelten Decke oder unter einer Matte/einem Kissen, welches mit Druck auf das Kind gehalten wird (sodass es nicht wehtut oder ängstigt, aber das Kind sich gut spürt und sich anstrengen muss, daraus heraus zu kommen). In ruhigen Momenten spielerisch einüben, dass es vorher schon vertraut ist! "Wir gucken mal, wie groß die Wut gerade ist: ich halte deinen Arm fest (ringförmig mit den Händen umfasst) und du ziehst ihn mit Kraft heraus - auf beiden Seiten, bis die Erregung nachlässt.  Natürlich ist die Kooperation im Wutanfall an sich geringer, daher wäre es gut, dass mit dem Kind in ruhigen Momenten vorher zu besprechen: "immer, wenn du wütend bist, drücke ich deine Arme mit einem Kühlakku fest ab und wir gucken, wann der Ärger kleiner wird". Das sind aber Schritte, die schon vor einer Eskalation angewendet werden sollten, wenn der Ärger bemerkt wird. Auch Vorbildfunktion ist hilfreich: "das ärgert mich jetzt, ich werde grade wütend, da nehme ich mir den Kühlakku und knete/drücke ihn mit meinen Händen!" das kann auch gespielt als Rollenspiel einen Lerneffekt haben.   Bei Bedraf kann evtl.auch homöopathisch unterstützt werden, z.B.mit Chamomilla, was beruhigend und nervenentspannend wirkt.  Für die Kita wäre evtl.ein Lärmschutz zum aufsetzen sinnvoll (so dass er den selber holen kann, aber beim Aufsetzen wird er vermutlich noch Unterstützung vom Erz.team brauchen, so kann ausprobiert werden, ob z.B.laute Situationen wie Garderobe für ihn erleichtert werden können). Eine Videoaufnahme eines Wutanfalles mit Selbstverletzung überzeugt evtl.auch Kinderärzte, da weiter mit Therapiemaßnahmen zu handeln, sei es Ergotherapie (auf Kinder mit Regulationsstörungen, aggr.Verhalten, WNprobl. weitergebildet und Erfahrungen in dem Altersbereich hat, auf der Hoempage der Praxen stehen öfter die Weiterbildungen, Behandlungsansätze und dann am besten konkret danach fragen und die Alltagssituation schildern) oder bspw.eine Frühförderung, die auch in die Kita kommen kann. Schildern Sie Arzt/Ärztin gegenüber die Alltagsbelastung und dass auch die Kita zusätzliche Unterstützung angeraten hat. Ich hoffe es war die ein oder andere Anregung dabei, da ich ihr Kind nicht kenne, ist es schwierig da gezielt eine Anwendung mitzugeben, die direkt hilft, daher probieren und beobachten Sie aus, welches der oben beschriebenen Maßnahmen die Wut regulieren hilft. Zu beachten ist stets, dass das vom Kind gezeigte Wut-Verhalten nicht zu einer Belohnung führen sollte (ein Durchsetzen seines Willens, das Nein dann durch sein Verhalten nicht zu einem Ja werden lassen), aber Alternativen anbieten und in Alltagssituationen mit angemessenem Verhalten des Kindes auch Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung zulassen.  Alles Gute und starke Nerven! Kristin Windisch


Bei individuellen Markenempfehlungen von Expert:Innen handelt es sich nicht um finanzierte Werbung, sondern ausschließlich um die jeweilige Empfehlung des Experten/der Expertin. Selbstverständlich stehen weitere Marken anderer Hersteller zur Auswahl.