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Geschrieben von Elamaus am 21.03.2006, 10:47 Uhr zurück

Kinderwagen-Kino - was denkt ihr darüber?

Kreischkonzerte inklusive
Eltern können dank "Kinderwagen-Kino" mal wieder in Filmvorführungen gehen
Nur wenige Paare entscheiden sich heute für Kinder, viele Frauen bleiben kinderlos. Wer Kinder hat, muss verzichten - so die Meinung vieler Deutscher. Verzichten auf Karriere, auf Kontakte, auf Kultur. Damit die Lust auf Familie steigt, braucht es einen Mentalitätswandel. Kinder müssen nicht Entsagung bedeuten und schon gar nicht das Ende jeglicher kultureller Zer-streuung. Kind und Kino lassen sich sehr gut vereinbaren.

von Anne Arend, 21.03.2006
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Klaus Plate ist noch müde, als er den Wickeltisch im Foyer aufbaut. Als Leiter eines Hamburger Programm-Kinos arbeitet er meist in der zweiten Tageshälfte. Doch heute steht er schon früh am Morgen hinter der Kinokasse, denn um halb elf beginnt die erste Vorstellung, die "Kinderwagen-Vorstellung". Einmal im Monat hat das Kino in Hamburg-Altona ganz besondere Gäste: Eltern mit ihren Babys.

Ohne Stress und ohne Babysitter
Draußen scheint die Sonne. Plate steht am Eingang: "Kann schon sein, dass die Mamis heute mit ihren Kleinen lieber in den Park gehen, statt ins Kino zu kommen." Doch da rollt der erste Kinderwagen an. Plate hält die Tür auf und hilft, den Wagen die drei Stufen vorm Kino hoch zu tragen. "Der Kleine wird immer munterer", stellt er fest. Zum "Kinderwagen-Kino" kommen fast nur Stammgäste. Der Kleine heißt Ben, ist sechs Monate alt und hat in seinem kurzen Leben noch keine Vorstellung verpasst. In seinem ersten Film war er mit acht Wochen: Jim Jarmuschs "Broken Flowers". Er hat den Film verschlafen.

Nike Flury mit Kind, Freundin und Popcorn

20 Kinderwagen passen in das Kino. Der Ton läuft leiser als sonst, das Licht wird nur gedimmt. Für viele Eltern sind die Kinderwagen-Vorstellungen die einzige Möglichkeit mal wieder ins Kino zu gehen, ohne gleich einen Babysitter organisieren zu müssen. "Ich liebe Filme und möchte nicht darauf verzichten." Im Kalender von Ulrike Jürgens steht "Kinderwagen-Kino" deshalb als fester Termin. Auch Cord, ihr kleiner Sohn, freut sich. Vor der Vorstellung turnt er auf den Knien seiner Mutter und versteckt sich zwischen den Kinosesseln.

Die Idee zum "Kinderwagen-Kino" stammt von Torben Scheller, Besitzer von zwei Programm-Kinos in Hamburg und Hannover. In einer amerikanischen Zeitung las er Artikel über "Movies for Mamis", sein Freund war gerade Vater geworden und so kam das eine zum anderen.

Zitat
"Es ist ja etwas anderes, ob man sein Kind zuhause vor die Glotze setzt, damit es still ist oder ob man es mit ins Kino nimmt. Die schlafen doch eh."

Ulrike JürgensNiemand zischt "Ruhe!"
Nike Flury hat nicht nur ihren Sohn, sondern auch gleich eine Freundin mitgebracht. Weil ihr Kleiner noch schnell gewickelt werden muss, beginnt die Vorstellung 15 Minuten später. Endet die Toleranz des Kinofans normalerweise bei raschelnden Popcorntüten, so können sich die Mütter hier auf volles Verständnis einstellen. Niemand schüttelt den Kopf. Niemand zischt "Ruhe". Klaus Plate: "Wenn ein Kind anfängt zu schreien, machen die anderen mit. Das kann dann schon mal ein kleines Kreischkonzert geben." Doch wegen des Kindes hat noch keine der Mütter das Kino vor Ende der Vorstellung verlassen. "Einmal saß am Ende nur noch die Hälfte drin. Das lag aber am Film", gesteht Plate.

Es ist nicht leicht, den richtigen Film auszuwählen. Es muss ein Film sein, der aktuell im Programm läuft, ab null Jahren freigegeben, aber kein Kinderfilm ist. Plate würde auch Filme ab sechs zeigen, aber das gibt schnell Ärger: "Irgendein Beamter hat uns mal angezeigt, weil wir einen Film ab sechs Jahren gezeigt haben." Seitdem ist Plate lieber vorsichtig. Auf Kosten des Publikums - und des Kinos. Im Kinosaal sitzen neun Besucher, davon vier Kleinkinder. Plate: "Das große Geld verdient man damit nicht. Wir kommen bei plusminus Null raus. Aber wenn die Gäste zufrieden sind, haben wir ja auch was davon."

Besondere Gäste: Erika Nastasi mit ihrer TochterSkeptische Mütter
"Ich mache immer Werbung bei meinen Freundinnen." Ulrike Jürgens hat schon oft versucht, befreundete Mütter mitzubringen. Aber die haben Bedenken, fürchten, dass es ihrem Kind schaden könnte, wenn es auf eine flimmernde Leinwand schaut. Ulrike Jürgens hält das für übertrieben: "Es ist ja etwas anderes, ob man sein Kind zuhause vor die Glotze setzt, damit es still ist oder ob man es mit ins Kino nimmt. Die schlafen doch eh."

Cord ist neun Monate alt und während der ganzen Vorstellung ruhig. In einer der hinteren Reihen schlägt ein kleines Mädchen Holzklötze aufeinander. Man vergisst schnell, dass man sich den Kinosaal mit Babys teilt. Die Blicke der Mütter bleiben auf die Leinwand gerichtet. Heute wird "Urlaub vom Leben" gezeigt. Für die Zuschauerinnen ist es ein Urlaub vom Alltag.

Infobox
Kinderwagen-Kino noch selten in Deutschland
Es sind vor allem Programm-Kinos, die zu festen Terminen Filme für Eltern mit ihren Kleinkindern zeigen. Die Vorstellungen heißen "Schnuller-Kino", "Babykino" oder eben "Kinderwagen-Kino".

 

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