Dr. med. Ludger Nohr

Die psychische Entwicklung von Babys
und Kindern besser verstehen

Dr. med. Ludger Nohr

   

Antwort:

Leicht oppositionell... was tun?

Hallo Siegfriedstochter,
mir kam beim Lesen sowas wie ein Deja vu. Darum schreibe ich spontan. Ich hoffe, es stört Dich nicht.

Ich hatte in einer zweiten Klasse mal einen sehr lustigen, sehr begabten, aber sozial und emotional deutlich weniger gereiften Schüler. Er fand alles lustig, was anders war als es sein sollte, saß unter dem Tisch, tanzte singend durch die Klasse, wenn Stillarbeitsphasen waren und tat alles, um alles durheinanderzubringen. Eines Tages war es so schlimm, dass ich ihn an den Schultern anfasste und stillhieltund ihm sehr laut, klar und unwiderruflich deutlich machte, dass dieses Verhalten von mir absolut nicht mehr akzeptiert würde, er müsse es SOFORT lassen. Ich habe meine persönliche Grenze sowas von deutöich gemacht, dass die ganze Klasse mucksmäuschenstill war und den Atem anhielt. Danach arbeitete er still, alle anderen Kinder waren sehr beeindruckt, dass ich auch SO sein konnte, aber froh, dass endlich Ruhe war, und das blieb so den Rest des Tahes. Ich nahm aber ein furchtbar schlechtes Gewissen mit nach Hause, machte mir Gedanken, Vorwürfe, so böse und hart gewesen zu sein usw.

Am nächsten Tag kam ich geknickt zur Schule, entschlossen, das noch mal zu thematisieren, als er angeschossen kam, mir um den Hals fiel und rief: "Du bist die beste Lehrerin der Welt!!" Als ich daraufhin erstaunt war und fragte, wie er denn das so sehen könne, wo ich doch am Tag zuvor so echt hart und streng zu ihm gewesen war, antwortete er ganz ernst: "Aber genau das hab ich da gebraucht!" Mir kamen fast die Tränen. Aber er hat mir damals beigebracht, dass nur nett zu sein eben manchmal auch überfordert. Fehlende Authentizität wird von den Kindern fein gespürt, und sie zeigen uns dann, dass wir UNSERE EIGENEM Gefühle auch zeigen müssen. Die Grenze, die die Kinder auch bei uns manchmal überschreiten, muss fühlbar sein.

Ich würde Dein Kind überhaupt nicht mit diesem Schüler vergleichen wollen, eher Deine Haltung mit meiner eigenen. Ich finde es absolut legitim, die eigenen Gefühle und die eigenen Grenzen klar zu zeigen. Das wertet keine Gefühle des Kindes ab, sondern gibt ihm die Klarheit und den Rahmen, den es in dem Moment möglicherweise auch braucht. Du sagst ja nicht sowas wie: "Das ist jetzt albern, so ein Getue zu machen!" DAS wäre beschämend. Du sagst, dass es Dir zu viel ist, es Notwendigkeiten gibt, z.B. waschen, bevor noch mehr Wohnung eingesaut wird, was DIR Arbeit verursacht und DU darum nicht willst. Vollkommen ok, würde ich sagen. :--)

Liebe Grüße und viel Freude mit Deinem Schlaukopf zu Hause!

Sileick

von Schniesenase am 10.01.2019, 11:49 Uhr

 
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