Mia ist unruhig und weint viel, sie leidet seit einigen Wochen unter Bauchweh, hat mal Blähungen, Durchfall oder auch eine Verstopfung. Es können auch Hautausschläge, Ekzeme oder zeitweise Atemprobleme auftreten – fällt dann die Diagnose Kuhmilchallergie (KMA) ist es zunächst wie eine Erleichterung für die Eltern. Endlich gibt es einen Namen für die Beschwerden. Aber eine KMA stellt Familien mit einem Baby oder Kleinkind vor große Herausforderungen.
Schnell kommt dann die Frage auf, ob pflanzliche Milchalternativen wie Hafer-, Soja- oder Mandelmilch eine geeignete Lösung für ihr Kind sein könnten.
Die kurze Antwort lautet: Nein – pflanzliche Milchalternativen sind zumindest im ersten Lebensjahr keine Option für dein Kind. Warum das so ist und welche sicheren Alternativen es gibt, erklären wir hier Schritt für Schritt.
Warum pflanzliche Milchalternativen für dein Kind nicht geeignet sind
- Nährstoffdifferenzen: Im Vergleich zu Kuhmilch enthalten die pflanzlichen Alternativen deutlich weniger Vitamin B12, weniger Eiweiß und Fett und wenn sie nicht angereichert sind auch deutlich zu wenig Calcium. Eine Ausnahme bildet Soja-Säuglingsnahrung, die jedoch auf Grund ihres Gehaltes an Phytoöstrogenen, Phytat und Aluminium nicht als Ersatz für Kuhmilch im 1. Lebensjahr geeignet ist.
- Kaloriengehalt: Pflanzliche Alternativen liefern meist weniger Energie – ein Risiko in einer Phase, in der Babys besonders viel Energie für Wachstum benötigen.
- Allergenpotenzial: Auch pflanzliche Drinks können Allergien auslösen. Soja, Hafer oder Mandeln gehören zu den häufigsten Allergenen.
- Trend vs. Realität: Pflanzliche Drinks liegen im Trend. Sie sind beliebt bei Erwachsenen, die Kuhmilch meiden möchten. Doch für Säuglinge und Kleinkinder mit KMA sind sie ungeeignet.
Fazit: Pflanzliche Milchalternativen sind kein Ersatz für Babys und Kleinkinder mit Kuhmilchallergie, insbesondere im ersten Lebensjahr.
Dies betonen auch diverse Fachgesellschaften, die sich gegen den Einsatz von pflanzlichen Milchalternativen in der Ernährung von Säuglingen mit Kuhmilchallergie stark machen. Von Pflanzendrinks, z. B. aus Hafer, Mandel, Soja, Macadamia und Reis, die nicht für die Ernährung des Säuglings geeignet sind, rät die Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde( ÖGKJ), der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ) und der Schweizerischen Pädiatrischen Gesellschaft (SPG) ab1. Auch in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e.V. (DGAKI) Allergologie heißt es pflanzliche Drinks sind aufgrund des niedrigen Eiweiß- und Fettgehalts auch bei Kalziumanreicherung kein ernährungsphysiologischer Ersatz.2
Was tun, wenn dein Kind eine Kuhmilchallergie hat – die Empfehlungen für dein Kind
- Stillen:
Wenn möglich, solltest du bzw. deine Partnerin weiterhin stillen – allerdings musst du bzw. sie konsequent alle Kuhmilchprodukte aus der eigenen Ernährung streichen, wenn die Symptome auf den mütterlichen Verzehr von Milch/Milchprodukten zurückzuführen sind. Die Stillende sollte stets bei allen Lebensmitteln die Zutatenliste sorgfältig prüfen, ob dort Milch/Milchprodukte aufgeführt werden. Eine individuelle Beratung kann außerdem hilfreich sein, damit Nährstoffdefizite vermieden werden. - Wenn Stillen nicht möglich ist:
In diesem Fall kommen sogenannte Spezialnahrungen zum Einsatz. Diese unterscheiden sich darin, wie das enthaltene Milcheiweiß verarbeitet wurde:
1. eHF (extensiv hydrolysierte Formeln): Hier wird das Milcheiweiß so stark aufgespalten, dass die Nahrung von mehr als 90 Prozent der Kinder mit einer nachgewiesenen Kuhmilchallergie vertragen wird.
2. AAF (Aminosäuren-basierte Formeln): Sie enthalten enthalten keine Eiweißstrukturen mehr, die eine allergische Reaktion auslösen können und sind daher besonders für Kinder mit einer schweren Kuhmilchallergie geeignet.
Diese Spezialnahrungen sind medizinisch geprüft und speziell auf die Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern mit Kuhmilchallergie abgestimmt. Ist die Diagnose Kuhmilchallergie eindeutig, wird deine Ärztin/dein Arzt dir sagen, wie du mit der Ernährung deines Babys am besten fortfahren sollst und dir bei Bedarf bei der Auswahl der richtigen Spezialnahrung helfen.
Vegan leben und Kuhmilchallergie – eine doppelte Herausforderung
Viele Eltern, die sich vegan ernähren, möchten ihre Kinder im Einklang mit ihrem eigenen Lebensstil großziehen. Die vegane Ernährung bringt speziell für Kinder aber auch Risiken mit sich, wenn es um die Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen geht. Die renommierte Ernährungsexpertin Dr. Imke Reese der DGAKI5 macht deutlich:
- Vegane Ernährung schränkt die Lebensmittelauswahl stark ein. Risiken und medizinische Auswirkungen sind derzeit noch nicht vollständig erforscht.
- Besonders kritisch ist die Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen wie Eiweiß, Calcium, Vitamin B12 und Eisen.
- Viele vegane Proteinquellen (Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen) sind gleichzeitig potenzielle starke Allergieauslöser. Insgesamt kann das allergene Potenzial vieler Ersatzprodukte derzeit aufgrund von Forschungslücken nicht vollständig eingeschätzt werden.
- Auch die zunehmende Verbreitung von ultra-verarbeiteten veganen Produkten und die Zunahme dieser Produkte im (veganen) Lebensmittelsektor wirft Fragen auf: Welche Auswirkungen haben sie langfristig auf das Immunsystem?
Eltern sollten sich unbedingt von Fachleuten beraten lassen, wenn sie eine vegane Ernährung mit einer diagnostizierten Kuhmilchallergie kombinieren möchten.
Was du wissen solltest – die Fakten im Überblick
- Pflanzliche Milchalternativen sind nicht geeignet für Babys und Kleinkinder mit Kuhmilchallergie – besonders nicht im ersten Lebensjahr als Ersatz für Säuglingsnahrung auf Kuhmilchbasis.
- Gründe: Unzureichende Versorgung mit essentiellen Nährstoffen(Calcium, Vitamin B12, Eiweiß, Fett) und Allergenrisiken (Soja, Hafer, Mandeln).
- Stillen bleibt die beste Option – vorausgesetzt, die Mutter meidet konsequent Kuhmilchprodukte.
- Wenn Stillen nicht möglich ist: Spezialnahrungen (eHF oder AAF) sind die sichere Alternative.
- Vegane Ernährung bringt zusätzliche Herausforderungen mit sich – fachliche Begleitung durch Ernährungsberater:innen ist unverzichtbar.
- Pflanzliche Drinks können erst später im Kleinkindalter eine Rolle spielen – und auch dann nur nach ärztlicher Rücksprache.
Tipps für den Alltag: So kannst du eine gesunde Ernährung deines Kindes sicherstellen
- Enger Austausch mit Kinderärzt:innen und Ernährungsberater:innen: Sie helfen dir, die richtige Spezialnahrung auszuwählen und die Entwicklung des Kindes zu begleiten.
- Geduld beim Einstieg in feste Nahrung: Achte auch beim Einstieg in feste Nahrung darauf, dass sie kuhmilchfrei ist - Bitte lies dazu sorgfältig die Zutatenlisten.
- Eltern stärken: Es ist normal, sich unsicher zu fühlen, wenn das Kind eine Kuhmilchallergie hat. Holt euch Unterstützung – niemand muss diese Herausforderung allein meistern. Falls du Fragen hast zur Kuhmilchallergie, dann kannst du dich jederzeit im Elternforum Allergie darüber austauschen.
Fazit – die Schlussfolgerung für dich und dein Kind mit Kuhmilchallergie
Die Diagnose Kuhmilchallergie ist zunächst eine Überraschung. Doch mit dem richtigen Wissen und der passenden Unterstützung können Eltern sicherstellen, dass ihr Kind gesund wächst und sich gut entwickelt.
Auch wenn pflanzliche Milchalternativen im Trend liegen: Für Babys und Kleinkinder mit Kuhmilchallergie sind sie keine Lösung. Stattdessen gilt es, auf bewährte Spezialnahrungen (eHF oder AAF) zurückzugreifen, die gezielt auf die Bedürfnisse im Säuglings- und Kleinkindalter angepasst sind, sowie die Ernährung Schritt für Schritt gemeinsam mit Fachleuten zu gestalten.
Quellen
1 Ernährungskommission der ÖGKJ, DGKJ und SPG; Alternativen zu Säuglingsnahrungen auf Kuhmilchproteinbasis; Monatsschr Kinderheilkd 2023 · 171:822–828
2 Worm M et al. Update Leitlinie zum Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien
S2k-Leitline der DGAKI Allergologie, Jahrgang 44, Nr. 7/2021, S. 488-541
3 Vegane Kostformen aus allergologischer Sicht – Positionspapier der Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der DGAK: https://archiv.dgaki.de/wp-content/uploads/2023/08/Reese-2023-DGAKI-Positionspapier-vegane-Kostformen-aus-allergologischer-Sicht.pdf