Frage im Expertenforum Kinderwunsch an Dr. med. Friedrich Gagsteiger:

Dreilagigkeit

Frage: Dreilagigkeit

Johanna_B

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Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, Ich habe im letzten Zyklus (nach gescheiterter Stimulation mit 75 Einheiten Pergoveris) ab ZT 15 (Endometrium war bei 4,5 mm, E2 kleiner 5 ng/l) mit zwei Pflastern Estramon 75 ug/24 Stunden alle drei Tage begonnen. Am 9. Tag nach Östrogenbeginn wurde ein Ultraschall durchgeführt. Das Endometrium lag bei 13,4 mm und war leider nicht mehr dreilagig, E2 war 126 ng/l. Im kommenden Zyklus soll nun mit aufsteigender Dosierung (3 Tage 50-4 Tage 100- 4 Tage 150 ug/24 Stunden) versucht werden, die Dreilagigkeit zu erhalten. Ich hatte dieses Problem letztes Jahr bereits im natürlichen Zyklus. Bei noch niedrigem E2 um 80 ng/l und entsprechend kleinem Follikel sah die Schleimhaut sehr gut aus, 8 mm und schön dreilagig, doch einige Tage später, als der Follikel dann bereit war, war sie verdichtet und nicht mehr dreilagig. Nun wiederholt sich dies auch im künstlichen Zyklus, bei den Kontrollen bis ZT 15 war die Schleimhaut noch dreilagig gewesen. Ich würde Sie zu dem Ganzen gerne Folgendes fragen: 1.Falls die Schleimhaut auch bei aufsteigender Dosierung die Dreilagigkeit vorzeitig verliert (Kontrolle ist nach 11 Tagen Aufbau), wird überlegt, die erste Kontrolle bereits nach mindestens 6 Tagen durchzuführen und mit Progesteron zu beginnen, sobald die Schleimhaut bei 7-8 mm ist. Allerdings gäbe es hier Studien, denen zufolge die Wahrscheinlichkeit eine Fehlgeburt bei einer Östrogenapplikation unter 10 Tagen vor Progesteronbeginn sehr deutlich erhöht sei. Wie ist hier Ihre Einschätzung? 2. In einer Antwort von Ihnen auf eine frühere Frage habe ich dies gelesen: „Ein fehlendes trilaminares Muster ist selten wirklich limitierend und korreliert – laut mehreren Metaanalysen – nicht so stark mit der Schwangerschaftsrate wie früher angenommen.“ Über diese Aussage bin ich sehr froh! Könnten Sie mir diese Metaanalysen bitte nennen? Es würde mich zusätzlich beruhigen, diese selbst lesen zu können. 3. Hätten Sie ansonsten noch eine weitere Idee, wie man meinem Problem mit der verschwindenden Dreilagigkeit beikommen kann? Ich wäre für jegliche Anregung dankbar. Herzliche Grüße, Johanna


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Tatsächlich sprechen Ihre beiden Zyklen – sowohl der natürliche als auch der künstliche – dafür, dass Ihre Gebärmutterschleimhaut relativ früh von der proliferativen in eine kompaktere Erscheinungsform übergeht. Das ist kein häufiges, aber durchaus bekanntes Phänomen. Zu 1. Früherer Progesteronbeginn nach 6 Tagen Östrogen? Das ist wahrscheinlich die wichtigste Frage. Tatsächlich gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass bei künstlichen Transferzyklen eine sehr kurze Östrogenexposition (unter etwa 10 Tagen) mit einer erhöhten Fehlgeburtsrate assoziiert sein kann. Man vermutet, dass das Endometrium dann histologisch möglicherweise noch nicht vollständig ausgereift ist, obwohl die Dicke bereits ausreichend erscheint. Die Daten stammen allerdings überwiegend aus retrospektiven Studien und erlauben keine sichere Aussage über eine ursächliche Beziehung. Auf der anderen Seite steht bei Ihnen ein ganz konkretes Problem: Die Schleimhaut scheint ihre günstige proliferative Struktur zu verlieren, sobald sie länger unter Östrogeneinfluss steht. Wenn sich dieses Muster tatsächlich reproduzierbar zeigt, kann ein früherer Progesteronbeginn durchaus eine sinnvolle individuelle Strategie sein. Ich persönlich würde deshalb nicht starr an einer bestimmten Anzahl von Östrogentagen festhalten, sondern mehrere Faktoren gemeinsam beurteilen: ausreichende Schleimhautdicke (etwa 7–8 mm), möglichst noch vorhandenes trilaminares Muster, niedriger Progesteronwert, Ausschluss einer spontanen Ovulation. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, halte ich einen etwas früheren Progesteronbeginn im Einzelfall durchaus für vertretbar. Dass dadurch automatisch eine deutlich höhere Fehlgeburtsrate entsteht, würde ich aus der derzeitigen Studienlage nicht ableiten. Vielmehr muss man den möglichen Nachteil einer etwas kürzeren Östrogenphase gegen den möglichen Vorteil einer noch optimalen Schleimhautarchitektur abwägen. Zu 2. Bedeutung der Dreilagigkeit Früher wurde dem trilaminaren Muster eine sehr große Bedeutung zugeschrieben. Inzwischen ist die Einschätzung deutlich differenzierter geworden. Die Dicke des Endometriums besitzt insgesamt eine etwas stärkere prognostische Aussagekraft als das reine Ultraschallmuster. Das trilaminare Erscheinungsbild ist zwar grundsätzlich ein günstiges Zeichen der proliferativen Phase, aber sein Fehlen bedeutet keineswegs automatisch, dass keine Schwangerschaft möglich ist. Insbesondere neuere Arbeiten zeigen, dass eine kompaktere Schleimhaut allein kein verlässlicher negativer Prädiktor ist und Schwangerschaften sowie Lebendgeburten durchaus auch ohne persistierende Dreilagigkeit auftreten können. Die Aussage, auf die Sie sich beziehen, stützt sich nicht auf eine einzelne Metaanalyse ausschließlich zur Dreilagigkeit, sondern auf die Gesamtheit der aktuellen Evidenz. Tatsächlich existieren überraschenderweise nur wenige Metaanalysen, die sich ausschließlich mit dem Ultraschallmuster beschäftigen. Viele neuere Übersichtsarbeiten konzentrieren sich stattdessen auf die Endometriumdicke oder die Art der Endometriumvorbereitung. Folgende Arbeiten finde ich besonders lesenswert: Liu et al.: Impact of endometrial thickness on reproductive outcome in fresh and frozen embryo transfer: systematic review and meta-analysis (Ultrasound Obstet Gynecol 2025). Diese aktuelle Metaanalyse zeigt, dass die Endometriumdicke eher einen graduellen prognostischen Faktor darstellt als einen festen Grenzwert. Groenewoud et al.: What is the optimal means of preparing the endometrium in frozen-thawed embryo transfer cycles? A systematic review and meta-analysis. Human Reproduction Update 2013. Sie zeigt, dass unterschiedliche Vorbereitungsprotokolle insgesamt vergleichbare Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten erreichen. Miller et al.: Endometrial compaction does not predict live birth in single euploid frozen embryo transfers.Human Reproduction 2022. Diese prospektive Studie fand keinen Nachteil durch eine kompakter erscheinende Schleimhaut vor dem Transfer. Daneben existieren durchaus neuere Einzelstudien, die wieder einen Vorteil des trilaminaren Musters beschreiben. Insgesamt ist die Datenlage also nicht vollständig einheitlich. Deshalb würde ich die Dreilagigkeit als einen günstigen Marker ansehen, aber keinesfalls als allein entscheidendes Qualitätsmerkmal. Zu 3. Weitere Überlegungen Ich hätte tatsächlich noch einige Gedanken: 1. Aufsteigende Östrogendosierung Den geplanten Ansatz halte ich für sehr sinnvoll. Er ahmt den natürlichen Zyklus besser nach als eine sofort hohe Östrogendosis und könnte dazu beitragen, die proliferative Phase etwas länger aufrechtzuerhalten. 2. Frühere Ultraschallkontrolle Diese Idee gefällt mir ausgesprochen gut. Wenn Ihre Schleimhaut bereits nach 6–7 Tagen 7–8 mm erreicht und noch klar dreischichtig erscheint, würde ich diesen Zeitpunkt unbedingt dokumentieren. So lässt sich erkennen, ob der Verlust der Dreilagigkeit tatsächlich regelmäßig erst einige Tage später eintritt. 3. Progesteron engmaschig kontrollieren Da auch im natürlichen Zyklus ein früher Wechsel der Schleimhaut auftritt, würde ich sicherheitshalber immer gleichzeitig einen Progesteronwert bestimmen. Gelegentlich steckt eine unbemerkte beginnende Luteinisierung dahinter. 4. Applikationsweg des Östrogens Falls sich das Problem trotz aufsteigender Dosierung wiederholt, könnte man überlegen, den Applikationsweg zu verändern oder zu kombinieren (transdermal, oral oder vaginal), da dadurch lokale Konzentrationen und die Pharmakokinetik etwas beeinflusst werden können. Ob dies die Dreilagigkeit verbessert, ist allerdings wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. 5. Individuelle Besonderheit des Endometriums Da Sie dieses Muster sowohl im natürlichen als auch im künstlichen Zyklus zeigen, vermute ich eher eine individuelle Eigenschaft Ihrer Schleimhaut als ein Problem der Medikamentendosis. Das bedeutet gleichzeitig, dass Ihre Schleimhaut wahrscheinlich trotzdem grundsätzlich empfänglich sein kann – sie sieht lediglich früher sekretorisch aus als bei vielen anderen Frauen. Insgesamt finde ich Ihren geplanten Behandlungsansatz gut durchdacht. Sollte sich erneut zeigen, dass die Schleimhaut bereits nach wenigen Tagen eine gute Dicke erreicht, aber kurz darauf ihre Dreilagigkeit verliert, würde ich tatsächlich überlegen, den optimalen Zeitpunkt individuell festzulegen und nicht ausschließlich nach der Zahl der Östrogentage zu entscheiden. Gerade in der Reproduktionsmedizin führen maßgeschneiderte Strategien häufig weiter als starre Standardprotokolle. Ich wünsche Ihnen sehr, dass sich im kommenden Zyklus die gewünschte Dreilagigkeit länger erhält. Und selbst wenn dies nicht vollständig gelingt, würde ich darin keineswegs automatisch einen Grund sehen, die Chancen als schlecht einzustufen. Die Gesamtdicke Ihrer Schleimhaut war mit 13,4 mm ausgezeichnet, und die wissenschaftliche Evidenz spricht dafür, dass das Fehlen der Dreilagigkeit allein die Erfolgsaussichten deutlich weniger beeinflusst als früher angenommen. Ich drücke Ihnen für den nächsten Aufbau ganz fest die Daumen und wünsche Ihnen von Herzen einen unkomplizierten Verlauf. Herzliche Grüße Ihr
 Dr.  Gagsteiger


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