Kleine Engel

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Geschrieben von birgitaustria am 09.06.2005, 13:19 Uhr

Trauer und ihre Dauer....

Heuer im Februar waren es 7 Jahre, dass meine Tochter gestorben ist. In der Zwischenzeit habe ich (nach 2 fürchterlichen angstbesetzten Schwangerschaften) zwei gesunde Kinder bekommen, die ich sehr liebe. Trotzdem bin ich noch traurig, dass mein erstes Kind sterben musste. Meist geht es mir gut. Manchmal geht es mir eben schlechter. Ich denke, das wird auch für immer so bleiben. Denn meine Tochter wird ja nicht aufhören tot zu sein. Und ich werde nicht aufhören ihre Mama zu sein. Ich habe sie geliebt, ich liebe sie und ich werde sie auch immer lieben. Wohl auf eine andere Art als meine lebenden Kinder, aber doch genauso dauerhaft. Daran kann der Tod nix ändern.

Und ich denke, es ist egal, ob 20. SSW oder während der Geburt oder wie bei uns nach 2 Monaten oder vielleicht auch nach 20 Jahren. Ein Kind ist ein Kind für eine Mutter. Verliert sie es, ist es der größtmögliche Verlust, der ihr zugefügt werden kann. Daran kann niemand was ändern.

Was einen Unterschied macht, glaube ich jedenfalls, ist, ob man das erste (und einzige)Kind verliert oder ein späteres, denn beim ersten verliert man ja am allermeisten, denn man hört ja auch auf, im öffentlichen Leben eine MUTTER zu sein, da ja kein Kind mehr da ist. Für mich war einer der schwersten Gedanken, während ich meiner Tochter beim Sterben zusah der: jetzt ist alles aus, ich muss am 1. wieder arbeiten gehen, ich bin keine Mama mehr... Und statt spazieren zu gehen hab ich wieder Akte geschlichtet, statt auf den Spielplatz ins Archiv, statt Babygebrabbel französische Geschäftsbriefe... Und dann die Bemerkungen der Kollegen, von denen die meisten gar nicht wussten, was geschehen war. - Aber das kennt ihr ja alle.

Der richtige Zeitpunkt sich wieder auf ein neues Kind einzulassen, das ist echt schwierig. Ich wurde gleich wieder schwanger, was allerdings eher ein Unfall war. Da ich einen KS hatte, hätten wir ja mindestens 6 Monate warten sollen, es waren hmmm, naja, knapp 2 Monate danach hatte ich den Test positiv. Das war gut. Denn ich glaube, sonst hätte ich nicht mehr lange gelebt. Aber dennoch war es zu bald. Ich war mit meiner Trauer noch längst nicht soweit (ich schreibe bewusst nicht "fertig", denn fertig wird man nie). Was für mich also lebensrettend war, ist für meine Tochter ein schweres Erbe.

Wie ich neulich schon mal schrieb, neigt sie dazu, depressiv zu werden, wenn sie sich länger mit dem Tod ihrer Schwester befasst, oder allgemein mit dem Tod. Von Zeit zu Zeit wird dieses Thema eben wieder aktuell (so vor kurzem, als mein Großonkel starb - enge Bindung). Irgenwann wird sie auch auf den Gedanken kommen, dass wir sie nicht hätten, wenn ihre Schwester überlebt hätte und dann ... Dafür muss ich mir echt eine Strategie überlegen.

Aber egal...

Was ich EUCH sagen will: Nehmt euch die Zeit die ihr braucht. Redet IMMER darüber, wenn euch danach ist. Erzählt es JEDEM, der euch geeignet erscheint. Bei den unwahrscheinlichsten Gelegenheiten trifft man auf verwandte Seelen, die unmöglichsten Menschen können oft eine große Hilfe sein. Wendet euch ab von jedem, der euch runterzieht. Geht arbeiten, wenn es euch hilft, lasst euch krankschreiben, wenn euch die Arbeit runterzieht. (Ich persönlich habe es bis heute nicht geschafft, mir einen neuen Job zu suchen, es ist zu schwer, die Fragen im Lebenslauf zu beantworten, aber vielleicht schaffe ich es ja nach DIESER Babypause...)Redet mit dem Vater der Kindes. Er ist der einzige, der GENAU denselben Verlust erlitten hat. UND habt trotzdem Spaß. Ihr dürft, ihr sollt lachen, eure Kinder würden nicht wollen, dass ihr ewig nur traurig seid. Und auch an diesen kalendermäßigen Trauertagen müsst ihr nicht festhalten. Geboren wurde mein Kind 5 Tage vor Weihnachten.... ABER trotzdem ist Weihnachten. Als meine Tochter starb, war Rosenmontag, die Nacht auf Fa.-Dienstag. Wie ich zu Fasching stehe, könnt ihr euch klarerweise denken. Trotzdem IST Fasching. Für meine ANDERE Tochter, bald auch für meinen Sohn, für alle anderen Kinder.

Ich funktioniere an diesen besonderen Tagen für alle anderen, in mir drinnen sieht es aber oft anders aus. Aber ich mache mir auch keine Vorwürfe mehr, wenn ich mich TROTZDEM amüsiere.

Meine Großmutter hat vor 53 oder 54 Jahren einen Sohn geboren, es war ihr zweiter (von 5), nach meinem Vater. Dieser Bub starb aufgrund einer Strahlenüberdosis mit der ein Blutschwamm im KH behandelt wurde. Sie spricht HEUTE noch von ihm. Meine Tante bekam vor 30 Jahren Zwillingsfrühchen in der 30.SSW (wäre ja heute kein Thema mehr...), welche innerhalb von 3 Tagen starben. Auch sie spricht HEUTE noch von ihren Söhnen (danach bekam sie 2 Töchter). Und so kenne ich mittlerweile gaaanz viele Mütter von toten Babies oder Kindern. Irgendwie redet man mit anderen Betroffenen leichter darüber, zumindest ging es mir so, nachdem ich dann auch "dazugehörte". Alle diese Mamas haben ihre Engelchen nicht vergessen. Auch wenn die Gräber längst aufgelassen sind haben die Kleinen immer noch einen fixen Platz in den Herzen ihrer Mütter.

Lasst euch nix dreinreden, die Trauer dauert eben solange sie dauert, genaugenommen rechne ICH nicht damit, dass sie aufhört. Aber ich habe auch zu einem Teil gelernt, damit umzugehen (auch ich war bei der Therapie). Alles andere muss man zulassen können. Ich denke, die meisten Menschen haben Verständnis, wenn man heult, während man von seinem toten Baby erzählt. Wers nicht hat, den will ich z.B. eh nicht als Arbeitgeber. Wenn ich heute noch Hilfe brauche, dann suche ich sie mir.

Diese Internet-Forum finde ich toll, denn es ist IMMER jemand da, der Verständnis hat, mehr braucht es ja meist nicht. Gleichzeitig kann ich andere, die in der gleichen oder zumindest einer ähnlichen Situation sind trösten oder beraten, auch das hilft mir. Ich habe auch "richtige" Freunde (auch wenn nicht alle den Tod unseres Kindes durchgehalten haben....). Aber es ist oft einfacher in die Anonymität der Internets reinzuheulen, als zum 1.000sten Mal vor der besten Freundin "Schwäche" zu zeigen, auch wenn diese sicher Verständnis hätte.

So gesehen möchte ich mich auch mal bei euch allen bedanken. DANKE!!!

So, und jetzt ist es denke ich, lange genug geworden. Ich wollte das nur aus Anlass der letzten Tage mal loswerden.

Jede von uns wird es auf ihre Weise schaffen, da bin ich mir sicher.

Tausend Knuddels an euch alle!

Birgit

 
2 Antworten:

Re: Trauer und ihre Dauer....

Antwort von lesemammi am 09.06.2005, 14:01 Uhr

Liebe Birgit,

das ist wohl war, hast du gut geschrieben.

Hast du schon nachgeforscht ob es ein Buch gibt was den Umgang mit Geschwistern und Trauerarbeit betrifft?

Saskia hat sich noch keine Gedanken darüber gemacht ob sie da wäre wenn Franziska nicht gegangen wär.
Man muß lernen damit umzugehen, Kinder fragen einfach was sie wissen wollen ohne viel darüber nachzudenken. Wir Erwachsenen zerbrechen uns mehr den Kopf über sowas.
Willst du denn einen Psychologen zu Rate ziehen?

Hatte dir ja weiter unten schon gepostet bei der Frage zu den Geschwisterkindern.

LG Claudia

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Re: Trauer und ihre Dauer....

Antwort von birgitaustria am 09.06.2005, 14:31 Uhr

Ja, ich hab schon nach Büchern gesucht, wie weiter unten erwähnt, es gibt so ziemlich alles, Tod der Großeltern, Haustiere, Spielkameraden... Für ältere Kinder gibt es auch Tod vom Zwilling od. Geschwister, aber echt nix für Kleine. Dafür sind die Verlage wohl zu feige.

Ich finde überhaupt, dass sich zu wenige mit dem Thema Trauer der Nachfolgegeschwister beschäftigen, da wird wohl noch zu sehr tabuisiert. Aber ich wüsste echt nicht, wie ich das vor meinen Kindern verheimlichen könnte, schließlich haben wir das Grab und es ist wie es ist.

Wegen dem Psychologen, ich weiss nicht so recht. Ich werde jetzt erst mal abwarten, ob nochmal ein Schub kommt, momentan ist es ja wieder ziemlich gut. Ich hatte nur beim letzten Mal richtig Angst bekommen. Vielleicht normalisiert sich für sie die Familiensituation mit dem Brüderchen ja doch noch *daumendrück*.

Ich kann sie ja gut verstehen, es wäre ja sooo schön, eine Schwester zu haben, die nur knapp ein Jahr älter ist... (Meine eigene Schwester ist 8 1/2 Jahre jünger...) Und meine Tochter neigt dazu, sich über alles sehr viele Gedanken zu machen, auch sehr philosophische. Da kommen schon manchmal Aussagen, da wär ich selbst nicht draufgekommen. z.B. "Wenn die Menschen sterben, kommen sie in den Himmel, und wenn man im Himmel stirbt, kommt man zurück auf die Erde, vielleicht sogar wieder zu seiner Familie, aber man kann sich nicht mehr dran erinnern, dass das seine Familie ist." - Das ist schon eine Weile aus und ich stand da mit offenem Mund und wusste echt nicht, was ich sagen soll. Tja, so läuft es eben bei uns.

Alles Liebe, Birgit

P.S.: Noch ein Spruch, den ich persönlich sehr hilfreich fand

Als Gott seine Englein zählte
und er sah, dass eines fehlte,
da blickte er um sich
und wählte mich!

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