Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Wie verhalten wenn das Kind knatscht?

Hallo,

mein Sohn ist jetzt 5 Monate alt und seit er 2 Monate alt ist ständig schlecht drauf. Er quängelt fast nur und wirkt sehr unzufrieden. Wenn ich versuche, ihn zu beruhigen, reargiert er oft trotzig. Es kommt mir vor, als ob ich ein Bedürfnis übersehe, aber ich weiß nicht welches.

Meistens ist er direkt nach dem Aufstehen ca 5 Minuten gut gelaunt und lacht viel. Dann wird er knatschig und das hält an, egal, was wir tun. Das ist sehr anstrengend für mich. Abgelegt werden mag er gar nicht (auch nicht in Kiwa oder Maxicosi) und auch sonst scheint er alles doof zu finden. Wir haben im angewöhnt, zwei lange Mittagsschläfchen zu machen, aber das hat nichts geändert.

Nun habe ich zwei Fragen:
1. Übersehe ich etwas? Ist er unglücklich oder vermisst etwas? Oder ist das normal?

2. Wie verhalte ich mich bei dieser Laune? Ich versuche pausenlos, ihn glücklich zu machen, singe, rede, spiele, aber es tut sich nichts. Ich habe schon öfter überlegt. ob ich ihn nicht einfach kuscheln und maulen lassen soll, damit er seine Gefühle rauslassen kann, aber wenn ich das mache, habe ich doch Zweifel, weil es mir vorkommt, als würde er dann noch trotziger werden (als wolle er sagen "Interessiert dich mein Bedürfnis gar nicht?")
Und auch wenn wir mit dem Kinderwagen weg sind weiß ich nicht genau, ob ich ihn weinen lassen und ihm gut zureden soll, oder ob ich ihn raushole und trage.

Das Tragetuch mag er leider auch nicht, da weint er nur.

von Onpu am 27.08.2015, 15:13 Uhr

 
 

Antwort:

Wie verhalten wenn das Kind knatscht?

Liebe Onpu!

Zunächst einmal vorweg: ich weiß, dass nicht nur schreien, sonder auch die "Vorstufe" = Nörgen und Quengeln auf Dauer seeeehr nervtötend sein kann und verstehe daher Ihr Anliegen.

Grundsätzlich ist es aber so, dass Kinder mit fünf Monaten noch nicht trotzen (können). Sie können Unmut und Unwohlsein äußern, zum Trotzen gehört aber das Erkennen von sich als Person sowie die Festsellung, einen eigenen Willen zu haben, der eben nicht immer zu dem passt, was Mama oder Papa wollen. Fühlen Sie sich daher bitte nicht von Ihrem Kind abgelehnt oder gar verunglimpft, so kann Ihr Baby noch nicht denken! Auch kann es keine Dankbarkeit für all Ihre Bemühungen zeigen, denn dafür müsste ihm die sogen. Perspektivenübernahme, d.h. das Einfühlen in das was Sie als Mutter bewegt, gelingen. Das passiert erst seeeeeehr viel später im Kindesalter (und manchmal haben leider auch Erwachsene damit große Probleme). Sie können daher von Ihrem Kind auch keine Rücksicht erwarten. Dies alles wissen Sie vielleicht schon längst, doch manchmal fühlt es sich eben trotzdem ungerecht und falsch an.

Machen Sie sich bitte auch frei von dem Gedanken, Sie könnten durch Ihr Handeln die Laune Ihres Kindes komplett steuern. Klar können Sie Einfluss nehmen, aber trotz des richtigen Spielzeuges, trotz des besten Buches oder Spiels kann es sein, dass Ihr Kleiner nörgelt. Selbst der beste Mediziner oder Psychlogie wird da nicht immer sagen können, was gerade "falsch" ist und wahrscheinlich Ihr Kleiner auch nicht. Wichtig ist es daher, die Kleinen nicht noch zusätzlich zu überfordern, in dem man immer mehr und immer was anderes und bunteres bietet. Vielleicht braucht Ihr Kleiner einfach mal nur zwischendurch eine Pause und ist etwas müde oder überreizt. Ich selbst bin ein ausgerägter Morgenmuffel und könnte mich ebenfalls in den Tag nörgeln - nur habe ich andere Regulationsstrategien - meisten jedenfalls.

Mein Rat: schauen Sie doch mal genau die Körpersprache Ihres Babys an: Dreht er sein Köpfchen weg, ballt er die Händchen, macht er einen "verkniffenen" Mund und / oder überstreckt sich sogar? Dann ist es Zeit für eine Pause. Folgt er Ihnen dagegen mit wachen, aufmerksamen Blick, versucht Sie durch ein Lächeln zu animieren, ist er entspannt und wach. Dann können Sie spielen.

Sie sehen also: manchmal geht es bei der Befriedigung der Bedürfnisse eben nicht nur darum, sich als Eltern besonders viel einzubringen, sondern auch zu zu passenden Zeiten zurückzunehmen und einfach Nähe zu bieten, nicht Entertainment. Das heisst nicht Schreien lassen, aber wenn Ihr Gefühl sagt, die Laune kippt, dann fahren sie einfach einen Gang runter und gucken, was passiert. Nörgeln ist wie gesagt auch noch kein Ausdruck höchster Not und manche Kinder "grummeln" sich regelrecht in den Schlaf.

Das Zusammenspiel zwischen Eltern und Kind ist nicht immer eine perfekte Symbiose, sondern ein Prozess. Hier kann es dann auch mal zu Unstimmungkeiten kommen, aber das ist normal und kein Zeichen dafür, dass Sie inkompetent sind! Mit der Zeit und der weiteren Entwicklung Ihres Kindes wird das aber immer leichter!

Ich wünsche Ihnen für Ihren weitern Weg alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 27.08.2015

Antwort:

Wie verhalten wenn das Kind knatscht?

Vielen Dank für ihre Antwort.

Tatsächlich könnte ich mir gut vorstellen, dass mein Sohn überreizt ist und ihm alles zu viel ist. Haben sie vielleicht ein paar Tips für mich, wie ich das vermeiden kann?

Ich habe das Gefühl, er möchte immer alles sehen und was erleben. Wenn wir zum Beispiel mit dem Kinderwagen fahren, weint er nur. Dann nehme ich ihn raus und er schaut ruhig in der Gegend rum.

Auch beim Spielen bin ich mir unsicher, was jetzt das Beste für ihn wäre. Wenn ich ihm zum Beispiel was vorlese oder das "Kuckuck-Spiel" spiele, weint er und hampelt rum, als ob er darauf keine Lust hat. Und das Tragetuch mag er auch nicht. Ich bin mir sehr unsicher, was ich tagsüber mit ihm machen kann, was er gern hat, ihn aber nicht überreizt. Er beschäftigt sich auch selten alleine mit irgendwas. Vielleicht ist er das "übertriebene Bespaßen" gewöhnt und verlangt es nun, weil er nicht weiß, dass es zu viel für ihn ist?

Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob der Grund dafür in meiner Schwangerschaft liegen könnte. Ich hatte einen sehr stressigen Job (Köchin) und war oft frustriert über die Arbeitsbedingungen. Meine Kollegin sagte immer "Du wirst sehen, du bekommst ein anstrengendes Kind, wenn du dich immer so aufregst." Kann das tatsächlich so sein?

Nun muss ich zu guter letzt sagen, ja, mein Sohn ist anstrengend. Aber ich liebe ihn sehr und möchte einfach nur das Beste für ihn. Wenn ich nur sicher sein könnte, dass es ihm gut geht, wäre es mir egal, was wir Eltern durchmachen. Ich weiß ja, dass es vorbei geht.

von Onpu am 29.08.2015

Antwort:

Wie verhalten wenn das Kind knatscht?

Ich wage es mal, mich auch kurz einzuschalten.

Thema Tragetuch: Wie oft hast Du es versucht? Hast Du auch ausgehalten, dass er dann eine Weile (auch weinend) drin blieb? Warst Du Dir selbst sicher, dass es gut und richtig ist, dass Du richtig binden kannst etc.? Wenn Du all diese Fragen mit JA beantworten kannst, wäre die nächste Frage, ob Dein Junge schon einmal bei einem Osteopathen auf Blockaden untersucht wurde, denn diese können einf Grund dafür sein, dass das Tuch abgelehnt wird.

Viele Frauen behaupten, das Kind möge kein Tragetuch. Oft haben sie es aber nicht ausdauernd genug oder mit eigener innerer Unsicherheit probiert, und deshalb hatte das Kind keine Möglichkeit, sich in dieser Situation überhaupt erst einmal zu akklimatisieren. Toll hilft da eine Trageberatung, die genau zeigt, wie gebunden wird und viel Sicherheit gibt. Meist ist jemand in der Nähe, zu der Du hinfahren kannst. Meine kam sogar zu uns.

Mein Kind hat auch anfangs im Tuch geweint. Weil es neu war, anders, weil es unsicher war und auch meine Unsicherheit gespürt hat. Am Ende war das Tuch unsere Rettung, gerade in solchen Situationen, wie Du sie beschreibst: Kind kommt ins Tuch, dafür ist es sozusagen soziogenetisch vorbereitet, und das erwartet es auch: getragen werden. Du kannst dann aber auch die Aufmerksamkeit vom Kind nehmen und was anderes machen, Hausarbeit, kochen, spazieren gehen, einkaufen. Das Kind ist immer bei Dir, sicher, am Bauch warm, also werden evtl. Bauchprobleme oft damit schon gelöst, und es kann die Welt aus Deiner Perspektive sehen. Ist das Kind überreizt, wird das Tuch zugezogen. Da wird dann auch schon mal protestiert und geweint, aber das gewöhnt sich schnell, und dann merkt Dein Kind, wie gut es ihm (und Dir!) tut.

Die ständige Aufmerksamkeit aufs Kind kann fürs Kind auch eine Belastung sein. Es will Deine Nähe, nicht immer aber ständig im Fokus Deiner Handlungen sein. Eben dafür ist das Tuch perfekt geeignet.

Nach unseren anfänglichen "Tuchproblemen" habe ich mein Kind ein ganzes Jahr lang täglich mindestens 3 Stunden im Tuch gehabt und bin überall mit ihr hin. Unser schnell überreiztes Sensibelchen hat auf Familienfeiern seelenruhig darin geschlafen, was sonst NIEMALS möglich gewesen wäre, und auch sonst war es für mich die Rettung in solchen unzufriedenen Phasen: Kind kam ins Tuch, ein bisschen Gemuckele vielleicht noch, aber dann war Ruhe und Zufriedenheit, und ich konnte mich auf meine Sachen konzentrieren. Kind nahm an allem teil oder schaltete auch ab und war zufrieden. Später trug ich sie zu den "Unzufriedenzeiten" in der Tragehilfe hinten. Heute ist sie 4, und nur wenn sie krank ist, möchte sie noch mal in die Tragehilfe, dem Tuch ist sie schon längst entwachsen. Wir haben ein sonniges, fröhliches und unproblematisches Kind, was in der Babyzeit zunächst nicht zu erwarten war, denn sie hat sehr viel geschrieen und konnte immer schlecht ein- und weiterschlafen. All das ist heute kein Problem mehr, und einen wesentlichen Teil dazu hat das Tragen beigetragen.

Also versuchs noch mal mit dem Tuch, am besten mit kompetenter Unterstützung! Es lohnt sich!

Eine andere Sache: Versuch nicht alles, um ihn glücklich zu machen. Ist er satt, ausgeschlafen, sauber, nicht zu warm oder zu kalt, dann mach eine Zeit lang immer dasselbe, um ihm zu helfen, wenn er dennoch unglücklich ist, also immer ins Tuch und da über längere Zeit bleiben oder immer kuscheln im abgedunkelten Zimmer oder immer---

Oft sind es die vielen gutgemeinten Wechsel der "Beruhigungsmethoden", die die Kinder dann noch mal richtig überreizen. Und es ist völlig ok, ihm zu sagen, dass Du leider nicht erkennen kannst, wie Du ihm helfen kannst, dass Du aber bei ihm bist und ihn mit seinem Problem nicht allein lässt. Manchmal hilft es den Kindern (nicht immer sofort), wenn Mama der berühmte Fels in der Brandung ist, immer gleich, immer da, immer ruhig, wenn sie selbst so aufgewühlt sind. ;-)

Alles Gute!

Viele Grüße

Sileick

von sileick am 29.08.2015

Antwort:

Wie verhalten wenn das Kind knatscht?

Danke sehr für die Antwort.

Beim Osteopathen sind wir einmal im Monate, weil der Kleine nach der Geburt einen Nackenwirbel verschoben hatte und den Kopf nicht drehen konnte. Das wurde gerichtet und wird nun regelmäßig kontroliert.

Mit dem Tuch habe ichs anfangs oft probier und jetzt vor ca zwei Wochen wieder angefangen. Aber irgendwie weint er nur :(
Ich versuche es deshalb, weil ich ja quasi keine Wahl habe. Ich möchte ihn bei mir haben aber mir fallen die Arme ab, wenn ich ihn den ganzen Tag so trage.

Ich muss auch zugeben, dass ich den Gedanken des Tragens zwar toll finde, es mich aber unheimlich stört, dass ich so wahnsinnig darin schwitze. In der Schwangerschaft fing ich an, vermehrt zu schwitzen und jetzt in der Stillzeit ist es ebenfalls sehr extrem. "Die Hormone" sagt meine Hebamme. Selbst bei kühleren Temperaturen sind Kind und ich nass. Ich weiß nicht, ob es das ist,. weswegen mein kind es nicht mag, aber mich selbst stört das enorm. :(

Ich habe schonmal überlegt, ein luftigeres Modell zu kaufen. Derzeit habe ich nur ein Tuch. Aber ich möchte ungern ca 100 Euro ausgeben und dann feststellen, dass es nicht besser ist.

von Onpu am 30.08.2015

Antwort:

Wie verhalten wenn das Kind knatscht?

Liebe Onpu!


meine Vorrrednerin hat Ihnen ja schon eine sehr ausführliche und gute Antwort zum Thema Tragen gegeben. Tatsächlich ist für mich das Entscheidende, wirklich lange und regelmäßig am Ball zu bleiben, damit das Kind eine Chance hat, sich an das Tuch und die damit verbundene Entspannung zu gewöhnen.

Dennoch: auch das Tuch ist kein Allheilmittel und es funktioniert tatsächlich nicht bei jedem Kind bzw. jeder Mutter / jedem Vater. Wenn Sie also nach einer (größeren) Weile sehen, es klappt immer noch nicht, müssen Sie sich nicht sklavisch daran klammern.

Um insgesamt mehr Ruhe in den Tag zu bringen, reicht es, in diesem Alter einfach für Pausen zu sorgen, in denen nicht sehr viel passiert / geschlafen wird. Es muss eben gerade NICHT immer was gemacht werden, damit das Kind sich beruhigt.

Auch bei der Auswahl der Spielzeuges sollte man darauf achten, dass es nicht zu viele Sinne auf einmal anspricht. Manche Kinder sind von bunten, blinkenden und Geräusche machenden Spielzeugen zwar faziniert, aber auch schnell überreizt. Das erkennen Sie an anfänglicher Neugier, Blickzuwendung, Greifversuchen, aufgeregtem Atmen, was dann "kippt" und ganz schnell in Genörgel übergeht. Häufig wird dies von Eltern irrtümlich als Langeweile und Desinteresse verstanden, so dass gleich das nächste Spielzeug geholt wird usw.

Kinder können sich sehr in der Tat daran gewöhnen, dass sie "unangenehme" Gefühle wie Müdigkeit, Überreizung oder auch Hunger durch Ablenkung immer wieder "wegdrücken", bis gar nicht mehr geht. Das bezeichnet man als "Reizhunger". Hierzu gibt verschiedene Theorien, die jedoch alle darauf hinauslaufen, dass der Teufelskreis aus Lauter-Bunter-Schneller-und-immer-mehr am leichtesten durchbrochen wird, in dem man bei einigen wenigen Dingen zur Beruhigung bleibt, diese aber auch kontinuierlich und regelmäßig anwendet.

Was Ihre Schwangerschaft angeht: Nun ja, es ist tatsächlich so, dass man statistisch Zusammenhänge zwischen Stress, Ängsten und Depressionen während der Schwangerschaft und späteren Schwierigkeiten wie exzessives Schreien, allgemeiner Unruhe oder Schlafproblemen nachweisen kann. Doch erlauben diese Zusammenhänge keine Rückschlüsse auf den Einzelfall. Sie besagen lediglich, dass ein Teil der Unterschiede zwischen Kindern sich durch diese Dinge erklären lässt. Machen Sie sich also keine Vorwürfe! Weder kann man mit Sicherheit sagen, dass dies die Gründe sind, noch haben Sie sich den Stress in der Schwangerschaft ja ausgesucht, oder? Es läuft eben nicht immer alles perfekt und wir leben auch nicht permanent auf einer Insel der Glückseligkeit. Wäre dies erforderlich, wäre die Menschheit sicher schon ausgestorben.

Also, haben Sie viel Freunde aneinander und lassen Sie sich diese nicht durch die Angst, Ihrem Kind nicht gerecht zu werden, verderben. Haben Sie Mu,t Ihrer Intuition zu folgen und versuchen Sie es nicht allen recht zu machen - weder freundlichen Passenten, Verwandten, anderen Müttern noch irgendwelchen Experten (mich eingeschlossen!)

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 01.09.2015

Die letzten 10 Beiträge
Mobile Ansicht

Impressum Über uns Neutralitätsversprechen Mediadaten Nutzungsbedingungen Datenschutz Forenarchiv

© Copyright 1998-2022 by USMedia.   Alle Rechte vorbehalten.