Tinifee
Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, seit 4 Jahren versuche ich, mit medizinischer Hilfe schwanger zu werden. Ich hatte bisher 5 Embryo-Transfers, 4 mit eigenen Eizellen und eine Embryonenspende. Bereits mit Mitte 30 wurde bei mir eine extrem niedrige Eizellreserve festgestellt. Bei zwei meiner Transfere kam es zu einer sehr kurzlebigen chemischen Schwangerschaft. Ein weiterer endete in einer Fehlgeburt in Woche 10 aufgrund einer Trisomie (abgeklärt). Thrombophilie ist abgeklärt - ich habe eine heterozygote Faktor 2 Mutation. Dazu hieß es: Sollte die Einnistung und Frühentwicklung nicht beeinträchtigen. Der Konsens bisher war: Meine Schwangerschaftsverluste gehen höchstwahrscheinlich auf auf die Eizellen zurück. Leider ist meine aktuelle Schwangerschaft aber ebenfalls dabei, bereits in Woche 5 wieder zu enden. Der Anfangs-HcG an TF+10 lag bei 32. Seither steigt er zwar, aber viel zu langsam und nun abflachend. Meine Klinik rät, gleich im nächsten Zyklus den nächsten Transfer zu starten. Ich hoffe so, endlich auch mal gute Nachrichten zu bekommen und ich werde auch nicht jünger, dass ich grundsätzlich gerne direkt weitermachen möchte. Ich bin aber unsicher, ob ich nicht erst eine Gebärmutterbiopsie machen lassen sollte, um eventuelle behandelbare Faktoren wie CE auszuschließen. Meine Schleimhaut baut sich immer auf >8mm und trilaminar auf. Der Progesteronwert war bisher immer wie im Bilderbuch. Ich habe regelmäßige Zyklen, wenn die Periode im letzten Jahr auch kürzer und leichter geworden ist (bekomme daher bereits unterstützende Hormone). Keine intra-uterinen Myome. Keine ausgeprägte PMS oder irgendwelche Zwischenblutungen. Können Sie mir einen Rat geben? Klingt eine Biopsie für sie sinnvoll? Oder fällt ihnen etwas anderes ein, was ich testen lassen sollte, bevor ich es nochmal versuche? Liebe Grüße und danke, dass sie sich die Zeit nehmen, uns hier mit unseren Fragen und Ängsten zu helfen, Tini
Liebe Tini, vier Jahre, fünf Transfers, zwei biochemische Schwangerschaften, eine Trisomie-Fehlgeburt – und jetzt wieder ein abflachendes HCG. Dass Sie zweifeln und nichts „übersehen“ wollen, ist absolut nachvollziehbar. Ich ordne es klar für Sie ein. 1️⃣ Was sagt Ihre Vorgeschichte wirklich? Sie werden schwanger. Mehrfach. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Chemische Schwangerschaften = Einnistung findet statt Woche mit Trisomie = Entwicklung bis dahin möglich Das spricht nicht primär für ein Implantationsproblem. Das spricht sehr stark für ein embryonales Problem, also Eizellqualität. Gerade bei extrem niedriger Eizellreserve ab Mitte 30 ist die Aneuploidierate leider erhöht – auch biologisch früher als im Durchschnitt. 2️⃣ Faktor-II-Mutation heterozygot Das erklärt frühe biochemische Verläufe in der Regel nicht. Viele Zentren geben in Folgeschwangerschaften prophylaktisch niedrig dosiertes Heparin ± ASS – schadet nicht, ist aber selten die Hauptursache. 3️⃣ Ist eine Gebärmutterbiopsie (z. B. auf chronische Endometritis) sinnvoll? Wichtig: CE führt typischerweise zu: wiederholtem kompletten Implantationsversagen oft ohne jede HCG-Reaktion Sie hingegen haben wiederholt HCG-Anstiege. Ohne: Schmierblutungen auffällige Blutungen Schmerzen sonografische Auffälligkeiten ist die Wahrscheinlichkeit für eine relevante CE eher gering. Eine Biopsie kann man machen – aber statistisch ist die Trefferwahrscheinlichkeit in Ihrer Konstellation überschaubar. 4️⃣ Was wäre sinnvoller zu prüfen? Bevor man wieder startet, würde ich – falls noch nicht geschehen – überlegen: Schilddrüse optimal eingestellt? (TSH < 2,5, besser < 2) Vitamin D im oberen Normbereich? evtl. Gerinnungsprophylaxe im nächsten Versuch? falls eigene Eizellen: realistische Einschätzung der Eizellqualität falls Embryonenspende: war das Embryo genetisch getestet? Wirklich entscheidend ist die Frage: Handelt es sich um euploide oder ungetestete Embryonen? 5️⃣ Sofort weitermachen oder pausieren? Medizinisch: Nach einer sehr frühen biochemischen Schwangerschaft ist keine zwingende Wartezeit erforderlich. Der Körper braucht meist keinen „Reset“. Psychologisch: Das ist eine andere Frage. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie wollen handeln – dann ist ein direktes Weitermachen vertretbar. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie brauchen das Gefühl, alles abgeklärt zu haben – dann kann eine gezielte Diagnostik helfen, nicht medizinisch, sondern mental. 6️⃣ Meine ehrliche Einschätzung In Ihrer Konstellation spricht vieles dafür, dass: 👉 die Embryonenqualität der limitierende Faktor ist nicht die Gebärmutter. Eine Biopsie wird die Eizellbiologie nicht verändern. Wenn Sie mit Embryonenspende erneut einen frühen HCG-Anstieg hatten, dann wäre das der einzige Punkt, bei dem ich kurz innehalten würde – weil dann das Embryo genetisch ja jünger war. Dann könnte man tatsächlich über Endometrium-Diagnostik nachdenken. 7️⃣ Was ich an Ihrer Geschichte positiv sehe Sie haben wiederholt Implantationen. Ihre Schleimhaut ist gut. Progesteron passt. Zyklen regelmäßig. Das Fundament ist da. Das Problem scheint eher die genetische Lotterie zu sein. Zusammengefasst CE-Biopsie möglich, aber nicht zwingend Kein klares Zeichen für uterinen Hauptfaktor Embryonale Genetik wahrscheinlich limitierend Direkt weiterzumachen ist medizinisch vertretbar Gerinnungsprophylaxe im nächsten Versuch evtl. erwägen Wenn Sie möchten, schreiben Sie mir noch: Ihr aktuelles Alter ob die aktuelle Schwangerschaft aus eigener EZ oder Spende stammt ob jemals PGT-A gemacht wurde Dann kann ich es noch präziser einordnen. Und eines noch: Wieder schwanger zu werden und es wieder zu verlieren, ist emotional brutal. Dass Sie trotzdem weitermachen, zeigt enorme Stärke. Herzliche Grüße Dr. Gagsteiger
Tinifee
Sehr geehrter Herr Dr. Geiger, vielen,vielen Dank für ihre Antwort. Hier die Daten: Mein aktuelles Alter: knapp 42 Ob die aktuelle Schwangerschaft aus eigener EZ oder Spende stammt: Spende, die Spenderin ist Mitte zwanzig Ob jemals PGT-A gemacht wurde: Nein Dass nun eben die Embryonenspende wieder mit einer biochemischen Schwangerschaft endet, ist es genau, was mich stutzig macht. Die Früh-Tests waren ab TF +6 positiv, wurden aber nicht dunkler. Daher bin ich an TF +10 zum Bluttest gegangen, und habe bereits geahnt, dass das Ergebnis von 32 nichts gutes bedeutet. Folgetests haben eine Verdoppelung in ~72 h gezeigt, diese Anstiege waren aber auch nicht von Dauer. Wären es meine Eizellen gewesen, wäre ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass dort das Problem liegt. Da dies nicht der Fall war, bin ich aber nun ängstlich, dass bei mir ein weiteres, bislang unsichtbares Problem besteht. Wenn nicht CE, dann irgendetwas anderes... Beste Grüße, Tini