Frage im Expertenforum Kinderwunsch an Dr. med. Friedrich Gagsteiger:

Lutealinsuffizienz?

Frage: Lutealinsuffizienz?

Laure

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Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, nach einer Fehlgeburt vor 8 Wochen (MA in der 9. SSW, medikamentös induzierter Abgang) bekam ich einen Monat später meine Periode. Diese begann mit leichten Schmierblutungen über 2 Tage, was ich so vorher nie hatte und verlief dann aber annähernd normal, nur schwächer als gewohnt. Zwei Tage nach Blutungsende setzten wieder leichte Schmierblutungen ein, die einen Tag vor dem positiven Ovulationstest endeten. Gestern, an Tag 10 nach dem vermuteten Eisprung, begannen wieder leichte Schmierblutungen, die aktuell anhalten und jetzt wohl langsam wieder in meine Periode übergehen werden.  Wenn ich das richtig interpretiere, liegt vermutlich eine Lutealinsuffizienz vor, die ihren Ursprung in einem Problem der ersten Zyklushälfte hatte, oder was könnte es sonst noch sein? Kann ich davon ausgehen, dass sich das von selbst reguliert und wenn ja, wann spätestens?  Ich bin 36 Jahre alt und wurde bisher dreimal im ersten Versuch schwanger, zuletzt eben im September, so dass man wahrscheinlich annehmen kann, dass das aktuelle Problem eine Folge der Fehlgeburt ist, ich habe jedoch große Angst, dass es etwas Bleibendes ist und ich nicht mehr schwanger werde. Wie würden Sie weiter vorgehen bzw. wie lange sollte man noch abwarten? Herzlichen Dank für Ihre Antwort! 


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Guten Tag, gerne formuliere ich das zunächst ohne Bezug auf eine Fehlgeburt und mit klarem Fokus auf Gelbkörperfunktion und Eizellreifung: Gelbkörperschwäche und Schmierblutungen – wie hängt das zusammen? Eine stabile Gelbkörperfunktion ist entscheidend für einen gut aufgebauten Zyklus und für das Einnisten einer Schwangerschaft. Voraussetzung dafür ist immer eine gute Eizellreifung in der ersten Zyklushälfte. Nur wenn der Follikel optimal heranreift, kann sich daraus ein leistungsfähiger Gelbkörper bilden.   Kommt es in der ersten Zyklushälfte zu einer suboptimalen Follikelreifung, kann dies folgende Konsequenzen haben:   ein abgeschwächter LH-Peak eine weniger stabile Gelbkörperbildung eine reduzierte Progesteronproduktion   Typische klinische Zeichen einer solchen funktionellen Gelbkörperschwäche sind: Schmierblutungen in der zweiten Zyklushälfte ein frühes Einsetzen der Menstruation Schmierblutungen ab etwa ES + 7 bis ES + 10   Schmierblutungen in der Gelbkörperphase sind daher kein seltenes Symptom und können ein Hinweis darauf sein, dass der Gelbkörper nicht ausreichend Progesteron produziert.   Sinnvolle Diagnostik Zur objektiven Beurteilung der Gelbkörperfunktion empfehle ich eine Hormonbestimmung etwa eine Woche nach dem Eisprung (klassisch ES + 7): Progesteron → zur Einschätzung der Gelbkörperleistung Östradiol → zur Beurteilung der vorausgegangenen Follikelreifung Gerade die Kombination aus Progesteron und Östradiol ist wichtig, da eine niedrige Progesteronproduktion häufig ihre Ursache bereits in einer nicht optimalen Östrogenbildung in der ersten Zyklushälfte.                       Einordnung und weiteres Vorgehen   Eine solche funktionelle Gelbkörperschwäche ist in vielen Fällen vorübergehend und kann sich spontan regulieren. Sollte sich in der Laborkontrolle eine reduzierte Gelbkörperleistung zeigen, bestehen sehr einfache und gut verträgliche therapeutische Möglichkeiten, z. B. eine Progesteronunterstützung in der zweiten Zyklushälfte oder – falls nötig – eine gezielte Unterstützung der Follikelreifung.   Wichtig zu wissen Eine Gelbkörperschwäche ist in aller Regel kein dauerhaftes Problem, sondern Ausdruck einer vorübergehend nicht optimalen Zykluskoordination. Mit gezielter Diagnostik lässt sich sehr gut klären, ob tatsächlich eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt oder ob es sich um eine temporäre Schwankung handelt.   Herzliche Grüße Ihr Dr. Friedrich Gagsteiger


Laure

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Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, vielen Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort! Erlauben Sie mir noch zwei Rückfragen:  - Verstehe ich es richtig, dass im Falle einer funktionellen, also nicht behandlungsbedürftigen GKS die Labordiagnostik unauffällig wäre oder worin bestünde der diagnostische Unterschied?  - Gehen Sie nach einer Fehlgeburt also eher von einer solchen vorübergehenden Form aus?  Vielen Dank!!


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Guten Tag, vielleicht hilft ihnen diese Erklärung mehr:   1. Funktionelle Gelbkörperschwäche: Wie sieht die Labordiagnostik aus?     Bei einer funktionellen (vorübergehenden) Gelbkörperschwäche liegt keine organische Erkrankung des Gelbkörpers vor, sondern eine Feinabstimmungsstörung der hormonellen Regulation.   Typischerweise gilt:   Progesteronwerte sind unauffällig oder grenzwertig niedrig starke zyklusabhängige Schwankungen sind möglich Kontrollmessungen zeigen häufig wieder normale Werte LH, FSH und Estradiol sind meist im Normbereich     👉 Der diagnostische Unterschied zu einer behandlungsbedürftigen Gelbkörperschwäche besteht darin, dass bei letzterer wiederholt und zyklusübergreifend erniedrigte Progesteronwerte und/oder ein konsistent unzureichender Schleimhautaufbau nachweisbar sind.       2. Gelbkörperfunktion nach einer Fehlgeburt     Nach einer Fehlgeburt treten Feinabstimmungsstörungen der hormonellen Regulation deutlich häufiger auf. Das betrifft insbesondere die sensible Abstimmung zwischen:   Hypothalamus Hypophyse Eierstock (LH-Signal und Gelbkörperantwort)     Diese Veränderungen sind:   sehr häufig meist vorübergehend keine krankhafte Dauerstörung     👉 In der Mehrzahl der Fälle kommt es nach ein bis wenigen Zyklen wieder zu ganz normalen Zyklen mit stabiler Gelbkörperfunktion.   Das ist ein wichtiger, oft beruhigender Punkt.       3. Wichtige Einordnung: Was hier gesagt werden kann – und was nicht     In einer Online-Sprechstunde kann ich keine individuelle Diagnostik ersetzen. Ich kann erläutern:   was häufig vorkommt was weniger häufig ist und welche Verläufe typischerweise zu erwarten sind     Was ich hier nicht leisten kann, ist eine differenzierte Abklärung aller möglichen Ursachen.   Deshalb gilt ganz klar:   👉 Bei wiederholten Fehlgeburten sollte unbedingt eine persönliche Vorstellung in einer Kinderwunsch- bzw. spezialisierten gynäkologischen Praxis erfolgen, da dann auch andere Ursachen eine Rolle spielen können, z. B.:   genetische Faktoren anatomische Veränderungen immunologische oder gerinnungsrelevante Ursachen hormonelle Störungen jenseits der Gelbkörperphase         Zusammenfassend     Nach einer Fehlgeburt sind vorübergehende hormonelle Feinabstimmungsstörungen häufig In den meisten Fällen normalisieren sich die Zyklen wieder Eine isolierte funktionelle GKS ist meist nicht behandlungsbedürftig Bei mehreren Fehlgeburten ist jedoch eine umfassende Abklärung vor Ort zwingend sinnvoll     Ich hoffe, diese Einordnung hilft Ihnen, die Situation realistisch – und zugleich nicht beunruhigend – einzuordnen.   Mit freundlichen Grüßen Dr. Friedrich Gagsteiger


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