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Zivilcourage in der Praxis

Zivilcourage in der Praxis

Nurmalsoeben

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Nachdem der Thread unten wieder so ausgeartet ist, aber u. a. Begriffe wie "Probleme lösen" und "Entmenschlichung" fielen, würde mich interessieren, wie ihr nicht virtuell, sondern konkret mit folgender (fiktiver) Situation umgehen würdet: Auf einer kleinen lokalen Plattform (kann jetzt alles sein, Stadtteilforum auf Facebook, Leserbrief im Dorf- oder Stadtteilblättchen, lokale Telegram- oder WhatsApp-Gruppe o.ä.) erscheint ein Hilferuf eines homosexuellen Paars, das regelmäßig von einem anderen, heterosexuellen Paar in der Öffentlichkeit angepöbelt wird. Es fallen beleidigende Begriffe, und das Ehepaar (das ihr nicht persönlich kennt, das aber in eurer Nachbarschaft lebt) fühlt sich in der Situation bedroht. Nicht so sehr wegen der Wortwahl oder der Lautstärke, sondern wegen dem aggressiven Gebaren der Personen. Es handelt sich um einen öffentlichen Ort, das kann ein Dorfplatz, eine belebte Straße oder ein bestimmtes öffentliches Verkehrsmittel sein. Das pöbelnde Paar erkennen nach der Beschreibung einige in der Gruppe wieder, weil es regelmäßig durch Geschimpfe auffällt. Was würdet ihr auf diesen Hilferuf online antworten? Und (was ich noch interessanter finde) wie würdet ihr euch verhalten, wenn ihr so eine Situation live in eurem Wohnumfeld miterlebt? a.) Lieber schnell vorbeigehen, weil ihr Angst habt, dass es eskaliert b.) Etwa Deeskalierendes sagen, um den Betroffenen den Rücken zu stärken c.) Die Polizei verständigen, wenn ihr eine konkrete Beschimpfung mitbekommt d.) Sonstiges, nämlich...


Jana287

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Tatsächlich käme es für mich ganz persönlich darauf an, wer der Pöbler ist. PUNKT. Für mich ist leider Zivilcourage nicht mehr vorbehaltlos möglich, das mag auch daran liegen, dass ich in einer Großstadt wohne. Ist es zB ein deutsches Pärchen aus der Nachbarschaft, die dafür bekannt sind, dass sie sich verbal daneben benehmen, klassische Spinner eben, dann würde ich ein paar Worte dazu sagen. ( " Sie vergreifen sich hier ganz schön im Ton, Sie sollten überdenken, wie Sie anderen Menschen entgegentreten" so in der Art ). Bei strafrechtlich relevanten Aussagen würde ich durchaus auch die Polizei rufen. ABER: wäre das pöbelnde Pärchen aus anderer Kultur, müsste ich befürchten, dass er ein Messer dabei hat, oder viele Cousins mit Messern hat, oder minderjährige Familienmitglieder, die mir am Auto die Spiegel abtreten, DANN: sry müsste das Homosexuelle Pärchen leider alleine zurecht kommen. Bei Nachbarkeitsstreitigkeiten würde ich mich nicht einmischen. Ich gehe jedoch immer dazwischen, wenn Kinder betroffen sind. Hab mal ein Mädchen "gerettet" die von einem Teen immer wieder mit Schnee beworfen wurde, in die Jacke, in die Kapuze, mitten ins Gesicht, sie weinte schon - da bin ich dazwischen. Oder als letztens eine Kassiererin in meinem Supermarkt böse angepöbelt wurde. Bei sowas eben, da beziehe ich schon Position.


Bonnie

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Hallo, wenn die Pöbeleien nicht auf irgendeinen Nachbarschaftsstreit zurückgehen, sondern das homosexuelle Paar wirklich wegen seiner Homosexualität angepöbelt wird, dann sollte es natürlich zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Beleidigung, Belästigung, Nötigung, üble Nachrede – es gibt da verschiedene Optionen je nach genauer Situation, die die Beamten einem dort auch erklären.  Wenn ich selbst so eine Diskriminierung mitbekomme, gehe ich hin, spreche das homosexuelle Paar an und sage, dass ich mich als Zeugin zur Verfügung stelle, wenn sie das Pöbelpaar anzeigen möchten. Das Pöbelpaar würde ich ignorieren, mit solchen Menschen unterhalte ich mich nicht und gehe auch nicht auf irgendetwas ein, das sie sagen. Mich würde jetzt interessieren: Was ist die Motivation deines Szenarios? Schreibst du eine Haus- oder Facharbeit über Zivilcourage? Ist die Situation fiktiv? Oder gehörst du selbst zu dieser Nachbarschaft und möchtest dem betroffenen Paar gern helfen? Wenn du anderen solche persönlichen Fragen stellst, solltest du dich selbst bitte auch ehrlich outen und nicht herumeiern, gell. 😉 LG


Nurmalsoeben

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Zu deinen Fragen: Nein, ich schreibe keine Haus- oder Facharbeit, ich bin Übersetzerin und schreibe (außer auf Social Media) keine eigenen Texte. Ich helfe auch niemandem bei einer Haus- oder Facharbeit, die Frage ging mir nach dem Strang unten durch den Kopf, eine (ähnliche) Situation hat sich an meinem alten Wohnort zugetragen, ich habe sie aber nur erzählt bekommen. Trotzdem ist das Beispiel fiktional, also in wesentlichen Details abgeändert. Was ich machen würde? Ich würde online (wenn das ein Leserbrief mit Kommentarfunktion oder eine Social-Media-Gruppe wäre, die ich lese) erst mal Trost spenden und Mut machen, sich professionelle Beratung zu suchen und meine Unterstützung zusichern, wenn ich das live mitbekäme. Bei einer Anzeige von Personen im Wohnumfeld muss man - finde ich - bedenken, dass die Polizei Zeugen oder Beweise braucht, um tätig zu werden. Und je nachdem, wie klein das Wohnumfeld oder der Aktionsradius der Pöbler ist, lassen sich ja relativ leicht Rückschlüsse auf den Anzeigesteller ziehen, mit den potenziellen Konsequenzen, die Jana oben beschrieben hat. Und Bedrohung und Beleidigung allein führt oft nicht dazu, dass die Polizei einen schützen kann - da muss schon etwas Konkretes vorfallen. In dem Fall, der mir als Vorlage diente, ging es übrigens nicht um ein homosexuelles Pärchen, sondern um eins mit verschiedenen Hautfarben, die Pöbler waren (ältere) Russlanddeutsche. Persönlich gekannt haben sich die Paare nicht und waren auch keine unmittelbaren Nachbarn. Wenn ich Diskriminierung oder Beleidigung im Alltag erlebe, sage ich schon etwas oder greife ein, je nachdem, wie es sich ergibt. Einmal erlebt habe ich hier folgende Situation: Ein (offensichtlich betrunkener oder unter sonstigen Drogen stehender) weißer Mann mittleren Alters steht auf dem Bahnsteig und redet permanent auf neben ihm Stehende ein, darunter einen Mann, der optisch in die nordafrikanische/Nahost-Ecke passt. Der versucht, das Gespräch zu beenden, woraufhin der Mann anfängt, wüst auf ihn einzuschimpfen ("arrogantes Kanakenpack, geh dahin zurück, wo du hergekommen bist", so was in der Art). Solche Situationen sind hier im Stadtgebiet (Sachsen hin oder her) extrem ungewöhnlich, alle, die dabeistanden, waren erstmal nur geschockt. Nachdem mehrere Sekunden langes Ignorieren nichts geändert hat, habe ich ruhig, aber deutlich zu ihm gesagt, dass er sich wieder einkriegen und aufhören soll, den Mann zu beschimpfen. Ich habe nicht groß darüber nachgedacht, was dann als Nächstes passieren würde, der Typ hat mir vor die Füße gespuckt, mich kurz angeblafft, ist aber dann von dannen gezogen. Wahrscheinlich hatte ich mehr Glück als Verstand - oder das Privileg, eine ältere, weiße Frau zu sein, die ihn an seine Mutter oder seine Frau daheim erinnert hat.


RR

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Hallo ich würde Polizei o. Ordnungsamt verständigen. Bin sehr vorsichtig geworden mich in solche Sachen direkt einzumischen, leider sind so einigen Bürgern Menschenleben nicht (mehr) heilig...... viele Grüße


Zwergenalarm

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Online würde ich vermutlich gar nix machen. Da fehlen mir zuviele Infos, umd von meinen mitleidenden Worten haben die wahrscheinlich wenig. Real würde ich mich an die Seite des Paars stellen und vermutlich zurückpöbeln. Ich hab mal in eine Prügelei eingegriffen, weil ich dachte die Frau würde verprügelt. Danach hat sich rausgestellt, dass er das Opfer war. Aufgehört haben sie trotzdem, weil mir dann relativ schnell einige Umstehende zu Hilfe gekommen sind. Klug war's vermutlich nicht, aber im Ernstfall kann man die Hilfeleistung nicht jemand anderem umhängen, weil dann ist es vielleicht zu spät Ich glaub weniger dran, dass es so wichtig ist, was man sagt oder schreibt, sondern was man tut. Und auf Pöbeleien, vor allem im Rudel, reagiere ich sowieso allergisch, aber das habe ich schon mehrmals klargemacht.


Nurmalsoeben

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"Online würde ich vermutlich gar nix machen. Da fehlen mir zuviele Infos, umd von meinen mitleidenden Worten haben die wahrscheinlich wenig." Ich habe ja nicht umsonst dieses Beispiel ausgewählt - Leute, die Diskriminierung in der Öffentlichkeit erleben, kenne ich genug, egal ob Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Behinderung (da sind die Leute mittlerweile etwas subtiler, aber gerade ältere Leute starren immer noch) und habe schon oft genug erlebt, dass blöde Kommentare kamen - übrigens auch in der Familie. Da sage ich natürlich erst recht etwas. Hier ging es um etwas anderes: Das Paar (ein reales Paar, das ich kenne), hat das mehrfach erlebt und war sich unsicher, wie sie reagieren sollen: gleich Behördenhilfe holen? Direkt etwas sagen? Gepöbelt hat in dem Fall scheinbar eher die Frau, während der Mann so wirkte, als ob er schon bereit wäre, das "Recht zu sagen, was er oder seine Frau denken" mit Fäusten zu verteidigen. Deshalb haben sie in dem Wohnviertel, in dem sie leben, das eher multikulti und weltoffen ist, gefragt, wie das andere sehen. Und da kamen wohl (wie gesagt, ich habe es erst hinter erzählt bekommen) durchaus ermutigende Kommentare. Es haben sich übrigens auch Sozialarbeiter und Streetworker zu Wort gemeldet, die die richtigen Anlaufstellen für Beratung kannten. Ein Beratungsangebot hat das Paar angenommen und Strategien mit auf den Weg bekommen, wie sie (übrigens erst mal ohne Anzeige) im Alltag reagieren können.


Zwergenalarm

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Antwort auf Beitrag von Zwergenalarm

Nachtrag: Ich hätte mich im umgekehrten Fall aber auch auf die Seite des russlanddeutschen Paares gestellt, wenn die das Pöbelopfer gewesen wären.  P.S.: Wie "erkennt" man Russlanddeutsche denn eigentlich im Alltag? Und ging es in der Ausgangsfrage jetzt um´s Pöbeln selbst, oder darum, dass es Russlanddeutsche waren, die Richtung Homosexuell gepöbelt und damit auch offensichtlich irgendwie ein Klischee erfüllt haben?


Nurmalsoeben

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Antwort auf Beitrag von Zwergenalarm

Im Ursprungsfall haben die Russlanddeutschen ja nicht gegen Homosexuelle gepöbelt, sondern gegen ein Paar, in dem sie weiß und er schwarz war. Russlanddeutsche erkennt man optisch natürlich grundsätzlich nicht, aber wenn man in einem Viertel länger lebt - vor allem in einem, das sehr multikulti ist - kann man die Personen doch meist ganz gut zuordnen. "Kennen" ist das dann trotzdem nicht, aber man sieht die Leute in bestimmten Communitys, wo man dann wiederum Leute aus der Nachbarschaft kennt... Ist in größeren Städten nun mal fast so wie aufm Dorf, bei euch sicherlich auch. Und tatsächlich liegt man meiner Erfahrung nach auch mit Vorurteilen oft nicht falsch, weil manche Leute wie lebende Klischees herumlaufen und ebensolche auch mit ihrer Lebenseinstellug erfüllen. Auch wenn mir das selbst nicht gefällt und meine Soziologen-Tochter mir dafür vernichtende Blicke zuwerfen würde.


Nurmalsoeben

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Antwort auf Beitrag von Zwergenalarm

PPS: In der Ausgangsfrage ging es um Zivilcourage und darum, wie ihr (Useretten) im Alltag damit umgeht, wenn ihr miterlebt, dass Menschen öffentlich diskriminiert werden, egal wegen was. Die Russlanddeutschen hätten übrigens ruhig auch privat Klischees erfüllen dürfen und negativ über Paare mit gemischten Hautfarben, Schwule oder Lesben, Türken oder Araber denken dürfen, und umgekehrt genauso. Es geht aber um das Tun im Sinne von "öffentlich Beleidigen/Anfeinden". Denn das ist genau genommen strafbar, auch wenn es in vielen Fällen schwer ist, zu beweisen, dass es so gewesen ist. Hätte das Paar die Russlanddeutschen angepöbelt, wäre das natürlich das Gleiche in Grün.