Kinderarzt Dr. med. Andreas Busse

Kindergesundheit

Kinderarzt Dr. med. Andreas Busse

   

 

Nächtliche Wasserflasche usw...

Guten Tag, Herr Dr. Busse!

Einmal mehr muss ich mich an Sie wenden.

Ihre wiederholte Aussage, dass Babys ab einem gewissen Alter keine nächtliche oder abendliche Flasche mehr bekommen sollten – und sei es nur Wasser – finde ich einigermaßen erschreckend. Zwei Fragen tauchen dazu bei mir auf.

Mit meiner ersten Frage spreche ich Sie persönlich an: Trinken Sie etwa nie etwas in der Nacht? Raten Sie den Eltern ihrer kleinen Patienten beim Praxisbesuch auch gleich dazu, nachts nichts zu trinken, da sie sonst davon „abhängig“ werden könnten oder sind die vielen Erwachsenen, die nachts eine Wasserflasche am Bett stehen haben, bereits „abhängig“ und
fehlt mir nur die Einsicht in die Zusammenhänge? Nun, gehen wir davon aus, ich habe nur schlecht begriffen, so habe ich einen vermutlich ebenfalls törichten Folgegedanken: Was ist Schlimmes daran, von Wasser „abhängig“ zu sein? Brauchen wir es nicht alle zum Leben,
oder täusche ich mich auch darin? Verursacht Wasser in der Nacht womöglich Karies (was mir bislang nicht bekannt war) und ist eine Abgewöhnung des nächtlichen Trinkens allein deshalb schon ratsam?! Fragen über Fragen…

Nun, selbst wenn die Flasche vom Säugling – woher dieser Begriff wohl kommt? – nur aufgrund des Beruhigungsreizes durch das Saugen verlangt wird und nicht aus Durst (aber wer kann das schon mit Gewissheit sagen?), sähe ich keine Veranlassung, dem Säugling (schon wieder dieses Wort) diesen Beruhigungsreiz zu verwehren. Würde dies zur „Abhängigkeit“ vom Fläschchen führen, würden wohl unzählig viele Menschen, von
älteren Kindern und Jugendlichen bis hin zu Erwachsenen, immer ein Fläschchen zum Nuckeln mit sich führen müssen… Dergleichen ist mir aber noch nie aufgefallen. Definiere ich das Wort „Abhängigkeit“ am Ende noch falsch? Vermutlich wohl, sind wir doch alle „abhängig“ von vielerlei Dingen: „abhängig“ von der Nahrungsaufnahme, „abhängig“ von der Gehaltsüberweisung des Arbeitgebers (es sei denn, wir verfügen über die Kenntnisse eines Rüdiger Nehberg, der auch ohne zivilisatorische Annehmlichkeiten im Wald überleben könnte), abhängig vom Schlaf, abhängig vom WASSER …. Der Beispiele kein Ende. In diesem Sinne ist „Abhängigkeit“ doch nichts Verwerfliches, warum erscheint das Wort
in Ihren Ratschlägen immer so negativ konnotiert? Sollte dem so sein, kommt in mir - ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – der Gedanke auf, dass Sie in diesem Fall evtl. an der Präzision Ihrer Wortwahl arbeiten sollten.

Die nächste Frage, welche mich nicht ruhen lässt, bezieht sich auf das Thema „leise redend am Bett sitzen und sonst nichts tun“ oder „Herumtragen oder auf den Arm nehmen heizt das Nervenkostüm noch mehr auf - um nur zwei Ihrer Aussagen anzuführen. Warum wird das Nervenkostüm aufgeheizt, wenn gerade das Tragen die Babys doch beruhigt und rasch einschlafen lässt? Kann es, so frage ich, ein Zuviel an Berührung und Nähe für Babys geben? Folgende uralte Erkenntnis lässt mich doch stark daran zweifeln:

„Berührungen sind lebensnotwendig. Das haben schon die grausamen Experimente des wissenschaftlich sehr interessierten Stauferkönigs Friedrich II. im 13. Jahrhundert bewiesen. Auf der Suche nach der „Ursprache“ der Menschen ließ er mehrere Säuglinge von der Außenwelt isolieren. Sie wurden zwar gesäugt, ihren Ammen war aber verboten, die Kleinen zu streicheln oder mit ihnen zu sprechen. Bevor die Babys erste Worte, und damit die erhofften Hinweise auf die „Ursprache“ von sich geben konnten, starben sie an mangelnder Zuwendung.“

Ich weiß, Sie raten nicht von Nähe und Berührung generell ab, raten jedoch ganz offensichtlich dazu, den Babys die Körpernähe in jenen Situationen zu verwehren, in denen sie diese am nötigsten brauchen.

Wenn sich ein Baby denn durch Berührung beruhigen lässt, warum sollte man ihm diese nicht zuteil werden lassen, hat sie doch nur durchaus positive Auswirkungen? Gibt es hier ein „Zuviel“? Wie sieht dann, Ihrer Meinung nach, ein gesundes Maß an Berührung wohl bei den Erwachsenen aus? Muss ich fortan befürchten, meinem Mann dadurch zu schaden,
dass ich ihn in den Arm nehme? Und ich, wenn mir danach ist, suche ich auch gern seine Nähe, um mich in den Arm nehmen zu lassen - und hatte bisher nicht das Gefühl, dass es mir geschadet hätte. Warum spenden wir Erwachsenen uns denn Trost und tauschen Berührungen aus, wenn es uns doch Schaden bringen könnte? Warum gibt es keine Selbsthilfegruppen
für „Berührungsgeschädigte“? Oder wird das Thema totgeschwiegen und sind Sie einer der Wenigen, die es ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen wagen? Ich kann es mir nicht vorstellen, Herr Dr. Busse.

Meine Tochter wurde - vor allem als Baby - immer auf den Arm genommen, wenn sie weinte oder jammerte. Seltsamerweise fordert sie das nun nicht mehr und schläft in der Tat auch weiter, wenn ich nur mal eben mit wenigen Worten versichere, dass „Mama da ist“. Sie ist sehr selbständig und muss eben nicht fortlaufend von mir berührt oder getragen werden – auch nicht während der Nacht! Andere Mütter, die es handhabten oder handhaben wie ich selbst, habe ich ebenfalls nie über das von Ihnen so oft heraufbeschworene Chaos oder über eine wie auch immer geartete „Abhängigkeit“ ihrer Kinder klagen hören.

Vielleicht sprechen Sie aus eigener Erfahrung, die dann aber doch schwerlich auf alle anderen Kinder übertragbar sein dürfte? Warum also dem Baby verweigern, was selbst wir Erwachsene so lieben und noch stets brauchen? Woher nehmen wir uns das Recht, zu beurteilen, ob unser Baby unsere Berührung nun gerade „nötig hat“ oder nicht, kann es sich
doch verbal noch gar nicht artikulieren?

Schmerzt uns Erwachsene etwas, so lassen wir uns helfen, was oft auch eine Berührung beinhaltet, sind wir traurig, so trösten wir einander - durch Umarmungen, freuen wir uns über ein Geschehnis oder eine gute Nachricht, so fallen wir uns glücklich in die Arme. Der Beispiele gäbe es hier ebenfalls zahllose. Nochmals: warum dem Baby das verwehren,
was wir Erwachsenen uns selbst zugestehen? Nur, weil Babys den Grund ihrer Suche nach Nähe noch nicht verbalisieren können? Ist dies nicht einigermaßen überheblich und lässt bei näherem Hinsehen auf mangelnden Respekt gegenüber dem Baby schließen?

Ich habe selbstverständlich keine Illusionen darüber, dass Sie in 100 Jahren noch diese abenteuerlichen Ratschläge erteilen würden, aber ich hoffe noch stets unvermindert darauf, in den Genuss einer medizinischen Begründung Ihrer Aussagen zu kommen.

Mit freundlichen Grüßen
Andrea

von aspira am 19.09.2010, 23:03 Uhr

 

Antwort:

Nächtliche Wasserflasche usw...

Liebe A.,
ich bin gerne bereit, Auskunft zu geben, solche emotional geführten Diskussionen führen aber zu nichts. Fakt ist ganz einfach, dass ein Kind ab 1 Jahr problemlos in der Lage ist, aus einem Becher zu trinken. Und dass es nicht förderlich für gesunde Zähne ist, wenn diese ständig ihres Schutzfilms beraubt werden,eben weil ständig getrunken wird. Fragen SIe doch mal einen Kinderzahnarzt, was er alles in Narkose dann wieder reparieren muss schon bei jüngsten Kindern.
Sucht ist leider zunehmend ein Thema speziell auch bei Jugendlichen und es muss doch einleuchten, dass dann, wenn man einem Kind gestattet, sich über die Säuglingszeit - und deshalb heisst die ja so - sich daran zu gewöhnen, dass es normal ist, sich mit der Flasche oder überhaupt mit Essen und Trinken zu trösten statt mit menschlicher Zuwendung, das Risiko,. dass das auch später so beibehalten wird, wesentlich größer wird. Natürlich ist es viel bequemer, seinem Kind das Nuckelfläschchen in den Mund zu stecken, statt sich mit ihm auseinanderzusetzen. Und wenn das, wie Sie schreiben, so furchtbar natürlich ist: was haben denn die Mütter früher gemacht, bevor die kleinen Plastikfläschchen erfunden wurden.
Das dürfen Sie nun akzeptieren oder nicht, eine weitere Diskussion möchte ich dazu nicht führen.
Alles Gute!

von Dr. med. Andreas Busse am 20.09.2010

Antwort:

Danke für diesen Beitrag!

Selten habe ich so viel Wahrheit in so wenigen Worten lesen dürfen! Ich hoffe viele viele Mütter lesen ihn, noch viel mehr hoffe ich, Herr Doktor Busse liest und beantwortet ihn ausführlich....

von DieMichaela am 20.09.2010

Antwort:

Nur noch eben stichpunktartig einige Erläuterungerungen....

Sehr geehrter Hr. Dr. Busse!

Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Antwort, bestätigt sie doch den Eindruck, den ich schon längere Zeit von Ihnen habe. Und doch hatte ich von einem Mann mit Ihrer Standfestigkeit etwas Fundierteres erwartet, weshalb ich nur noch eben in Stichpunkten auf Ihre Antwort reagieren werde, dich mich einmal mehr darin bestätigt, dass schlicht und ergreifend keine medizinischen Gründe für Ihre Ratschläge, hinsichtlich der von mir angerissenen Themen, existent sind.
Gestatten Sie mir, Sie im Folgenden zu zitieren…

“ich bin gerne bereit, Auskunft zu geben, solche emotional geführten Diskussionen führen aber zu nichts.“
Es geht mir nicht um Emotionen – wobei diese bei uns Menschen zugegebenermaßen immer eine Rolle spielen – sondern um Fakten.

„Fakt ist ganz einfach, dass ein Kind ab 1 Jahr problemlos in der Lage ist, aus einem Becher zu trinken.“
Ich bitte um Verzeihung, aber ich lese Ihre Ratschläge bezüglich des Wasserfläschchens auch immer wieder, wenn es sich noch ganz deutlich um Säuglinge handelt – also Kinder bis zum Alter von 12 Monaten. Lassen wir also bitte die Kleinkinder weiterhin außen vor (was nicht heißt, dass ich die von Ihnen vorgeschlagenen Vorgehensweisen ab einem Alter von einem Jahr gutheiße, aber ich bezog mich klar auf Säuglinge).

„Und dass es nicht förderlich für gesunde Zähne ist, wenn diese ständig ihres Schutzfilms beraubt werden, eben weil ständig getrunken wird.“
Ich sprach in erster Linie von Wasser, welches meinem Wissenstand zufolge keine Karies verursacht.

„Fragen SIe doch mal einen Kinderzahnarzt, was er alles in Narkose dann wieder reparieren muss schon bei jüngsten Kindern.“
Danke, ich bin Fachfrau.

“Sucht ist leider zunehmend ein Thema speziell auch bei Jugendlichen und es muss doch einleuchten, dass dann, wenn man einem Kind gestattet, sich über die Säuglingszeit - und deshalb heisst die ja so…“
Ich muss mich erneut wundern, sprach ich doch bewusst von Säuglingen und nicht von Kleinkindern, lieber Herr Dr. Busse.

„…sich daran zu gewöhnen, dass es normal ist, sich mit der Flasche oder überhaupt mit Essen und Trinken zu trösten statt mit menschlicher Zuwendung, das Risiko,. dass das auch später so beibehalten wird, wesentlich größer wird.“
Irre ich mich, oder ist es gerade die Zuwendung, von der ich im zweiten Teil meines Schreibens an Sie sprach? Ist sie es doch, die Sie den Babys - unter anderem auch durch das „Nur-leise-redend-am-Bett-Sitzen“ - verwehren. Und vom Heranzüchten eines Suchtverhaltens kann bei einem nächtlichen Getränk (Wasser) schwerlich die Rede sein. Also lassen Sie bitte den Müttern die Option, ihren Babys körperliche Zuwendung zu schenken, kann diese doch Ihrer eigenen Aussage zufolge, das spätere Risiko einer Suchterkrankung mindern.

„Natürlich ist es viel bequemer, seinem Kind das Nuckelfläschchen in den Mund zu stecken, statt sich mit ihm auseinanderzusetzen.“
Es geht nicht um das Thema Bequemlichkeit, sondern um die Grundbedürfnisse eines Säuglings.
Im Übrigen rede mitnichten davon, das Baby durch ein Wasserfläschchen mundtot zu machen, sondern davon, dass es schreit/weint und durch nichts anders zur Ruhe findet. Woher wissen Sie in solchen Fällen, dass das Baby keinen Durst hat? Nur, weil Babys ab einem gewissen Alter ohne Nahrung oder Flüssigkeit auskommen KÖNNEN, so heißt es doch nicht, dass sie das auch MÜSSEN. Wir Erwachsenen wären durchaus in der Lage dazu, mehrere Wochen ohne feste Nahrung auszukommen und doch führen wir unserem Körper täglich Nahrung zu. Warum?

„wenn das, wie Sie schreiben, so furchtbar natürlich ist: was haben denn die Mütter früher gemacht, bevor die kleinen Plastikfläschchen erfunden wurden.“
Sie haben gestillt und tun das - vor allem in den Teilen der Welt, in denen die Flasche noch nicht gängige Fütterungshilfe ist - noch immer. Ja, in der Tat, ich halte das Stillen für unglaublich natürlich.

“Das dürfen Sie nun akzeptieren oder nicht, eine weitere Diskussion möchte ich dazu nicht führen.“
Nein, das müssen Sie auch nicht und mir liegt es fern, einen Menschen - ganz gleich, welchen Alters - zu etwas zu nötigen, das er nicht zu leisten bereit ist.

Auch Ihnen alles Gute
Andrea

von aspira am 20.09.2010

Antwort:

Ich meinte natürlich Erläuterungen... Die Uhrzeit... ;-) o.w.T.

:-)

von aspira am 20.09.2010

Antwort:

@DieMichaela: Danke für Deine Worte! o.w.T.

:-)

von aspira am 20.09.2010

Antwort:

Nächtliche Wasserflasche usw...

Karies durch nächtliches Wassertrinken?? Also ich finde, man kann auch übertreiben!!
Ach übrigens, Preisfrage: "was haben denn die Mütter früher gemacht, bevor die kleinen Plastikfläschchen erfunden wurden."Gaaanz schwierig! Kommt jemand drauf??? *schenkelklopf*
Ja, aber... Stillen ist dann wohl am Ende auch keine "menschliche Zuwendung"????? Schock!!
Menschliche Zuwendung besteht (einem Säugling gegenüber) ja darin, das Baby ins Bett zu legen und sich daneben zu setzen, nur leise zu reden aber nichts weiter zu tun. SO!
Muss ich das jetzt verstehen? Nein, ich denke nicht!

von rabarbera am 20.09.2010

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