julia.carlin
Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, ich wende mich erneut an Sie, denn Sie haben mir in der Vergangenheit schon sehr weiter helfen können. Kurz zur Ausgangslage: Es besteht ein zweiter Kinderwunsch. Wir sind auf Spendersamen angewiesen. Ich bin im Oktober 42 Jahre alt geworden. Regelmäßiger Zyklus 26-29 Tage lang, mit Basaltemperatur lässt sich immer ein Eisprung nachweisen. AMH bei 2,78 ng/ml im Dezember 2025. Im Januar 2022 wurden wegen eines gutartigen Tumors der linke Eierstock und Eileiter entfernt. Im Mai 2022 wurde ich bei der ersten Insemination ohne jegliche Medikation mit unserer Tochter schwanger. Ich war bereits 38,5 Jahre alt. Ich hatte eine unkomplizierte Schwangerschaft und Geburt. Im Sommer 2024 wurde eine Blinddarmentzündung vom Arzt zu spät erkannt. So kam es leider zur Perforation und lokalen Peritonitis. Ende November 2024 wurde eine Bauchspiegelung durchgeführt. Es wurden an den rechten Adnexen "ausgedehnte Adhäsionsstränge zur Uterushinterwand und rechten Beckenwand" gefunden. Diese konnten "teils stumpf, teils scharf gelöst werden." "Rechtes Ovar makroskopisch unauffällig. Die Tube scheint nach der Adhäsiolyse wieder mobil zu sein. Die Chromopertubation ist rechts positiv. Kein Anhalt für Endometriose." Wir haben danach nur eine Insemination versucht und sind zur IVF übergegangen. Stimulation im kurzen Antagonisten Protokoll mit jeweils 300 Einheiten Menopur ab Zyklustag 2 und Fyremadel einmal ab Tag 7, einmal ab Tag 6. Ausgelöst wurde mit Ovitrelle beim ersten Versuch im Juni 2025 an Tag 11 und beim zweiten Versuch im September 2025 an Tag 10 mit Ovitrelle und Gonapeptyle. Die Eizellentnahme erfolgte im ersten IVF Zyklus an Zyklustag 13 im zweiten an Tag 12. Bei beiden Versuchen wurden 8 Eizellen gewonnen, es wurden vorher aber mehr Follikel gesehen, ca. 12. Von den 8 Eizellen wurden erst 6, beim zweiten Mal 7 befruchtet, die sich auch alle erst einmal entwickelt haben. Es wurde ein Blastozysten Transfer angestrebt. An Tag 5 wurde im ersten Versuch eine 4BB Blastozyste eingesetzt. Es gab noch zwei schlechtere Blastozysten in C Qualität, die bis Tag 6 beobachtet wurden und laut Aussage der Klinik zu schlecht zum Einfrieren waren. Leider war der Versuch erfolglos. Beim zweiten Mal gab es an Tag 5 vier frühe Blastozysten, zwei wurden transferiert und zwei weiter kultiviert bis Tag 6. Es wurde wieder nichts eingefroren. Aus finanziellen Gründen können wir gerade anders als geplant mit weiteren IVF Versuchen nicht weitermachen. Halten Sie es für möglich, dass es mit Insemination auch nach den erfolglosen IVF Zyklen noch einmal klappen könnte? Wie beurteilen Sie das Risiko für neue Verwachsungen, die die Eileiterfunktion beeinträchtigen? Sollte davor eine erneute Bauchspiegelung ggf. mit Adhäsiolyse erfolgen? Halten Sie es für vertretbar es noch einmal zu versuchen, da es schon einmal geklappt hat und die Hormonwerte gut sind? Oder würde ich mir völlig falsche Hoffnungen aufgrund meines Alters, der perforierten Appendizitis und der gescheiterten IVF Versuche machen? Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Hilfe. Viele Grüße Jule
Guten Abend, danke für ihre Schilderung. 1️⃣ Anatomische Realität Sie haben: keinen linken Eierstock keine linke Tube eine schwere Peritonitis im rechten Unterbauch gehabt ausgedehnte Adhäsionen im Bereich der rechten Adnexe Auch wenn die Chromopertubation 2024 positiv war, bedeutet das lediglich: → Kontrastmittel floss durch. → Das heißt nicht automatisch, dass die Tube funktionell optimal arbeitet. Eine Tube kann durchgängig sein, aber: eingeschränkte Motilität haben feine Flimmerhärchen verloren haben in ihrer Eizellaufnahmefunktion gestört sein Nach perforierter Appendizitis mit lokaler Peritonitis ist genau das ein realistisches Risiko. Und Sie haben nur noch diese eine Tube. 2️⃣ Warum ich in Ihrer Situation klar zur IVF tendiere Mit 42 Jahren ist der entscheidende Faktor: Zeit + Eizellqualität Die Tubenfunktion ist in Ihrer Situation der zusätzliche Unsicherheitsfaktor. Eine IUI würde bedeuten: Sie sind auf die Aufnahmefunktion dieser einen Tube angewiesen Sie verlieren pro Zyklus wertvolle Monate pro Versuch liegt die Chance realistisch eher bei 3–5 % Selbst wenn es theoretisch möglich wäre, ist es statistisch ineffizient. Eine IVF: umgeht die Tube komplett kontrolliert die Befruchtung erlaubt eine bessere Embryoselektion spart Zeit Und Zeit ist mit 42 der limitierende Faktor. 3️⃣ Was sagen Ihre bisherigen IVF-Zyklen? Positiv: 8 Eizellen bei nur einem Ovar gute Befruchtungsraten Blastozystenentwicklung vorhanden Das ist für 42 absolut respektabel. Das Problem war nicht die Stimulation. Das Problem war sehr wahrscheinlich die Aneuploidierate. Und genau deshalb brauchen Sie eher: → mehr Embryonen → nicht mehr IUIs. 4️⃣ Wäre eine erneute Bauchspiegelung sinnvoll? Nein – nicht strategisch. Sie haben: keine Hinweise auf Hydrosalpinx keine akuten Beschwerden Eine erneute Adhäsiolyse würde: Zeit kosten erneute Verwachsungen provozieren können Ihre Eizellqualität nicht verbessern In Ihrem Alter operiert man nicht prophylaktisch ohne klaren IVF-relevanten Befund. 5️⃣ Was wäre jetzt medizinisch sinnvoll? Wenn finanziell möglich: ➤ Weiterführung der IVF Mit eventuell: leicht modifiziertem Stimulationsprotokoll ggf. LH-Anteil anpassen evtl. Dual Trigger (was Sie ja schon hatten) Überlegung: Embryonen sammeln (2 Zyklen → kumulativer Transfer) Mit 42 entscheidet nicht der einzelne Zyklus, sondern die kumulative Strategie. 6️⃣ Ehrliche Wahrscheinlichkeiten Mit 42: Lebendgeburtrate pro Embryotransfer: ca. 10–15 % pro Eizelle deutlich darunter pro IUI eher 3–5 % Mit nur einer fraglich funktionellen Tube würde ich IUI nicht als ernsthafte Strategie betrachten. Nicht unmöglich. Aber statistisch schwach. 7️⃣ Meine klare Empfehlung In Ihrer Situation: → IVF ist der deutlich sinnvollere Weg. → Zeit sollte nicht über Tubenversuche verloren werden. → Keine erneute Laparoskopie ohne konkreten Befund. Sie haben ovarielle Reserve. Sie produzieren Embryonen. Das ist Ihr Kapital. Darauf sollten Sie setzen. Ich weiß, dass der finanzielle Aspekt real ist. Aber rein biologisch betrachtet wäre weiteres Zuwarten mit IUIs der größere Verlust. Sie haben keine hoffnungslose Situation. Aber Sie haben eine Situation, in der strategisches Handeln entscheidend ist. Herzliche Grüße Dr. Gagsteiger
julia.carlin
Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, ich danke Ihnen sehr für Ihre schnelle Antwort und die klare Einschätzung. Sie helfen mir damit erneut sehr weiter. Alles Gute für Sie und viele Grüße Jule
Auch ihnen alles Gute!
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