Johanna_B
Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, ich möchte mich zunächst von ganzem Herzen bedanken, dass Sie mir im entscheidenden Moment Mut zugesprochen haben, den Transfer zu wagen. Ich bin tatsächlich schwanger geworden und bin heute SSW 7+3. Der erste Ultraschall wird nächsten Donnerstag durchgeführt. Ich nehme derzeit alle drei Tage 2 Pflaster 75 mg/24 Stunden Estramon und 2 mal 400 mg Utrogest Luteal vaginal (um 10.30 und um 22.30 Uhr). Seit dem positiven Test lasse ich wöchentlich meine Hormonwerte überprüfen. Estradiol steigt von Woche zu Woche, der Progesteronwert bewegte sich bisher meist zwischen 15 und 16 ug/l. Eine ungewöhnliche Schwankung gab es jedoch: am 12.8. lag er bei 10,7 ug/l und exakt 24 Stunden später - ohne Veränderung der Medikation - am 13.8. bei 16,0 ug/l. Im Einzelnen waren die letzten Werte wie folgt: Werte am 27.8.: Estradiol: 365 ng/l Progesteron: 15,2 ug/l Werte am 3.9. Estradiol: 422 ng/l Progesteron: 12,5 ug/l Da mir der Progesteronwert niedrig vorkam, habe ich die Blutabnahme am 4.9. wiederholt: Estradiol: 426,5 ng/l Progesteron: 13,9 ug/l Leider war diese Probe hämolytisch (H224, Referenzbereich kleiner 99). Die Werte vom 3.9. und vom 4.9. stammen nicht von dem Labor, in dem bisher die Kontrollen durchgeführt wurden. Auch handelt es sich bei dem Labor vom 3.8. und dem vom 4.9. um zwei verschiedene Labore, da wir momentan ein paar Tage in Bayern unterwegs sind. Wie schätzen Sie die Situation ein? Gibt es etwas zu tun? Ganz herzliche Grüße, Johanna
Liebe Johanna, zunächst einmal: Was für eine schöne Nachricht! 😊 Und herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft! Ich freue mich wirklich sehr, dass Sie damals den Mut zum Transfer gefunden haben und dass dieser nun tatsächlich mit einer Schwangerschaft belohnt wurde. Bei 7+3 sind Sie schon ein gutes Stück weiter, und ich drücke Ihnen für den Ultraschall am Donnerstag ganz fest die Daumen. Zu Ihren Hormonwerten würde ich Sie zunächst einmal beruhigen. Der wichtigste Punkt ist: Progesteronwerte unter vaginaler Gabe von Utrogest können im Blut erheblich schwanken. Das liegt zum einen an der Pharmakokinetik und am Abstand zwischen der letzten Utrogest-Gabe und der Blutentnahme, zum anderen aber auch an Unterschieden zwischen den Laboren und deren Messmethoden. Gerade bei Ihnen kommt hinzu, dass die letzten Messungen in unterschiedlichen Laboren erfolgt sind. Solche Werte lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres eins zu eins miteinander vergleichen. Das sieht man sehr schön an Ihren eigenen Messungen vom 12. und 13. August: 10,7 µg/l und nur 24 Stunden später 16,0 µg/l – bei unveränderter Medikation. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark ein einzelner Serumwert schwanken kann, ohne dass sich die tatsächliche Versorgung der Gebärmutter entsprechend verändert haben muss. Hinzu kommt etwas Wichtiges: Bei vaginal verabreichtem Progesteron besteht ein ausgeprägter sogenannter „first uterine pass effect“. Vereinfacht gesagt erreicht Progesteron nach vaginaler Anwendung besonders gut das Endometrium bzw. die Gebärmutter. Der Progesteronspiegel im Blut bildet daher die Progesteronwirkung am Zielorgan nicht so zuverlässig ab, wie man intuitiv vermuten könnte. Ihre Werte von 15,2 µg/l am 27.8., 12,5 µg/l am 3.9. und 13,9 µg/l am 4.9. liegen für mich deshalb nicht in einem Bereich, bei dem ich aufgrund dieser Zahlen allein in Alarm geraten würde. Auch den hämolytischen Wert vom 4.9. würde ich nicht überbewerten. Und Ihr Estradiol steigt mit 365 → 422 → 426,5 ng/l erfreulicherweise weiter an. Ich würde deshalb jetzt nicht hektisch aufgrund einzelner Laborwerte die Medikation verändern. Sie nehmen mit 2 × 400 mg Utrogest vaginal bereits eine ordentliche Progesterondosis. Wenn Sie weiter kontrollieren möchten, wäre es sinnvoll, die Blutentnahmen möglichst immer im selben Labor und ungefähr im gleichen zeitlichen Abstand zur letzten Progesterongabe durchführen zu lassen. Dann werden die Werte wesentlich besser vergleichbar. Noch wichtiger als diese kleinen Schwankungen wird jetzt allerdings etwas anderes: der Ultraschall. Bei 7+3 bzw. dann noch einige Tage später sollte er uns wesentlich mehr über die Entwicklung Ihrer Schwangerschaft sagen können als weitere engmaschige Progesteronmessungen. Wenn dort ein zeitgerecht entwickelter Embryo mit guter Herzaktion zu sehen ist, ist das für mich die entscheidende und sehr viel aussagekräftigere Information. Bis dahin würde ich Estramon und Utrogest genauso weiternehmen, wie es Ihnen für den Transfer verordnet wurde, und nichts eigenständig reduzieren oder absetzen. Und vielleicht darf ich Sie auch ein klein wenig daran erinnern, weshalb ich Ihnen damals zum Transfer geraten habe: Manchmal kann die Reproduktionsmedizin sehr viele Zahlen messen und sehr viele Risiken diskutieren – aber am Ende muss man einem Embryo auch die Chance geben, uns zu zeigen, was er kann. Ihr Embryo hat diese Chance bisher ausgesprochen schön genutzt. 😊 Jetzt fehlt uns am Donnerstag noch der nächste große Schritt. Ich drücke Ihnen sehr die Daumen, dass Sie dann einen kleinen, zeitgerecht entwickelten Bewohner mit kräftig schlagendem Herz begrüßen dürfen. 🍀 Ganz herzliche Grüße Ihr Dr. Gagsteiger
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