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Geschrieben von Michael 1963 am 06.01.2019, 13:06 Uhr zurück

Kinderkuren ( Kinderverschickung ) in den 70er Jahren

Durch Zufall bin ich über die Suchmaschine auf den Forums-Thread aus dem Jahr 2013 zu obigem Thema auf dieser Seite gestoßen. Mein erster Gedanke war, hierzu auch einen Beitrag zu schreiben, denn ich hatte in meiner Kindheit wirklich ein traumatisierendes Erlebnis in einem Kinderkurheim in Bad Sassendorf bei Soest.

Es war im Jahr 1973, als mein damaliger Kinderarzt befand, ich sei unterernährt bzw. für mein Alter untergewichtig. Es war die Zeit, als Kinderärzte es noch als vorteilhaft empfanden, wenn Kinder im Grundschulalter noch etwas mehr Speck auf den Rippen hatten. Eine Zeit, in der Nutella und Kuhmilch noch für gesunde und bekömmliche Nahrung für Kinder gehalten wurde und überhaupt fast alles, was hochkalorisch war, als gut bewertet wurde.

Meine erste Kinderkur hatte ich wegen meines geringen Körpergewichtes bereits drei Jahre zuvor, im Jahr 1977 in Muggendorf in der fränkischen Schweiz. Hieran habe ich eigentlich nur positive bzw. überwiegend positive Erinnerungen. Wahrscheinlich empfand ich es deswegen auch nicht als so schlimm, als ich im Jahr 1973 erneut in die Kur geschickt wurde. Diesmal ging es nach Bad Sassendorf, in ein von katholischen Nonnen geleitetes Kinderkurheim. Hätte ich vorher gewußt, was mich hier erwarten würde, hätte ich mich wahrscheinlich mit Händen und Füßen gesträubt, um diesem Martytium entgehen zu können!

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass wir in Bad Sassendorf genauso viele Jungs wie Mädchen waren. Das Altersspektrum reichte glaube ich von acht bis zwölf Jahren. Im gemeinsamen Speisesaal saßen wir an 6er-Tischen, wobei bei den Jungs und Mädchen je ein Tisch mit sechs übergewichtigen Kindern, der Rest der Tische allerdings mit untergewichtigen Kindern besetzt war. Heute dürfte es wohl eher umgekehrt sein.

Damals habe ich die dicken Kinder beneidet, denn sie durften nach dem Frühstück draußen auf der Wiese Fußball spielen und sich austoben, während alle anderen Kinder sich im Haus mit sich mit Malen, Lesen oder Basteln die Zeit vertreiben mußten. Hauptsache, wir haben von unserem extrem hochkalorischen und fettig-süßen Frühstück nicht zu viele Kalorien verbraucht, denn wir sollten ja schließlich gemästet werden, um der Idealvorstellung der Zeit gerecht zu werden.

Nach dem Mittagessen mußten wir leichtgewichtigen Kinder ganz strenge Mittagsruhe halten. Dies sah so aus, dass wir in einer Turnhalle auf Gymnastikmatten dem Rücken liegen mußten, mit nach unten liegenden Handflächen. Während eine Nonne aus der Bibel vorlas, liefen ein oder zwei andere Nonnen die Reihen ab und maßregelten jedes Kind, das auch nur die kleinste Bewegung wagte. Spätestens am dritten Tag waren dann alle Kinder auf strikte Bewegungslosigkeit konditioniert.

Das Mittagessen bestand sehr oft aus sehr süßen Sachen wie Germknödeln, Kaiserschmarrn, Griesbrei mit Zucker und Zimt oder Ähnlichem, oft mit Vanillesoße oder Schokosoße drüber. Für Kinder ist dies natürlich toll aber nicht mehr, wenn es so oft auf den Tisch kommt. Freitags gab es - und hiermit fing für mich das Grauen an - Fisch. Heute weiß ich, dass ich kein Fischeiweis vertrage. Als Kind hat mir einfach mein Unterbewußtsein gesagt, dass ich Fisch nicht essen soll, was irgendwann auch meine Eltern akzeptierten.

Die Nonnen in Sassendorf akzeptierten dies jedoch nicht! Zu meinem großen Unglück wurde ich von einer Nonne erwischt, als ich meinem Tischnachbarn meinen Hering auf seinen Teller legte. Die Nonne packte mich am Ohrläppchen und zerrte mich in die Ecke des Speisesaales, wo ich so lange mit dem Rücken zu den anderen Kindern stehen bleiben musste, bis diese den Saal verlassen hatten. Als ich schließlich allein im Speisesaal zurück blieb, wurde die Heimleiterin gerufen. Anschließend hat mich dann eine Nonne festgehalten, während die Heimleiterin auf mich eingeschlagen hat. Ich hatte das Gefühl, dass die Frau in ihrer Tobsucht bewusst mein Gesicht verschonte, da dies ja für andere Kinder sichtbare Zeichen der Misshandlung hinterlassen hätte. Alle anderen Körperstellen wurden jedoch sorgsam mit Schlägen bedacht, so dass ich am Ende der Prügelorgie Schmerzen am ganzen Körper hatte. Immer wieder schrie sie mich an, während sie auf mich einschlug, dass in Afrika Kinder verhungern würden, während ich hier die "guten Gaben Gottes" verschmähen würde.

Nachdem die Heimleiterin eine gefühlte Ewigkeit auf mich eingeschlagen hat, wurde ich anschließend gezwungen, die doppelte Fischration zu essen, die ich natürlich sofort wieder erbrochen habe. Für die übrigen fünf Wochen der Kur wurde ich immer, wenn es Fisch gab, an einen separaten Tisch gesetzt, wo ich eine extragroße Portion Fisch vorgesetzt bekam. Ab der zweiten oder dritten Woche saßen dann auch noch andere Kinder mit mir gemeinsam am Tisch, die genauso wie ich von der Heimleiterin zusammengeschlagen wurden, weil sie ihren Fisch nicht essen wollten. Noch heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich mit keinem dieser Kinder Adressen ausgetauscht habe, denn meine Eltern wollten mir diese Geschichte partout nicht glauben, als ich sie ihnen erzählte. Es ging schlicht und einfach über die Vorstellungskraft meiner Eltern hinaus, dass eine vermeintlich friedfertige Nonne ein Kind misshandeln könnte.

 

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