Frage im Expertenforum Kinderwunsch an Dr. med. Friedrich Gagsteiger:

Antibiotikum nehmen?

Frage: Antibiotikum nehmen?

Cyclist85

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Guten Tag Herr Dr. Gagsteiger, wegen meines Spermiogramms machen wir eine ICSI.  Wegen der dünnen Gebärmutterschleimhaut wurde bei meiner Frau eine Biopsie der Schleimhaut gemacht. Es wurde pro mm2 eine Plasmazelle gefunden. Kann/ sollte man da ein Antibiotikum nehmen? Unsere Klinik sagt, dass man das machen kann, aber nicht muss. Daher würde uns Ihre Meinung dazu interessieren. Wie kann man dann zeitgleich das Mikrobiom aufbauen? Ist danach das Mikrobiom eher besser oder schlechter als vorher? Danke und beste Grüße 


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Guten Tag, vielen Dank für Ihre sehr differenzierte Frage. Ich versuche, es strukturiert und praxisnah einzuordnen:   1. Einordnung des Befundes:  1 Plasmazelle pro mm² Plasmazellen in der Endometriumbiopsie sind ein Marker für eine chronische Endometritis (CE). Entscheidend ist nicht nur das Vorhandensein, sondern die Anzahl:   0 Plasmazellen → normal 1 Plasmazelle/mm² → Grenzbefund / sehr milde Ausprägung ≥ 5 Plasmazellen/mm² → klinisch relevante chronische Endometritis   👉 Ihr Befund liegt klar im Graubereich und nicht im eindeutig pathologischen Bereich.   Das erklärt auch die Aussage Ihrer Klinik: „Kann man behandeln – muss man aber nicht.“ Beides ist medizinisch vertretbar. Aber die neueren Empfehlungen gehen in Richtung "Antibiotikabehandlung" mit sorgfältiger Nachbehandlung. 2. Sollte man ein Antibiotikum geben? Argumente für ein Antibiotikum: Sie stehen vor einer ICSI, also einer wertvollen Behandlung Es besteht zusätzlich eine dünne Gebärmutterschleimhaut Manche Studien zeigen bessere Implantationsraten bei höhergradiger CE, wenn behandelt wird   Argumente gegen ein Antibiotikum:   Bei nur 1 Plasmazelle/mm² ist der Nutzen nicht sicher belegt Antibiotika können das endometriale und vaginale Mikrobiom stören Übertherapie ist möglich   Meine persönliche, differenzierte Einschätzung: 👉 Beides ist vertretbar. Wenn Sie eher „auf Nummer sicher“ gehen möchten, kann eine antibiotische Therapie sinnvoll sein – aber zwingend erforderlich ist sie nicht.   In vielen Zentren gilt:   Bei Grenzbefunden wird individuell entschieden – abhängig von Vorgeschichte, Schleimhautaufbau und Behandlungsstrategie.   3. Was passiert mit dem Mikrobiom bei Antibiotika? Kurz gesagt: 🔻 Zunächst werden durch das AB alle Keime vernichtet, 🔺 danach gezielt wieder besser aufbaubar   Antibiotika reduzieren:   Deshalb ist die Nachbehandlung entscheidend.   4. Wie kann man das Mikrobiom sinnvoll wieder aufbauen? a)  Vaginale Probiotika     (z. B. mit Lactobacillus crispatus, L. gasseri, L. jensenii)   Start nach Ende der Antibiotikatherapie Dauer meist 7–14 Tage Ziel: Wiederherstellung einer laktobazillendominierten Flora       b)  Orale Probiotika     Können unterstützend wirken Allein meist nicht ausreichend für das Endometrium       c) Zeitlicher Abstand     Idealerweise ein Zyklus Abstand zwischen Antibiotikum und Transfer Gibt dem Endometrium Zeit zur Regeneration         5. Ist das Mikrobiom danach besser oder schlechter als vorher?     👉 Kurzfristig: schlechter 👉 Mit gezieltem Aufbau meist besser strukturiert als zuvor   Gerade wenn zuvor eine unterschwellige Entzündung bestand, kann sich das Milieu langfristig verbessern.       6. Zusammenfassung in Klartext     1 Plasmazelle/mm² = Grenzbefund Antibiotikum:   nicht zwingend notwendig aber vertretbar, wenn man maximale Sicherheit möchte   Wichtig:   gezielter Mikrobiomaufbau danach nicht „einfach Antibiotikum und direkt transferieren“     Beste Grüße Ihr Dr. Friedrich Gagsteiger


Cyclist85

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Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort, Herr Dr. Gagsteiger. Das ist sehr hilfreich für uns.


Cyclist85

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Guten Tag Herr Dr. Gagsteiger, wir haben uns nun entschieden das Antibiotikum zu nehmen.  Können Sie uns bitte nochmal genauer bezüglich des Aufbaus des Mikrobioms helfen? Während der AB-Einnahme nichts nehmen? Danach für 7-14 Tage sowohl oral, als auch vaginal? Was genau könnten wir da nehmen? Für die vaginale Einnahme haben wir kein Präparat mit den drei von Ihnen genannten Stämmen gefunden. Meist war es nur ein Stamm und auch keiner der von Ihnen genannten. Vielleicht können Sie uns ein Präparat empfehlen. Vielen vielen Dank und viele Grüße 


Cyclist85

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Noch eine Ergänzung zu meiner Rückfrage oben: Sollte man das Mikrobiom nach Antibiotika und Lacobacillen-Kur dann nochmal überprüfen?  Vielen Dank 


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Guten Abend, vielen Dank für Ihre Rückmeldung.       1. Während der Antibiotika-Einnahme: Mikrobiom – ja oder nein?     Kurzfassung: 👉 Ja, begleitend oral, 👉 vaginal eher zurückhaltend, nicht zwingend notwendig.     Oral     Ein orales Probiotikum kann und sollte bereits während der Antibiotika-Einnahme begonnen werden. Wichtig ist ein zeitlicher Abstand von mindestens 2–3 Stunden zum Antibiotikum. Ziel: Schutz des Darmmikrobioms und indirekt auch der Vaginalflora (Darm ↔ Vaginalachse).       Vaginal     Während der Antibiotikatherapie nicht zwingend nötig. Antibiotika können die eingebrachten Keime rasch wieder reduzieren → geringer Nutzen. Ausnahme: ausgeprägte vaginale Symptome (z. B. Brennen, Trockenheit, rezidivierende Infektionen).         2. Nach Ende der Antibiotika-Therapie: Aufbauphase (wichtigster Teil)       Zeitraum     👉 mindestens 7–14 Tage, bei Kinderwunsch oder Infektanfälligkeit eher 14 Tage       3. Welche Präparate sind sinnvoll?       A)  Oral (Darm + indirekt Vaginalflora)     Bewährt und gut verträglich sind Kombinationen mit:   Lactobacillus rhamnosus Lactobacillus reuteri Lactobacillus crispatus ggf. Bifidobacterium lactis     Praxisbewährte Beispiele (Deutschland):   Omnibiotic® Woman Kijimea® K53 Advance Orthomol® Femin     👉 Einnahme: 1× täglich, nüchtern oder abends       B)  Vaginal – wichtiger Punkt zu Ihrer Frage     Sie haben völlig recht: 👉 Die exakt genannten Stämme (z. B. L. crispatus) sind vaginal nur selten verfügbar.   Das ist kein Nachteil, denn:   Entscheidend ist nicht der einzelne Stamm, sondern die Wiederherstellung eines sauren, laktobazillendominierten Milieus.     Bewährte vaginale Präparate (auch wenn nur 1–2 Stämme enthalten sind):     Gynophilus® protect (L. rhamnosus) Vagisan® Biotic KadeFlora® EcoVag®     👉 Anwendung:   1 Vaginalkapsel abends 7–10 Tage, bei Bedarf auch 14 Tage     💡 Falls zusätzlich Trockenheit besteht: Kombination mit Milchsäure-Gel oder östrogenfreiem Vaginalgel sinnvoll.       4. Reihenfolge – so ist es optimal     Antibiotikum abschließen Orales Probiotikum fortführen Vaginale Probiotika ab dem Folgetag beginnen Gesamtdauer: mindestens 7–14 Tage         5. Kontrolle des Mikrobioms – ja oder nein?     Sehr gute Frage 👍     Eine erneute Kontrolle ist sinnvoll, wenn:     weiterhin Symptome bestehen wiederholte Infektionen auftraten Kinderwunsch besteht bereits zuvor eine deutliche Dysbiose vorlag       Nicht zwingend nötig, wenn:     Sie beschwerdefrei sind keine Infektneigung besteht     👉 In der Kinderwunschmedizin oder bei rezidivierenden Beschwerden empfehle ich häufig eine Kontrolle nach 4–6 Wochen.       6. Einordnung zum Schluss     Antibiotika können das Mikrobiom vorübergehend stören – dauerhafte Schäden sind sehr selten Mit gezieltem Aufbau ist die Flora in der Regel sehr gut regenerierbar.   Herzliche Grüße Ihr Dr. Friedrich Gagsteiger


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