kleinsteff
Sehr geehrter Dr Posth, mich beschäftigt eine Frage. Wie lehrt man denn seinen Kindern Dankbarkeit, Bescheidenheit und Zufriedenheit? Ich meine damit solche Dinge wie Süßigkeiten genießen anstatt immer mehr zu wollen, mit 3 Puppen zufrieden zu sein anstatt 10 hinterherzuweinen, auch im späteren Leben über sein Auto dankbar zu sein anstatt immer nach dem neusten Modell zu schauen. Ich habe selbst für einige Monate in Afrika gelebt, doch diese tolle Erfahrung können Kinder ja nicht machen. Ich bin sehr gespannt auf ihre Antwort. Danke, großes Lob für ihre tolle Arbeit und viele Grüße
Hallo, wenn Sie Bescheidenheit und Maßhalten als Tugend ansehen, dann ist zu fragen, was im Laufe des Lebens dazu beiträgt, auf berechtigte Bedürfnisse mit Verzicht zu reagieren. Zugleich stellt sich die Frage, wann im Leben jene inneren Reifeschritte zustande kommen, die dieses Maßhalten ermöglichen. Sie selbst stellen eine Hypothese auf, die besagt, dass Bescheidenheit leichter zu erlernen sei, wenn gar nicht genug von der Sache zu haben oder zu bekommen ist. Und als Beweis für diese Auffassung ziehen sie die Lebensverhältnisse in Afrika heran. Das sehe ich nicht so wie Sie. Abgesehen einmal davon, dass es in Afrika ganz unterschiedliche Lebensbedingungen gibt und längst nicht überall die Einfachheit die Existenz bestimmt, glaube ich auch nicht, dass in der Einfachheit und dem damit in Verbindung stehenden Mangel eine Wurzel für Bescheidenheit liegen könnte. Bescheidenheit zeigt sich eher da, wo Überfluss herrscht, aber Verzicht geübt wird. Anders gesagt: Entbehren ist keine Tugend sondern ihr Gegenteil, verzichten. Kleine Kinder, das lässt sich leicht testen, können nicht verzichten. Und wenn Dinge im Überfluss vorhanden sind, empfinden sie für das, was sie bekommen, auch keine Dankbarkeit. Zufrieden sind sie erst dann, wenn sie alles bekommen, was ihr Herz begehrt. Das ist nur natürlich. Was Sie beim Kind erwarten, ist vermutlich auch etwas anderes, und das entwickelt sich erst mit zunehmenden emotional-sozialen und geistig-kognitiven Reifeschritten. Ich würde das Ergebnis dieser Reifung und Entwicklung gerne als Vernunft bezeichnen und lege dieser Vernunft die Empathie und das Gewissen zugrunde. Es muss meiner Auffassung nach erst Einsicht in diese Dinge zustande kommen, dass etwas ungerechtfertigt ist, wenn man es tut, dass es dem anderen etwas wegnimmt, wenn man es selbst nimmt und dass es übertrieben ist, wenn man es sich wünscht oder gar verlangt. Aber dafür muss zugleich auch ein Maßstab gefunden sein, der den entsprechenden ethisch-moralischen Wert abgibt, und dieser Maßstab ergibt sich aus eigener Erfahrung, gutem Vorbild und richtiger Erziehung. D.h. nicht das Kind findet diese Ausrichtung eigener Bedürfnisse am allgemeinen Anspruch und Maßstab durch sich selbst, es muss durch das Vorleben und den erzieherischen Einfluss seiner Bezugspersonen dazu gebracht werden. Von Natur aus sind der Mensch und ganz besonders das kleine Kind egoistisch und stellt sein Selbst in den Mittelpunkt. Erst der Abgleich mit den Mitmenschen, die Einfühlsamkeit in deren Gefühlsleben und deren Bedürfnislage und die Vernunft mit der Fähigkeit zur Selbststeuerung verschaffen dem älteren Kind und Erwachsenen die selbstbeschränkenden Eigenschaften, die sie für die Ausbildung der Tugend brauchen und die Sie in Ihrem Schreiben angesprochen haben. Solche Tugenden müssen also in einem Reifungs- und Läuterungsprozess entwickelt werden. Ein fremdes Vorbild aus einem anderen Kontinent eignet sich dazu nicht. Solche Dinge werden hauptsächlich in der eigenen Familie und der unmittelbaren Lebensumgebung erlernt und zwar nicht durch Belehrung oder Beschulung, sondern durch innere Reifung und bindungssicheres Vorbild. Ich hoffe, ich konnte mich verständlich machen. In meinem neuen Buch, das voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres erscheinen wird, bespreche ich alle diese Dinge sehr viel ausführlicher. Viele Grüße und danke für Ihr großes Lob.
PS. In meinem Langtext über das Emotionale Bewusstsein hier auf dieser Seite im Teil 4 steht schon eine ganze Menge über solche Fragen in der frühkindlichen Entwicklung zu lesen.
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