KlaraElfer
Niemand weiß ob das alles so zugegangen ist, wie Plato (oder Aristophanes) sich das erklärt: das die Menschen einmal nur ein Geschlecht hatten, männlichweiblich, und jeder hatte vier Hände und Schenkel und zwei Gesichter und vier Ohren undsoweiter, und daß Zeus sie dann in zwei Hälften zerschnitten hat, so wie man Früchte zerschneidet, um sie einzumachen. Niemand weiß, ob das der Grund ist, warum die Leute Sehnsucht nach etwas haben, das ihnen abgeht. Nach etwas, das sie nicht sind. Aber wir wissen, daß wir eine solche Sehnsucht haben, sonst wären viele Dinge nicht zu erklären. Zum Beispiel das hier: Da ist eine Frau, an der alles schön ist, mit Ausnahme ihrer Füße und ihrer Blinddarmnarbe. Sie hat wunderbare Beine und atemberaubende Knie, aber niemand käme auf die Idee, auch nur ein sehr kurzes Gedicht über ihre Füße zu schreiben. Ihre Füße haben keine Chance, in die Literatur einzugehen, und wir werden das hier auch nicht versuchen. Sie ist so schön, daß die Leute, wenn sie mit ihr reden, sich wie vor einem seltsamen Spiegel selber schön vorkommen, aber sie hatte eine Blinddarmnarbe, die man fast als entstellend bezeichnen könnte. Bikinis sind immer ein Problem für sie. Als sie vor zwei Jahren mal bei einem Arzt war, rief der Arzt bei der Untersuchung erschrocken aus: „Wer hat denn DAS gemacht???!!!! Und DAS war natürlich die Blinddarmnarbe. Und diese Narbe bringt uns wieder zurück zu Plato. Die Frau, von der wir hier reden, lebt seit vielen Jahren mit einem Mann zusammen, an dem es nur zwei schöne Stellen gibt – seine Füße und seine Blinddarmnarbe. Seine Blinddarmnarbe ist wie der Kondensstreifen eines schönen Flugzeugs, der sich an einem vollkommen klaren, unversehrten Himmel nur noch erahnen läßt, und über seine Füße wären schon viele Gedichte gemacht worden, wenn über Männerfüße überhaupt Gedichte gemacht werden würden. Aber das kommt ja nicht vor. Er hat also genau das, was ihr fehlt, und wenn eine Frau, über deren Füße wir uns hier nicht äußern wollen und einer Blinddarmnarbe einen Arzt bis an die Grenze der Kollegenschelte treibt, mit einem Mann zusammen ist, der alles was ihr fehlt in einem vollkommenen Maß hat, während sie alles, was ihm fehlt, im Übermaß besitzt, dann können wir Plato kaum mehr widersprechen. Auch wenn Platos Urform, der männlichweibliche Mensch mit vier Händen und Schenkeln und mit zwei Gesichtern und vier Ohren undsoweiter vielleicht kein besonders erstrebenswertes Gebilde ist, kann man doch sagen, daß die beiden hier zusammen alles haben, was sich ein Mensch nur wünschen kann. Vielleicht ist es wirklich so, daß wir irgendwann einmal auseinandergeschnitten worden sind, wie Obst, bevor es eingemacht wird, und dann kam diese verrückte Sehnsucht in die Welt, und dann sind wir – wenn wir Glück haben – irgendwie wieder zusammengekommen, in Schönheit zusammengekommen, viel schöner als vorher mit diesen vielen Ohren und Händen und Zehen und so vielen Fingernägeln, die man schneiden muß. Dann sind wir wie die beiden hier: zwei und eins gleichzeitig, mit zwei wunderschönen Füßen und einer Blinddarmnarbe, die sich für immer wie der Kondensstreifen eines schönen Flugzeugs an einem vollkommen klaren, unversehrten Himmel nur noch erahnen läßt. (Günter Ohnemus)
Hach schöööön :-) bei uns isses so... dass was ich an Temperament zu viel habe, gleicht Männe mit seiner Ruhe aus usw :-) schöner text über das Sich-ergänzen :-)
...ich fand nach allem, was ich von Plato gelesen habe, er muss ein schrecklich selbstgerechter, humorbefreiter, nörgeliger und pedantischer alter Mann gewesen sein. Aber anscheinend war selbst Plato einmal jung - auch wenn ich mir das nach der Lektüre im Griechisch-Unterricht nicht mehr vorstellen kann. ;-)
".ich fand nach allem, was ich von Plato gelesen habe, er muss ein schrecklich selbstgerechter, humorbefreiter, nörgeliger und pedantischer alter Mann gewesen sein." Dann war seine ihn ergänzende Hälfte ganz bestimmt seine sprichwörtlich bessere ;o)
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