Cyclist85
Guten Tag Herr Dr. Gagsteiger, wegen meines Spermiogramms machen wir eine ICSI. Wegen der dünnen Gebärmutterschleimhaut wurde bei meiner Frau eine Biopsie der Schleimhaut gemacht. Es wurde pro mm2 eine Plasmazelle gefunden. Kann/ sollte man da ein Antibiotikum nehmen? Unsere Klinik sagt, dass man das machen kann, aber nicht muss. Daher würde uns Ihre Meinung dazu interessieren. Wie kann man dann zeitgleich das Mikrobiom aufbauen? Ist danach das Mikrobiom eher besser oder schlechter als vorher? Danke und beste Grüße
Guten Tag, vielen Dank für Ihre sehr differenzierte Frage. Ich versuche, es strukturiert und praxisnah einzuordnen: 1. Einordnung des Befundes: 1 Plasmazelle pro mm² Plasmazellen in der Endometriumbiopsie sind ein Marker für eine chronische Endometritis (CE). Entscheidend ist nicht nur das Vorhandensein, sondern die Anzahl: 0 Plasmazellen → normal 1 Plasmazelle/mm² → Grenzbefund / sehr milde Ausprägung ≥ 5 Plasmazellen/mm² → klinisch relevante chronische Endometritis 👉 Ihr Befund liegt klar im Graubereich und nicht im eindeutig pathologischen Bereich. Das erklärt auch die Aussage Ihrer Klinik: „Kann man behandeln – muss man aber nicht.“ Beides ist medizinisch vertretbar. Aber die neueren Empfehlungen gehen in Richtung "Antibiotikabehandlung" mit sorgfältiger Nachbehandlung. 2. Sollte man ein Antibiotikum geben? Argumente für ein Antibiotikum: Sie stehen vor einer ICSI, also einer wertvollen Behandlung Es besteht zusätzlich eine dünne Gebärmutterschleimhaut Manche Studien zeigen bessere Implantationsraten bei höhergradiger CE, wenn behandelt wird Argumente gegen ein Antibiotikum: Bei nur 1 Plasmazelle/mm² ist der Nutzen nicht sicher belegt Antibiotika können das endometriale und vaginale Mikrobiom stören Übertherapie ist möglich Meine persönliche, differenzierte Einschätzung: 👉 Beides ist vertretbar. Wenn Sie eher „auf Nummer sicher“ gehen möchten, kann eine antibiotische Therapie sinnvoll sein – aber zwingend erforderlich ist sie nicht. In vielen Zentren gilt: Bei Grenzbefunden wird individuell entschieden – abhängig von Vorgeschichte, Schleimhautaufbau und Behandlungsstrategie. 3. Was passiert mit dem Mikrobiom bei Antibiotika? Kurz gesagt: 🔻 Zunächst werden durch das AB alle Keime vernichtet, 🔺 danach gezielt wieder besser aufbaubar Antibiotika reduzieren: Deshalb ist die Nachbehandlung entscheidend. 4. Wie kann man das Mikrobiom sinnvoll wieder aufbauen? a) Vaginale Probiotika (z. B. mit Lactobacillus crispatus, L. gasseri, L. jensenii) Start nach Ende der Antibiotikatherapie Dauer meist 7–14 Tage Ziel: Wiederherstellung einer laktobazillendominierten Flora b) Orale Probiotika Können unterstützend wirken Allein meist nicht ausreichend für das Endometrium c) Zeitlicher Abstand Idealerweise ein Zyklus Abstand zwischen Antibiotikum und Transfer Gibt dem Endometrium Zeit zur Regeneration 5. Ist das Mikrobiom danach besser oder schlechter als vorher? 👉 Kurzfristig: schlechter 👉 Mit gezieltem Aufbau meist besser strukturiert als zuvor Gerade wenn zuvor eine unterschwellige Entzündung bestand, kann sich das Milieu langfristig verbessern. 6. Zusammenfassung in Klartext 1 Plasmazelle/mm² = Grenzbefund Antibiotikum: nicht zwingend notwendig aber vertretbar, wenn man maximale Sicherheit möchte Wichtig: gezielter Mikrobiomaufbau danach nicht „einfach Antibiotikum und direkt transferieren“ Beste Grüße Ihr Dr. Friedrich Gagsteiger
Cyclist85
Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort, Herr Dr. Gagsteiger. Das ist sehr hilfreich für uns.
Sehr gerne!
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