Babbel
Ich (39, zwei kleine Kinder) date seit fünf Monaten einen Mann (45, ich nenne ihn hier einfach X. Er ist geschieden und hat ebenfalls zwei Kinder. Ich komme aus einer achtjährigen Beziehung und habe mich nicht schnell wieder verliebt. Bei X ist es aber passiert. Gleichzeitig zweifle ich mittlerweile daran, ob wir überhaupt zusammenpassen oder ob ich mich in dieser Verbindung verloren habe. X ist ein sehr spezieller Mensch. Er hat mir von Anfang an gesagt, dass er findet, dass die Menschen heutzutage generell viel zu schnell ineinander hineinstürzen würden. Wir hatten insgesamt neun Treffen à 5–7 Stunden, bevor wir uns überhaupt das erste Mal geküsst haben. Er meinte später sogar, ich hätte ihn ja auch früher küssen können, wenn ich gewollt hätte. Für mich war aber klar, dass er das Tempo vorgibt, weil er nach dem 3. Treffen sagt er, dass er es gut findet, dass wir uns "langsam" kennenlernen. Was mich zusätzlich verwirrt: Der erste Kuss ließ sehr lange auf sich warten, aber bereits zwei Treffen später hatten wir zum ersten Mal Sex. Das wollte ich natürlich ebenfalls, und es war für mich schön und stimmig. Trotzdem ging die Initiative damals sehr von ihm aus. Diese Mischung aus großer Vorsicht und Langsamkeit auf der einen Seite und einer dann doch recht schnellen körperlichen Entwicklung auf der anderen Seite passt für mich bis heute nicht so richtig zusammen und macht es mir schwer, ihn einzuordnen. Er ist generell sehr langsam und zurückhaltend. Gleichzeitig kann er unglaublich liebevolle Dinge sagen. Er sagte zum Beispiel, er habe schon mehrmals den Impuls gehabt, mich „Schatz“ zu nennen. Er wünsche sich eigentlich eine Partnerin, mit der er alt werden könne. Irgendwann verliere Sex zwar an Spannung, aber andere Dinge würden wichtiger werden. Ich war überrascht und meinte, ich hätte ihn eher als jemanden eingeschätzt, der keine langfristige Bindung wolle und eher das Abenteuer suche. Darauf antwortete er, ich würde ihn falsch einschätzen. Er sagte auch, er habe mich sehr gern und schon lange nicht mehr so empfunden. Andererseits ist er bei Definitionen extrem vage. Einmal sagte er, es fühle sich für ihn wie eine Beziehung an, zwei Wochen später meinte er dann, wir seien erst auf dem Weg dorthin. Als ich sagte, dass mich das verunsichert, meinte er, ich würde jedes Wort auf die Goldwaage legen und es sei doch gar nicht wichtig, wie man etwas nennt – entscheidend sei doch das Gefühl. Ein großes Problem waren für mich viele lange, fremde Haare in seiner Wohnung. Ich habe sie überall gefunden: neben dem Bett, auf dem Nachttisch, beim Sofa und an verschiedenen anderen Stellen. Ich habe ihn mehrfach gefragt, ob wir exklusiv seien und ob er noch andere Frauen date. Er hat immer gesagt, dass er niemand anderen treffe. Irgendwann habe ich gesagt, dass ich so nicht mehr kann und mich diese Haare verrückt machen. Dann hatten wir wieder einige Tage keinen Kontakt. Ich habe ihm gesagt, dass Wahrheit für mich unglaublich wichtig ist und dass ich sogar damit hätte leben können, wenn er anfangs parallel gedatet hätte – ich wollte einfach Ehrlichkeit. Daraufhin hat er es schließlich zugegeben. Er meinte, dass er tatsächlich anfangs noch parallel gedatet habe, dass das inzwischen aber vorbei sei. Er hatte Angst wenn er es zu gibt, dass ich dann dann abgesprungen wäre. Trotzdem blieben seine Aussagen und sein Verhalten für mich oft widersprüchlich und schwer greifbar. Ein Beispiel: Ich war einmal abends im Theater und habe ihm gegen 22 Uhr per WhatsApp geschrieben, ob wir uns danach vielleicht noch kurz sehen könnten, da er nur etwa fünf Minuten vom Theater entfernt wohnt. Ich hätte mich einfach gefreut, ihn noch kurz zu sehen. Er hat mir dann erst gegen 23 Uhr für den Abend viel Spaß im Theater gewünscht – obwohl die Vorstellung zu diesem Zeitpunkt natürlich längst vorbei war und meine Frage unbeantwortet blieb. Solche Situationen passieren immer wieder, und ich werde einfach nicht schlau aus diesem Mann. Er sagt oft Dinge wie, man müsse nichts überstürzen, Zeit und Vertrauen seien wichtig, nach Konflikten sei es manchmal gut, sich eine Zeit lang nicht zu sehen, auf Druck reagiere er mit Rückzug und Schmerz gehöre zum Leben und gehe auch wieder vorbei. Ich bin hingegen das genaue Gegenteil. Ich möchte Dinge ansprechen, klären und wissen, woran ich bin. Wahrheit und Ehrlichkeit sind für mich zentrale Werte, und ich brauche Verbindlichkeit und emotionale Sicherheit. Ein großes Problem war deshalb mein Misstrauen. Ich habe immer wieder Gespräche über unsere "Verbindung" angefangen und mich insgesamt drei Mal kurz zurückgezogen bzw. gesagt, dass ich so nicht weitermachen kann. Nach wenigen Tagen bin ich allerdings immer wieder auf ihn zugegangen, weil ich ihn nicht verlieren wollte. Ich weiß mittlerweile selbst, dass dieses Muster nicht gesund war. X hingegen ist eher freiheitsliebend und unstrukturiert. Er braucht offenbar viel Zeit für sich, meldet sich manchmal einen ganzen Tag nicht (ich schreibe auch nicht viel und hänge auch nicht viel am Handy), geht nicht ans Handy, wenn wir telefonieren wollten, und lebt sehr aus dem Moment heraus. Gleichzeitig funktioniert er beruflich offenbar hervorragend. Ich habe oft das Gefühl, dass er nur für die schönen Seiten des Lebens da sein möchte. Er selbst sagte einmal, er habe keine Lust auf ein „Spießerleben“. Andererseits verbindet uns unglaublich viel. Wir haben denselben Humor, eine starke körperliche Anziehung, eine sehr offene und unkomplizierte Sexualität und viele schöne gemeinsame Erlebnisse. Ich habe durch ihn einen Teil meiner Sexualität wiederentdeckt, der in meiner langen Beziehung verloren gegangen war. Vor wenigen Tagen habe ich ihm schließlich gesagt, dass ich denke, dass ich ihn ein bisschen liebe. Ich habe aber auch gesagt, dass ich glaube, dass seine Gefühle anders sind und er nichts darauf antworten müsse. Am nächsten Morgen habe ich ihm eine längere Sprachnachricht geschickt. Ich habe darin gesagt, dass mich seine widersprüchlichen Aussagen verletzen und verunsichern, dass ich glaube, dass er mich gern hat und attraktiv findet, ich aber vermute, dass er vielleicht nicht über ein „Ich hab dich lieb“ hinauskommt. Denn das sagt er oft zu mir, "hab dich lieb". Ich habe gesagt, dass ich mich nun zurückziehe und ihn bitte, sich Gedanken darüber zu machen, was er eigentlich möchte, und mir seine Erkenntnisse mitzuteilen. Seitdem herrscht Funkstille. Ich schwanke im Moment zwischen zwei Polen. Der eine Teil von mir denkt: Bitte melde dich endlich. Selbst eine Absage wäre besser als diese Ungewissheit. Der andere Teil denkt: Vielleicht habe ich mich in dieser Beziehung zu sehr verloren und es wäre besser, jetzt einige Wochen oder Monate Liebeskummer zu haben, um danach wieder ganz bei mir und meinen Kindern anzukommen. Ich frage mich deshalb: sind wir einfach zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Nähe, Kommunikation und Beziehung? Und würdet ihr an meiner Stelle noch abwarten oder irgendwann einen endgültigen Schlussstrich ziehen? Meine Nachricht habe ich am Samstag geschickt und seit dem kam keine Antwort. Darf ich euch um eine Einschätzung bitten? Manchmal sind die Worte von Fremden "besser" und ehrlicher, als diejenigen aus dem unmittelbaren Umfeld. DANKE.
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