Nun kann es jeder lesen. BITTESCHÖN..... _______________________________________________________________ EINLEITUNG 12.00 Uhr am 25. Dezember: Ein Orkan bricht über New York herein. Innerhalb weniger Stunden versinkt die Stadt in Eis und Schnee. Aus der Dunkelheit, die folgt, schießen blaue Blitze hervor. Als sie verschwunden sind, ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Welt ist eine andere geworden: gefährlich und wild, ohne Technik und Zivilisation – und ohne Erwachsene. Übrig sind nur die Kinder, unter ihnen Matt, Tobias und Ambre. Gemeinsam machen sie sich auf in ein unglaubliches Abenteuer ... Bist du bereit für das Abenteuer deines Lebens? Alterra nimmt dich mit auf die unheimliche Reise in eine andere Welt ... ------------------------------------------------------------------------------------------- Das sagen die ersten Testleser: »Das ist ein ganz fantastisches Buch. Der Autor hat es geschafft, mich vollkommen in seinen Bann zu ziehen. Es ist spannend, teils beklemmend und weist keinerlei Längen lauf. Es ist gespickt voller versteckter Moral unsere Erde besser zu behandeln, da sie sich sonst grausam an uns rächen wird. Ein Cliffhanger ist vorhanden, und ich warte nun gespannt auf Teil 2! 10 Punkte!« Daniela »Man kann es gar nicht erwarten zu erfahren, was um die nächste Ecke passiert. Beim Lesen fällt sofort auf, dass die Geschichte sehr an Der Herr der Ringe und Der Herr der Fliegen angelehnt ist. In meinen Augen war da auch ein Hauch von Harry Potter, auch wenn ich dies nicht genau erklären kann. Aus diesen Werken hat Chattam das Beste herausgenommen und aus diesem Material etwas Eigenes geschaffen, das sich wirklich nicht hinter diesen Originalen verstecken muss. Alterra hat mich wirklich gepackt und gar nicht mehr losgelassen. Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und kann hier wirklich nur die besten Empfehlungen aussprechen. Ich bin sehr begeistert und freue mich schon auf die Fortsetzung.« Andreas »Konzeptionell erinnert das Szenario der Geschichte an die SF der 60-er und 70-er Jahre. Nach einer globalen Katastrophe versuchen die wenigen Überlebenden den Alltag zu meistern und eine Erklärung für das Geschehen zu finden. Anstatt schuldbewussten Erwachsenen haben wir hier jedoch Kinder, die ohne Führung geblieben sind, und sich selbst organisieren. Ein Motiv, das auch in der Literatur seinen Weg gefunden hat (William Goldings Der Herr der Fliegen). Der Aspekt des Unerklärlichen ist hier durch geheimnisvolle, magische Kräfte ersetzt (was sich seit J. K. Rowling einer Beliebtheit erfreut). Hier enden jedoch die Assoziationen, denn der Autor hat aus in der Literatur bewährten Zutaten eine völlig neue Welt entworfen. Die Geschichte selbst ist lebhaft, in einer gepflegten Sprache geschrieben (Kompliment auch an den Übersetzer!) mit vielen, auch für ›alte Hasen‹ dieses Genres, unerwarteten Wendungen. Die liebevoll ausgestattete Aufmachung des Buches rundet die Lektüre ab und macht sie zu einem unvergesslichen Genuss. Vorsicht! Das Buch macht so neugierig, dass man jede freie Minute in der Welt von Alterra verbringen möchte.« Bernadette ........................................................................... [...] 2. Magie [...] Am Weihnachtstag stellte Matt erfreut fest, dass seine Eltern versuchten, gelassen zu bleiben. Man hätte fast glauben können, dass sie sich wieder zusammenraufen wollten. Beim Anblick des Stapels von Geschenken, die sie ihm gekauft hatten, begann er zu strahlen, aber dann begriff er, dass sie ihn so verwöhnten, weil es ihr letztes Weihnachten zu dritt war. Das Lächeln erstarb auf seinen Lippen, bis er beim letzten und größten Paket anlangte. Noch bevor er es aufmachte, wusste er, was es war, und platzte fast vor Glück: Aragorns Schwert. „Das ist eine authentische Nachbildung“, betonte sein Vater stolz. „Keine mit Luft gefüllte Imitation. Das ist eine richtige Waffe, wenn du die Klinge schärfst. Es heißt also aufpassen, junger Mann.“ Matt zog das Schwert aus der Verpackung, streckte es in die Luft und stellte überrascht fest, wie schwer es war. Die Klinge glänzte vor seinen Augen, als finge sie das Deckenlicht ein. Wie Elbensterne, dachte er. Im Paket inbegriffen waren eine Wandhalterung und eine lederne Scheide mit Riemen, um es auf dem Rücken zu tragen, wie im Film. „Danke! Ich weiß schon, wo ich es hinhängen werde!“, sagte Matt. „Ich kann es kaum erwarten, die Gesichter der anderen zu sehen, wenn ich es ihnen zeige!“ Am nächsten Morgen zog Matt sich hastig an und ging ins Wohnzimmer, wo sein Vater die Nachrichten ansah. Der Sprecher kommentierte gerade die schrecklichen Verwüstungen nach einem Sturm. „Dies ist bereits der dritte Zyklon in zwei Monaten, der über diese ansonsten verschonte Region hinwegfegt, und das zur gleichen Zeit, wo eine Serie von Erdbeben Asien erschüttert.“ Ein anderer Journalist fügte hinzu: „Ja, Dan, ein Thema ist seither in aller Munde: Angesichts der Witterungsbedingungen, die sich radikal gewandelt haben, und der zahlreichen Naturkatastrophen der letzten Jahre muss man sich fragen, ob sich das Klima auf unserem Planeten durch die globale Erwärmung nicht viel schneller verändert als erwartet …“ Matts Vater nahm die Fernbedienung und schaltete um. Jetzt erschienen Bilder von Soldaten, die in einer fernen Stadt patrouillierten, begleitet von einer monotonen Stimme, die vollkommen ungerührt schilderte, was vor sich ging: „Die bewaffneten Truppen kontrollieren die Stadt, während die Konflikte in großen Teilen des Landes weitergehen. Dabei sei gesagt, dass …“ Der Sender wich einem anderen. Wettervorhersage. „Menschen mit Atemproblemen oder Asthma sollten heute körperliche Anstrengung vermeiden, da die Luftqualität bei 6 liegen wird, eine schlechte Neuigkeit, die uns aber nicht vergessen lassen sollte, dass bald Neujahr …“ Der Fernseher erlosch, und Matts Vater drehte sich um. „Du gehst raus, mein Junge?“ „Ich zeige Tobias und Newton mein neues Schwert!“ „Nichts da, damit gehst du nicht aus dem Haus. Das ist eine Waffe, nur zu deiner Erinnerung, das ist verboten. Wenn du willst, dass sie es sehen, müssen sie schon herkommen.“ Matt nickte seufzend. „Okay, ich lasse es da. Ich gehe zu Newton, wir probieren seine neue Spielkonsole aus.“ Fünf Minuten später lief Matt durch die Straßen der East Side, eingemummt in seinen halblangen Mantel und einen dicken Schal. Über Nacht war die Kälte unerwartet heftig über New York hereingebrochen, als wollte sie innerhalb weniger Stunden ihre Verspätung aufholen. Es war kurz vor neun Uhr, und die Autos fuhren im Schritttempo auf den spiegelglatten Straßen. Matt bog in die 96th Street, wo weniger Verkehr herrschte und ein paar vereinzelte Fußgänger, die starr vor sich auf den Weg blickten, sich verzweifelt auf den Füßen zu halten versuchten. Er näherte sich einer dunklen Sackgasse, als plötzlich ein blauer Blitz daraus hervorschoss und sofort wieder verschwand. Matt ging langsamer. Der blaue Blitz zuckte ein zweites Mal hervor und erhellte den Gehsteig. Ein Leuchtschild? In dieser Gasse? Das war ihm neu. Und doch ähnelte das, was er sah, einem blinkenden Neonlicht. Er blieb vor der Sackgasse stehen. Sie war schmal, voller Schatten. Eine Auffahrt aus Beton zwischen zwei Gebäuden ermöglichte den Zugang zu den Abfallcontainern und den Nottreppen. Matt wagte ein paar Schritte vorwärts. Es war so dunkel, dass er kaum das Ende der Sackgasse ausmachen konnte. Der blaue Blitz leuchtete erneut auf, erhellte die Rückseite eines Containers und streifte beinahe die Fenster im ersten Stock. Matt zuckte zusammen. Himmel! Was ist denn das? Irgendwo in den Schatten bewegte sich eine menschliche Gestalt, aber aus der Entfernung konnte Matt nichts Genaueres erkennen. In diesem Augenblick erhob sich ein elektrisches Brummen, das kurz danach wieder erstarb. Matt zögerte. Sollte er nachsehen, ob dort jemand verletzt war, oder lieber davonlaufen? Der blaue Blitz tauchte wieder auf, diesmal fegte er über den Boden, ohne aufzusteigen, glitt über den Asphalt und brachte das Glatteis zum Schmelzen. Er kam aus der Erde, stellte Matt fest, und zuckte heftig, wie ein abgeschnittenes, noch unter Spannung stehendes Stromkabel. Wie eine Schlange! dachte er schaudernd. Der Blitz erlosch nicht sofort, sondern bewegte sich züngelnd voran. An seiner Spitze leuchtete eine Garbe aus blauen Funken, die wie Finger nach einigen weggeworfenen Zeitungen griffen und sie in Brand setzten. Dann, als hätte er gefunden, was er suchte, hielt der Blitz vor zwei Containern inne. Da vernahm Matt ein Stöhnen. Jemand brauchte Hilfe. Er überlegte nicht lang und rannte in die Sackgasse. Kaum erblickte er ein Paar zappelnder, ausgetretener Turnschuhe und eine schmutzige Hose, stürzte sich der Blitz darauf. Unmittelbar danach verschwand er mit einem lauten Knall und ließ einen dichten, ekelhaft stinkenden Rauch zurück, wie bei den Experimenten, die sie im Chemieunterricht durchführten. Matt machte einen Satz nach hinten und wartete mit klopfendem Herzen, bis er sich wieder zu rühren wagte. Als er sich endlich der Stelle näherte, an der er die Beine erspäht hatte, lag nur ein Haufen Kleider vor ihm. Als hätte der Mann sich in Luft aufgelöst. Unmöglich! Aber die Zeitungen um ihn herum brannten noch mit zaghaften blauen und gelben Flammen. Alles war so schnell gegangen. Hatte er sich vielleicht getäuscht? Nein! Diesmal bin ich mir sicher! Es ist wirklich passiert. Ein Mann ist … von einem Blitz, der aus der Erde kam, verschlungen worden! Matt wich zurück. „Oh Mann“, murmelte er. Zwick dich, hau dir eine runter, aber tu was, dachte er. Steh bloß nicht hier rum! Dieses Teil kann jederzeit zurückkommen! Aber wo sollte er hin? Nach Hause, um es seinen Eltern zu erzählen? Zur Polizei? Niemand würde ihm glauben. Meine Freunde! Bestimmt würden sie sich erst über ihn lustig machen, aber dann würden sie ihm glauben, da war er ganz sicher. Als er erneut das elektrische Brummen am Ende der Sackgasse vernahm, rannte er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Zu seinem großen Erstaunen lachten weder Tobias noch Newton ihn aus, als er ihnen sein Abenteuer erzählte. Vielleicht lag es an der Angst, die ihm noch ins Gesicht geschrieben stand. Newton hörte aufmerksam zu und sagte mit ernster Miene: „In der Schule hat neulich einer behauptet, er hätte ein blaues Schimmern aus den Toiletten im Keller kommen sehen, und er war sicher, dass es nichts mit der Elektrik zu tun hatte. Was meint ihr, Jungs: Übertreiben wir einfach nur, oder geht da wirklich irgendwas vor sich?“ „Mir macht das auf jeden Fall eine Mordsangst“, gestand Tobias. „Es waren nur die Klamotten übrig, hast du gesagt?“ Matt nickte. „Nach der Kleidung zu urteilen, war es bestimmt ein Obdachloser. Und auf dem Weg hierher habe ich plötzlich festgestellt, dass man in letzter Zeit nicht mehr viele von ihnen sieht, ist euch das auch schon aufgefallen?“ „Es ist Winter, die sind sicher irgendwo untergekommen“, versuchte Tobias abzuwiegeln. „Nein, bis heute Morgen war es doch gar nicht kalt“, entgegnete Newton. „Du hast recht, Matt, irgendwas passiert mit ihnen. Man sieht kaum noch Obdachlose, und das Schlimmste ist, dass man sie auch nicht sofort vermisst, weil sich keiner um sie schert. Sie könnten vollständig verschwinden, ohne dass die Leute es merken. In ihren Augen existieren die gar nicht.“ „Mensch, das erinnert mich an die Kleidungsstücke, die man manchmal auf der Straße oder am Rand der Autobahn sieht“, sagte Tobias beunruhigt. „Ich frage mich ja immer, wie jemand einfach so einen Schuh, ein Hemd oder eine Unterhose verlieren kann. Wer weiß, vielleicht ist daran auch dieses Blitzdings schuld, vielleicht lässt es schon seit langem die Leute verschwinden, nur ist es bis jetzt noch keinem aufgefallen!“ „Und jetzt schlägt es in immer kürzeren Abständen zu“, warf Matt ein. Tobias verzog ängstlich das Gesicht und fragte: „Warum berichten denn die Medien nicht darüber?“ „Zu beschäftigt mit den ganzen Katastrophen und Kriegen“, erwiderte Matt und dachte an die Morgennachrichten. Newton hatte eine andere Vermutung. „Und wenn es daran liegt, dass die Erwachsenen es nicht sehen können?“ Tobias verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir stecken in der Scheiße“, sagte er. Newton wollte gerade antworten, als seine Mutter ins Zimmer kam. „Kinder, ihr müsst sofort nach Hause. Für heute Nachmittag ist ein schlimmer Schneesturm angekündigt.“ Die drei Jungen warfen sich stumme Blicke zu. „Gut, vielen Dank“, sagte Matt. „Soll ich euch nach Hause fahren?“ „Nein, nicht nötig, wir wohnen ja nicht weit weg. Tobias und ich werden zusammen heimgehen.“ „Dann beeilt euch, in zwei oder drei Stunden soll schon ein starker Wind aufkommen, dann werden sich die Straßen von New York in eine einzige Sturmböe verwandeln, heißt es.“ Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, zeigte Newton auf seinen Computer. „Wir bleiben über MSN in Kontakt, okay?“ Die beiden anderen nickten, und kurz darauf lief Matt neben Tobias die Lexington Avenue entlang, durch die bereits ein heftiger Wind fegte. „Diese Sache gefällt mir gar nicht“, stöhnte der Jüngere. „Es wird bestimmt bald was Schlimmes passieren. Wir sollten vielleicht mit unseren Eltern darüber sprechen, was meinst du?“ „Mit meinen auf jeden Fall nicht!“, schrie Matt, um den Wind zu übertönen. „Sie würden mir kein Wort glauben.“ „Vielleicht hätten sie recht damit, oder? Ich weiß nicht, was ich von dem Ganzen halten soll. Und wenn wir uns das nur einbilden? Blitze, die aus dem Boden schießen und Leute verschlingen, das würde sich doch herumsprechen, oder?“ „Bitte, tu was du willst. Ich sage meinen Eltern jedenfalls nichts, Punkt.“ Sie waren vor dem Gebäude angekommen, in dem Tobias lebte. Matt wohnte gleich um die Ecke. „Wir treffen uns in einer Stunde auf MSN“, sagte er. „Dann erzählst du mir, wie deine Alten reagiert haben.“ Tobias nickte zögerlich und sichtlich betreten. Ehe sie sich trennten, legte Matt ihm die Hand auf die Schulter. „In einem Punkt stimme ich dir zu: Ich glaube auch, dass bald etwas Schlimmes passiert.“ 3. Der Sturm Matt ging in sein Zimmer. Sein Vater saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, und seine Mutter hing in ihrem Büro am Telefon. Das Schwert lag glänzend auf seinem Bett, er hatte sich noch nicht die Zeit genommen, es an die Wand zu hängen. Er schaltete seinen Computer ein und meldete sich bei MSN an. Newton war bereits unter seinem Pseudo online: „ToxicTurtle“. Matt schickte ihm eine Nachricht. [Volltrottel sagt:] „Bin da.“ Die Antwort kam prompt. [ToxicTurtle sagt:] „Nder dein pseudo. is bscheuert.“ [Volltrottel sagt:] „Und du hör auf, wie ein Kobold zu schreiben. Ich finde mein Pseudo cool, das ist lustig. Umso besser, wenn die anderen einen unterschätzen und nicht aufpassen. Praktisch!“ [ToxicTurtle sagt:] „ok volltrottel. machstwas?“ [Volltrottel sagt:] „Zum letzten Mal: Schreib normal, eine Sprache ist nicht dazu da, dass man sie so verkrüppelt.“ [ToxicTurtle sagt:] „ S is aber lebendig, oder? soll sich entwickeln und leben.“ [Volltrottel sagt:] „Ja, eine lebendige Sprache, und du lässt sie leiden.“ [ToxicTurtle sagt:] „Okay, na gut, dann schreibe ich eben nicht, wie mir der Schnabel gewachsen ist, lass mich bloß in Frieden, Herr Pierce.“ Herr Pierce war ihr Englischlehrer. Matt stand auf und schaltete den kleinen Fernseher ein, der in seinem Zimmer stand. Gerade lief eine Sondersendung. Der Sprecher warnte davor, ins Freie zu gehen, denn ein gewaltiger Blizzard – das Wort ließ Matt aufhorchen, denn ein Nachrichtensprecher nahm normalerweise nie das Wort gewaltig in den Mund, das war gar kein gutes Zeichen – nähere sich New York, man erwarte Windböen von über 150 Stundenkilometern und gewaltige Schneefälle. Diesmal zuckte Matt zusammen. Nachrichtensprecher wiederholten niemals das gleiche Wort in einem Satz, genauso wenig wie ein Friseur Haare mit einer Heckenschere schneidet: So eine Ungeheuerlichkeit begeht man als Erwachsener und Profi nicht. Die Wiederholung von „gewaltig“ verriet die Panik, die in der Redaktion herrschen musste. Matt tippte hastig auf seine Tastatur. [Volltrottel sagt:] „Ist dein Fernseher an? Ich glaube, die flippen total aus, sogar in den Nachrichten. Da ist was im Busch.“ [ToxicTurtle sagt:] „Jepp. Wetterwarnungen überall. Ich habe bis vor fünf Minuten mit meinem Cousin in Boston gechattet, und jetzt: Nichts mehr. Ich hab gerade versucht ihn anzurufen, aber die Leitung ist tot. In den Nachrichten sagen sie, dass der Blizzard gerade über Boston ist!“ Tobias meldete sich an. [MagicBiber sagt:] „Hi Jungs. Ich habe mit meinen Eltern geredet. Sie glauben mir nicht.“ [ToxicTurtle sagt:] „Echt? Was hast du denn gedacht? Dass sie die Nummer der Ghostbusters in den Gelben Seiten suchen, um uns zu retten?“ [MagicBiber sagt:] „Keine Ahnung. Hat man dir denn nicht eingetrichtert, dass man sich auf seine Eltern verlassen kann? Tja, Fehlanzeige.“ Matt wollte sich gerade in die Unterhaltung einschalten, als der Fernseher seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Schleier hatte sich über den Bildschirm gelegt, Störungswellen flackerten über das Gesicht des Sprechers. Das ist die Satellitenübertragung, der Sturm kommt also näher. Und wie zur Bestätigung breitete sich draußen ein riesiger Schatten über den Häusern aus. Matt hechtete zum Fenster. Die ganze Straße war in ein dämmriges Halbdunkel getaucht, aus dem Hunderte von hell erleuchteten Fenstern scharf abstachen. Er hatte den Eindruck, als schwebte ein Riesenvogel über den Dächern, und sah zum Himmel: Eine schwarze Wolke bedeckte die ganze Stadt. Eine gewaltige Wolke. Der Wind pfiff durch die Straßen und schlug gegen das Fenster. Der Fernseher flimmerte, die Farben verschwanden. Dann ploppte es, und das Bild war völlig weg. Kurz darauf wurde der schwarze Bildschirm von einem Testbild ersetzt. Matt zappte und entdeckte, dass es um die meisten anderen Sender nicht besser stand. Einer nach dem anderen ging aus. Matt setzte sich wieder an seinen Computer. [Volltrottel sagt:] „Es ist so weit, der Blizzard ist über uns, er ist schneller gekommen, als sie angekündigt haben. Nicht einmal der Fernseher funktioniert mehr!“ [ToxicTurtle sagt:] „Echt der Wahnsinn, in meiner Straße herrscht der Ausnahmezustand, der Sturm hat die Leute überrascht, überall hupt es! Ich habe …“ Newton beendete seinen Satz nicht. Matt wartete eine Minute, aber es kam nichts. Plötzlich wurde eine Meldung angezeigt: „Sie sind nicht mehr mit dem Internet verbunden.“ Matt versuchte, sich wieder einzuloggen, machte sogar das Modem aus und wieder an. Nichts. „Was ist los?“ Auf einmal ging das Licht in seinem Zimmer aus. Matt saß im Dunkeln, und alles war totenstill. „Blackout!“, rief sein Vater im Wohnzimmer. „Ich hole Kerzen aus der Küche, keiner bewegt sich.“ Matt rollte mit seinem Stuhl zum Fenster und sah die Lichter in den Gebäuden nach und nach ausgehen, eine Fassade nach der anderen. Dunkelheit überrollte die Stadt. Es war noch nicht mal Mittag, aber man hätte glauben können, es sei jener besondere Moment kurz vor Sonnen- untergang, in dem alles in ein gespenstisches Licht getaucht wird. Und genau das war es: Ein Geisterlicht, das die Finsternis nicht durchdringt und das Leben einen Augenblick lang gestochen scharf hervortreten lässt. Matts Vater klopfte an die Tür und stellte eine angezündete Kerze in einem kleinen Halter auf den Schreibtisch. „Nur keine Bange, mein Junge, der Strom kommt schon wieder.“ „Hast du die Nachrichten gesehen, Papa? Der Blizzard war doch erst für den Nachmittag angesagt.“ „Sie haben sich wieder mal vertan! Ich sag’s dir: Die sollten den Typ feuern, der für die Wetterprognosen verantwortlich ist. Man kann sich immer weniger darauf verlassen!“ Sein Vater war fröhlich und schien das alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Oder er will mich nur nicht beunruhigen, dachte Matt. „Dauert so was lange?“ „Der Stromausfall? Das kommt darauf an, zwei Minuten oder auch zwei Tage, je nachdem, wie groß der Schaden ist. Mach dir keine Sorgen, während wir hier sprechen, rackern sich schon Dutzende von Technikern ab, um alles wieder in Ordnung zu bringen.“ Der Optimismus seines Vaters ging Matt auf die Nerven. So war es oft mit den Erwachsenen. Sie waren entweder zu optimistisch oder zu pessimistisch, aber ruhig und gelassen blieben sie selten. Das konnte man in Katastrophenfilmen bestens beobachten: Ein Teil der Leute schrie panisch und riss die anderen mit ins Unglück, die anderen hielten sich für unverwundbar und kamen nicht besser davon. Die wahren Helden waren jene, die es schafften, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Dinge mit dem nötigen Abstand zu betrachten. Waren die „Helden“ dieser Welt diejenigen, die imstande waren, sich immer unter Kontrolle zu haben? „Na los, das ist die Gelegenheit, die guten alten Horrorschinken rauszuholen“, sagte sein Vater. „Hast du keinen Stephen King, den du dir jetzt reinziehen könntest? Unter solchen Bedingungen wäre das eine unvergessliche Lektüre! Sonst müsste ich einen in meiner Bibliothek haben.“ „Ich habe alles, was ich brauche. Danke, Papa.“ Sein Vater musterte ihn einen Augenblick lang, ohne die Worte zu finden, die er seinem Sohn gern gesagt hätte. Beim Hinausgehen zwinkerte er ihm zu, bevor er die Tür hinter sich schloss. Die Kerze verbreitete einen hellen, gelben Schein. Natürlich war das ideal zum Lesen, aber darauf hatte Matt nicht die geringste Lust. Dazu war er viel zu beunruhigt über das, was draußen vor sich ging. Er drehte sich wieder zum Fenster um. Dicke Schneeflocken peitschten durch die Luft wie Jagdflugzeuge, die ihre waghalsigsten Manöver fliegen. Innerhalb weniger Minuten verschwand die Straße hinter einem dichten, wirbelnden Vorhang, und Matt erkannte gar nichts mehr. Ihm taten die Leute leid, die jetzt noch draußen waren und sich bei diesen Sichtverhältnissen nach Hause durchkämpfen mussten. Bestimmt sah man nicht einmal mehr die eigene Hand vor Augen! Nach ein paar Stunden begann Matt sich zu langweilen. Er blätterte flüchtig in einem Comic. Später versuchte er, den Fernseher und das Radio einzuschalten, aber es gab immer noch keinen Strom. Der Schnee hingegen warf sich weiter in dichten Flocken gegen das Fenster. [...] Schließlich schlief Matt ein. Viel später in der Nacht riss ihn plötzlich eine Explosion aus dem Schlaf. Er fuhr hoch. Seine Lider flatterten im Rhythmus seines Herzschlags. Jemand hatte gerade einen Schuss abgefeuert – in der Wohnung? Kein Laut, kein Licht in den Nebenzimmern. Erst da bemerkte er es: Der Sturm hatte nachgelassen. Aus Gewohnheit warf er einen Blick auf die leere Anzeige seines Weckers. Noch immer kein Strom. Seine Armbanduhr zeigte 3 Uhr 30 an. In T-Shirt und Unterhose stand Matt auf und ging zum Fenster. Die Avenue lag noch immer im Dunkeln. Eine dicke Schneeschicht bedeckte die Fensterbänke. Da zerriss eine neue Explosion die Stille, irgendwo ganz weit weg und dennoch deutlich zu hören. Instinktiv trat er einen Schritt zurück. „Was ist das für ein Krach?“, murmelte er vor sich hin. Diesmal hatte es nicht wie ein Schuss geklungen. Er drückte die Nase ans Fenster und starrte in die Dunkelheit. Ein gewaltiger blauer Blitz erhellte den Horizont, und für einen Sekundenbruchteil tauchten die Umrisse der Gebäude im Scherenschnitt am Himmel auf. „Woah!“, stieß Matt hervor und wich wieder zurück, diesmal aus Überraschung. Drei gleichzeitig aufleuchtende Blitze durchbrachen die Nacht – blaue Blitze. In der Ferne begann die Stadt wie wild zu blinken. Matt zählte ein Dutzend Blitze, die an den Fassaden emporwuchsen, wie riesige Hände, die sich an ihnen festhielten. Dann noch einmal doppelt so viele, und kaum eine Minute später waren es unzählige. Sie ähnelten dem Blitz, der den Obdachlosen in der Sackgasse verschlungen hatte, nur viel größer. Als er sie über die Gebäude gleiten sah, hatte Matt den Eindruck, dass sie die Mauern berührten, so wie man eine Frucht betastet, um festzustellen, ob sie reif ist, ehe man sie isst. Schlimmer noch: Sie fraßen sich voran, kamen auf ihn zu. „Oh nein“, flüsterte er. Er musste hier weg. Und draußen diesen Dingern gegenüberstehen? Nein, keine gute Idee. Im Gegenteil, er musste hierbleiben, vielleicht würden sie über ihn hinweg- oder vorbeiziehen, ohne Schaden anzurichten. Matt suchte den Horizont ab: Sie näherten sich rasend schnell. Der Wind wurde stärker und wirbelte den Schnee auf. Diesmal blies er in die andere Richtung. Was war los? Kam ein neuer Sturm aus der entgegengesetzten Richtung? Ein Donnerschlag ließ die gesamte Avenue erbeben, als ein gewaltiger Blitz vom Boden emporstieg und sich auf ein Gebäude auf der anderen Straßenseite stürzte. Matt sah, wie die riesige blaue Silhouette von Fenster zu Fenster kletterte und ihre zuckenden Tentakel auswarf, um sie noch schneller zu erreichen. Das ist eine Hand! Genau! Eine Riesenhand! Aber es kam noch schrecklicher, denn als Matt die Augen zusammenkniff, erkannte er, dass die Finger des Blitzes nicht nur an der Fassade hochkletterten, sondern auch in die Fenster eindrangen und einen weißen Rauch hinter sich zurückließen, wenn sie wieder herauskamen. Dieses Ding löst die Leute in Luft auf! Wie den Obdachlosen heute Morgen! Sie würden alle absorbiert werden. Innerhalb von Sekunden würden sie alle von der Welt verschwinden. Matt rannte zu seinen Sachen und schlüpfte hastig in seine Hose, dann fuhr er in Schuhe, ohne sich die Zeit zu nehmen, Socken anzuziehen. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte, aber hier durfte er nicht bleiben, vielleicht war er ja im Gang vor diesen gruseligen … Ein weiterer berstender Knall ließ ihn zusammenzucken, während ein neuer Blitz an der Fassade auftauchte, die genau gegenüber lag. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Er musste seine Eltern warnen. Grelles blaues Licht blendete ihn, und der Fußboden erbebte. Aus dem Fundament des Gebäudes erhob sich ein Grollen. Ein Blitz kletterte in die Höhe und verschlang die Bewohner, Stockwerk um Stockwerk. „Keine Zeit mehr!“, sagte er laut und ließ seinen Mantel in der Ecke liegen. Er stürzte in den Flur, sein Vater schlief auf dem Wohnzimmersofa, seine Mutter im Schlafzimmer. Schnell! Auch die Wände fingen zu beben an, das Grollen wurde ohrenbetäubend laut. Und kurz bevor Matt das Wohnzimmer erreichte, zerbarsten die Fenster. Begleitet von einem furchtbaren, heulenden Wind durchquerte der Blitz die Wohnung von einem Ende zum anderen und zerstörte alles. Als er bei Matt anlangte, konnte er gerade noch seine Hände schützend vors Gesicht schlagen, ehe der Blitz ihn niederstreckte und wieder verschwand. Nur noch ein dichter, weißer Rauch schwebte in der Luft. ________________________________________________ Leseprobe gelesen? Du möchtest weiterlesen? Dann bewirb Dich für das Projektteam. Wir suchen insgesamt 500 trnd- Partner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die im trnd-Projekt dabei sein möchten, um das Buch komplett zu lesen und anschließend gemeinsam bekannt zu machen. Alle Projektteilnehmer erhalten ein kostenloses Startpaket mit folgendem Inhalt: 1 Ausgabe von Maxim Chattams Roman „Alterra“. 30 Leseproben zum Weitergeben an Freunde und Bekannte. Vom 18.09.09 (12:00 Uhr) bis 22.09.09 (12.00 Uhr) kannst Du Dich hier für das Projektteam bewerben: http://alterra.trnd.com/testablauf/ Maxim Chattam: ALTERRA Roman Verlag Pan Verlag Seitenzahl 400 Preis EUR (D) 16,95 Ausstattung Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen ISBN-13 978-3-426-28300-4 Erschienen 09.09.2009 Pan Verlag: www.pan-verlag.de „Alterra“ bei amazon.de: http://tinyurl.com/trnd-alterra Projektseite des trnd Projekts: www.trnd.com/alterra