Frage im Expertenforum Kinderwunsch an Dr. med. Friedrich Gagsteiger:

Erneute Frage

Frage: Erneute Frage

Johanna0407

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Lieber Herr Dr. Gagsteiger, ich hatte Ihnen vor Kurzem schon mal geschrieben wegen des Spermiogramms meines Mannes nach schwerer Influenza (Aussehen/Geruch o.B., pH 7.9, Volumen 1.9 ml Spermienkonzentration 30 Mio/ml Motilität PR 9%, NP 13%, immotil 78 % Morphologie: 2% normal, 98% patholog.  Vitalität 75% MAR Test neg, keine Leukos, keine Rundzellen). Wir hatten ja schon vor 4 Jahren eine spontane SS, bei der es schnell geklappt hat. Unser Sohn kam bei BEL per primärer, komplikationsloser Sectio zur Welt. Sie hatten mir geraten aufgrund meines Alters (38) im Kinderwunschzentrum vorstellig zu werden. Dort war ich nun und bin etwas irritiert: Der Arzt dort hat uns zur IUI erstmal ohne Hormone geraten ohne weitere Untersuchungen zu veranlassen (ich hatte mein AMH aus 2025 von 1.6 dabei und meinen aktuellen TSH Wert 1.24). Er hat auch gesagt es wäre sinnvoll das Spermiogramm dann quasi erst im Rahmen der Insemination zu wiederholen,  um unnötige Untersuchungen zu ersparen. Mein Zyklus ist sehr regelmäßig, meine Frauenärztin hat auch viele Follikel im Sono gesehen. Kein PCOS, keine Endometriose etc. Es ist whs auch unwhs, dass jetzt meine Eileiter dicht sind nach normaler Ss in der VG? Was halten Sie von dem Vorgehen?  Ich bin sehr unsicher, zumal mein Mann GKV versichert ist und ich privat. Da er whs der Verursacher ist, würde meine KK ja nichts zahlen, zumindest laut Kindrwunschzentrum und die Kosten beim Mann sind ja marginal. Vielen Dank und viele Grüße Johanna Kehr


Dr. Friedrich Gagsteiger

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Guten Tg, ich fasse Ihnen alles noch einmal zusammen – medizinisch und versicherungstechnisch.   1️⃣ Das Spermiogramm nach Influenza – Hoffnung ist berechtigt   Das aktuelle Spermiogramm Ihres Mannes zeigt:   gute Konzentration (30 Mio/ml) gute Vitalität (75 %) keine Entzündungszeichen aber deutlich eingeschränkte progressive Motilität (9 %) Morphologie 2 %   Nach schwerer Influenza ist genau dieses Muster häufig zu sehen. Fieber wirkt sich 2–3 Monate lang negativ auf die Spermienreifung aus. 👉 Sehr oft kommt es zu einer spontanen Verbesserung. Deshalb ist es absolut nachvollziehbar, wenn das Kinderwunschzentrum davon ausgeht, dass sich das Spermiogramm erholen könnte.   2️⃣ Ist es sinnvoll, das Kontrollspermiogramm im Rahmen einer IUI zu machen?   Ja – wenn man davon ausgeht, dass es sich um eine vorübergehende Verschlechterung handelt. Vorteile:  keine zusätzliche Untersuchung keine Verzögerung sofortige therapeutische Nutzung   Wenn die aufbereitete motile Spermienzahl ausreichend ist → IUI sinnvoll. Wenn sie zu niedrig ist → Strategiewechsel Richtung IVF/ICSI. Das ist kein falsches Vorgehen. Es ist optimistisch – aber vertretbar.   3️⃣ Ihr Alter – der strategische Faktor   Mit 38 Jahren:   liegt die natürliche Schwangerschaftswahrscheinlichkeit pro Monat bei etwa 8–12 % steigt die Rate genetischer Fehlverteilungen wird Zeit zu einem relevanten Faktor   Ihr AMH von 1,6 ist für 37/38 gut. Dennoch hätte ich persönlich eine aktuelle Bestimmung zur Standortbestimmung begrüßt – nicht aus Sorge, sondern zur strategischen Klarheit. Ihr Körper hat bereits eine spontane Schwangerschaft getragen. Das ist ein sehr positiver Prognosemarker. Aber: Mit 38 sollte man ineffiziente Umwege vermeiden. Mein pragmatischer Vorschlag:  maximal 2-3 IUIs bei anhaltend schlechter Motilität konsequent auf IVF/ICSI wechseln   Nicht länger.   4️⃣ Tubenfaktor?   Nach spontaner Schwangerschaft und komplikationsloser Sectio ist für eine verheiratete Frau ein Tubenverschluss sehr unwahrscheinlich. Hier sehe ich keinen zwingenden diagnostischen Druck vor einer ersten IUI.   Jetzt zum wichtigen Teil: Die Versicherungssituation   Ihre Konstellation:   Sie privat versichert Ihr Mann gesetzlich versichert vermutlich männlicher Faktor   In Deutschland greift häufig das sogenannte „Verursacherprinzip“. Das bedeutet: Die Versicherung des Partners, bei dem die Ursache liegt, ist primär zuständig.   Bei männlichem Faktor:     Die GKV Ihres Mannes übernimmt meist 50 % der Behandlungskosten (bei erfüllten Voraussetzungen) Ihre PKV könnte argumentieren, dass bei Ihnen keine Erkrankung vorliegt   Und genau hier entsteht die Unsicherheit.         IUI – finanziell überschaubar   Die Kosten sind moderat. Hier ist das Risiko überschaubar, selbst wenn es kleinere Eigenanteile gibt. Das macht die IUI auch aus versicherungstechnischer Sicht zu einem vernünftigen ersten Schritt.         IVF / ICSI – hier sollte man sauber planen   Bei dauerhafter Asthenoteratozoospermie wäre ICSI medizinisch sehr sinnvoll. Aber: Bei gemischter Versicherung kann es sein, dass   die GKV Ihres Mannes nur seinen Anteil trägt Ihre PKV ihren Anteil nur übernimmt, wenn eine medizinische Indikation auch bei Ihnen gesehen wird   Und genau hier kommt Ihr Alter ins Spiel. Mit 38 Jahren lässt sich medizinisch gut argumentieren:   altersabhängige Reduktion der Fertilität kombinierter männlicher Faktor Zeitfaktor   Das stärkt die Erstattungswahrscheinlichkeit deutlich. Mein klarer Rat: 📌 Vor einer IVF/ICSI immer eine schriftliche Kostenanfrage bei Ihrer PKV stellen. Mit Diagnose und Therapieempfehlung. Das schafft Sicherheit.   Mein Gesamtfazit   Das Kinderwunschzentrum handelt nicht falsch. Es handelt optimistisch. Wenn sich das Spermiogramm erholt → IUI absolut sinnvoll. Wenn nicht → bitte zügig Richtung ICSI denken. Mit 38 darf man hoffen – aber man sollte auch strategisch denken. Sie sind medizinisch in einer guten Ausgangslage. Jetzt braucht es nur einen klaren Zeitrahmen und transparente Kostenplanung. Herzliche Grüße Ihr Dr. Gagsteiger


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