Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Wie kann eine extreme Bezogenheit auf die Mutter erweitert werden?

Liebe Lisa222,

ja, ich erinnere mich an Ihre dramatische Geschichte!
Zunächst einmal vorweg: ich finde es sehr schön, was Sie für eine innige Beziehung zu Ihrer Mutter haben - eine enge Bindung - im positiven Sinne - werden Sie daher auch sicher zu Ihrer Tochter immer haben. Wer selbst liebevoll aufwächst, kann dies eben leichter auch weitergehen und das merkt man bei Ihnen Dreien.

Ich finde daher auch die Art, wie Sie jetzt die Eingewöhnung gestalten geradezu vorbildlich: Es bleibt da auch gar nicht viel zu ergänzen, außer Ihnen Mut zu machen, es genau so weiter zu machen! Wie Sie selbst sagen, zeigen Sie Ihrer Tochter durch Ihre positive Art ja, dass für Sie die Welt auch bei der Tagesmutter in Ordnung ist und geben ihr so die Sicherheit, dass wirklich nichts Schlimmes passiert. Selbst ohne derartige Vorgeschichte tun sich manche Kinder einfach auch typbedingt schwerer als andere, sich an andere Bezugspersonen zu gewöhnen. Die Erfahrung, dass man es auch bei anderen gut hat, dass diese sich auch um einen kümmern und liebevoll mit einen umgehen, kann man den Kindern leider nicht anders vermitteln, als durch eben genau diese wiederholte Erfahrung.

Auch wenn es daher für uns Eltern schwierig ist, empfehle ich daher am Ball zu bleiben. Die umgekehrte Reaktion, nämlich die Vermeidung, birgt nämlich die Gefahr, dass sich das Kind in seinen Ängsten bestätigt sieht. Um sensible Kinder nicht zu überfordern, muss man eben in kleineren Schritten vorgehen. Diese dann aber so gestalten, dass sie einer erkennbaren Struktur und Regelmäßigkeit folgen. Besser als ab und zu gleich mit einem Nachmittag bei der Oma zu starten, sind häufige, dafür kürzere Phasen, die sich dann steigern. Gleiches gilt natürlich für die Kita /Tagespflege. Die Übergabe sollte kurz, aber immer nach dem gleichen Ritual ablaufen. Wichtig ist, die Ängste und Trauer des Kindes zuzulassen und weder zu dramatisieren, noch zu bagatellisieren. Die Grundhaltung sollte sein, ich versteh, dass du traurig und ängstlich bist. Doch ich verspreche, ich komm nach dem Frühstück, dem Morgenturnen, nach dem Mittagessen etc. ( hier einen konkreten Zeitpunkt nennen, den das Kind "fassen" kann) und hier geht es dir gut.

Das Beste, was Sie für sich und Ihr Kind tun können, ist daher Druck aus der Eingewöhnung zu nehmen. Ich empfehlen daher in solchen Fällen immer, den Arbeitgeber rechtzeitig zu informieren und um ein paar Wochen Reserve zu bitten. Nach Weihnachten ist sowieso noch vieles wieder durcheinander, da wäre es sicher schön, wenn Sie etwas mehr "Luft" hätten.

Ansonsten gibt es nicht viel, was ich Ihnen noch an Tipps geben kann. Der "Klassiker" - das Kuscheltier ist immer einen Versuch wert, muss aber bei einigen Kindern erst mit ein wenig Hilfe etabliert werden.

Ansonsten ist es immer wieder wichtig, auch das eigene Verhalten kritisch zu betrachten. Sie schildern glaubhaft und reflektiert, dass Sie rational sehr wohl den Wunsch verspüren, dass Ihre Tochter etwas weniger an Ihnen hängt und zwar um Ihrer beiden Willen. Daher führe ich diesen Punkt auch nicht wie sonst so aus. Vielleicht mag es dennoch sein, dass auch Sie an der ein oder anderen Stelle immer noch mit der Vergangenheit zu kämpfen haben und Trennung für Sie emotional auch einen bedrohlichen Charakter hat. Mit einer solchen Vergangenheit kann uns das sonst so gut funktionierende Bauchgefühl in die Irre leiten, weil es immer noch im Alarmzustand ist und einfach nicht auf den Kopf hören will. Auch hier führt der Weg nur über die wiederholte Erfahrung und die Reflexion, was da eigentlich passiert.

Fazit: die Ängste und Trauer sollten nicht vermieden werden - weder bei Ihnen noch Ihrer Tochter, sonst lernt der Bauch nicht, dass in diesem Fall der Kopf Recht hat. Sie haben Schlimmes durchlebt und die emotionale Reaktion darauf ist angemessen, wenngleich eben nicht erfreulich. Man muss eben nur lernen, nicht in dieser Reaktion zu verharren und korrigierende Erfahrungen zuzulassen.

Dies ist übrigens ein häufiges Missverständnis, wenn es um die Entwicklung von Bindungen geht. Nicht das Durchleben von Angst und Trauer führt zu unsicheren Bindungen, sondern das fehlende "Echo" der Eltern auf diese Zustände. Sie müssen daher aus meiner Dicht auch keine Angst haben, die Bindung Ihrer Tochter zu gefährden oder sie generell psychisch zu schädigen, wenn Sie sanft die gelegentliche Ablösung fördern. Im Gegenteil: Sie ermöglichen es Ihrer Tochter (und sicher auch Ihnen selbst) das verlorene Urvertrauen zurückzuerobern und mehr Freiheitsgrade zu gewinnen. Es ist ja wie Sie selbst sagen, auch außerhalb von Mama ist die Welt schön und wartet nur darauf, entdeckt zu werden.

In diesem Sinne, alles Gute und Ihnen weiterhin viel Spaß an- und miteinander und gelegentlich auch ohne einander!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 27.11.2015, 21:51 Uhr

 
 
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