Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Wie findet mein Kind einen Schlafrhytmus?

Mein Sohn (15Monate) schläft schon immer schlecht. Er hat bis zum 13.Monat bei uns im Bett geschlafen, weil er eine intensive Schlafbegleitung braucht (Körpernähe). Leider wacht er im 0,5- 1,5 Stunden - Rhytmus auf und braucht uns, um wieder in den Schlaf zu finden.
Es fällt mir auf, dass er lange braucht, um in den Tiefschlaf zu kommen. Wenn ich nach einer Minute rausgehen will, merkt er das sofort-setzt sich auf und schreit. Manchmal dauert es bis zu einer Stunde, bis ich aus dem Zimmer gehen kann. Verschiedene Tee`s, sowie Virbucol-zäpfchen haben wir schon probiert. Er hat auch mittags, wie abnds ein Ritual vorm zu Bett gehen.
In der Hoffnung, dass er besser Durchschläft, haben wir ihn mit 13 Monaten ausquartiert. Er schläft nun mit seinem Bruder in einem Zimmer (der große im Hochbett und er darunter). Es hat sich aber nichts geändert, außer, dass er in letzter Zeit viel Wasser trinkt (300ml/nacht). Bis ca.1Uhr nachts wird er 0,5-1 stündlich wach, dann werden die Pausen größer. Meist schläft er dann ab 2-3Uhr bei uns im Bett, da mich das ewige aufstehen so sehr anstrengt. Ich habe immer gehofft, er braucht noch etwas Zeit, seinen Rhytmus zu finden, aber ich bin an einem Punkt, wo ich nicht mehr kann.
Meine Verwandten raten mir, ihm Beruhigungs- oder Schlafmittel zu geben (auch bei der Oma oder Tante wurde er ca.8mal in der nacht wach). Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Wir aren schon bei verschiedenen Ärzten, sowie Osteopathen. Alle sagen, er ist gesund. Er macht tagsüber einen ausgeglichen, fröhlichen Eindruck.
Kann ich das Schlafverhalten irgendwie positiv beeinflussen?

(Angaben über`s Kind: Schreibaby bis zum 4.Monat; professionelle Unterstützung durch Schreibabyberaterinnen;forumsgerechte Begleitung- dr.posth; Geschwisterkind war auch Schreibaby; beide Eltern haben als Baby schlecht geschlafen und erhielten kurzzeitig Medikamente (Protazin/Radedorm))

Vielen Dank für Ihre Einschätzung!

von alexe am 02.09.2015, 14:48 Uhr

 
 

Antwort:

Wie findet mein Kind einen Schlafrhytmus?

Liebe Alexe!

herrje, das sind wirklich schon ausgeprägte Schlafprobleme und es tut mir sehr leid, dass Sie bei beiden Kindern Startschwierigkeiten mit exzessiven Schreien hatten.

Wie viele Eltern haben Sie einen wahren Hilfesuchmarathon hinter sich. Das alles ist natürlich ungemein belastend und frustrierend und führt dazu, dass man schließlich wirklich mürbe wird.

Ich finde es auch daher nicht verwerflich, dass man in Ihrem Fall über Medikamente nachdenkt, weil man irgendwie nach einer Lösung sucht. Ich bin Psychologin und keine Ärztin - das Vorweg. Ich persönlich sehe den Einsatz von Sedativa eher kritisch. Der einzige gerechtfertige Einsatz ist m.M. nach der, wenn kurzzeitig unter grundlicher Risiskoabwägung eine Unterstützung von Veränderungsprozessen bei extrem hartnäckigen Schlafstörungen erforderlich scheint oder in ganz limitierten Notfällen. Es kann meiner Meinung nach immer nur eine Unterstützung kein Ersatz für eine Verhaltensmodifikation sein. Kein Medikament kann ein Kind dazu bringen, schlafen zu lernen, dies konnte man in verschiedenen Studien zeigen. Gleichwohl kann so ein kurzes Entlastungsfenster (v.a. für die Eltern) entstehen, wodurch Veränderungen manchmal leichter angestoßen werden können.

Auf jeden Fall gehört so eine Behandlung in fachlich versierte Hände. Eine Betreuung durch den Kinderarzt im Alleingang würde mir hier nicht ausreichen. Ich sehe das eher in Begleitung durch ein interdiszplinäres Team aus Psychiatern und Kinder- und Jugenpsychologen, die für das Thema frühkindlicher Schlaf und Regulationsstörungen spezialisiert sind. So etwas finden Sie an in Kinder- und Jugendpsychiatrien, die ein Angebot für die ganz Kleinen haben (der Name ist abschreckend, aber viele erfolgreiche Schreiambulanzen sind in ein solches Setting eingebunden um eben eine umfassende Versorgung zu gewährleisten), in einem Sozialpädiatrischen Zentrum oder einem Früherkennungszentrum.

Ob Sie noch mal so einen Versuch starten (und dort die Frage nach einem Einsatz von Medikamenten zunächst einmal offen lassen), müssen Sie sehen. Wenn solllte es aber eine größere Einrichtung sein, die Sie und Ihr Kind längerfristig umfassend betreuen können und eben auch fachlich versiert sind. Leider ist dies nicht bei allen Beratungsstellen für Schreibabys der Fall, denn dieser Begriff ist nicht geschützt, so dass quasi jeder dies machen kann. Hinzu kommen diverse Angebote für entsprechende Ausbildungen, die keinerlei Qualifikation voraussetzen, so dass der Markt von Schreiberatern überschwemmt wird. Bei deratig komplexen Problemen greift so eine Beratung oft halt zu kurz. Also wenn, dann m.E. das volle Programm. Schlafprobleme sind oftmals nur ein Symptom an dem oft viele andere Dinge dranhängen. Nicht selten müssen daher auch die Eltern zunächst "schlafen lernen".

Einen weiteren Einschlaftipp möchte ich Ihnen daher nicht geben. Denn das meiste werden Sie schon kennen (feste Abläufe und Strukturen, regelmäßige Schlafenszeiten sowie die Förderung des selbstregulierten Einschlafens durch schrittweise Entwöhnung von elterlichen Einschlafhilfen). Sie sind ja schon auf einem sehr guten Weg, indem Sie versuchen, Ihr Kind in sein Bettchen beim Bruder zu bringen, nur müssen Sie den Mut (und natürlich auch die Kraft!) haben, diesen Weg noch weiter zu gehen und dann auch im weiteren Verlauf keine weiteren Hilfen mehr geben (also auch keine Wasserfläschen mehr, kein später ins Elternbett holen).

Das einzige was noch zu prüfen wäre, ist ob die Bettzeit nicht vielleicht zu lang ist und Ihr Sohn mit weniger Schlaf auskommt. Schlafmangel scheint er ja im Gegensatz zu Ihnen nicht zu haben, sonst wäre er am Tag nicht ruhig und ausgelichen. Sie können daher gucken, ob etwas später ins Bett bringen oder früher Wecken für den entscheidenden Schlafdruck sorgt, den er braucht. Hierfür wären 24-h- Protokolle sinnvoll.

Ich gehe aber davon aus, dass Ihr Sohn grundsätzlich davon unabhängig noch Schwierigkeiten hat, sich selbst zu beruhigen. Sofern man sich mittels 24-h-Protokolle überzeugt hätte, dass die Bettzeit Ihres Kindes auch der tatsächlich benötigten Schlafdauer entspricht, könnte man mit sanften Schlafprogrammen arbeiten. Aufgrund Ihrer Berichte ordne ich Sie jedoch eher der Gruppe der Eltern zu, für die diese Programme ausgeschlossen sind. Hier wäre dann eine umfangreiche Beratung sinnvoll, um einen alternativen Weg zu finden.

Zu so einer Beratung gehört dann immer auch umfangreiche Elternarbeit, denn die beste Methode nützt nichts, wenn Eltern irgendetwas hindert, sie durchzuführen. Oft kommen dann eigene Ängste oder innere Dogmen zum Vorschein, die es Eltern erschweren, Ihrem Kind als Wegweiser zu dienen. Dies sind häufig Dinge wie "wenn mein Kind schreit, bin ich eine böse Mutter, dann bin ich schlecht" ", "Ich muss dafür sorgen, dass mein Kind immer zufrieden ist", "mein Kind wird bindungsgestört, wenn ich ihm nicht immer alles gebe", "Ich habe Angst gegen seine natürlichen Bedürfnisse anzugehen", "ich will nichts kaputt machen" etc. In einigen Fällen sind es natürlich auch eigene belastende oder gar traumatische Kindheitserlebnisse, die sogen. Gespenster aus dem Kinderzimmer, die als "Altlasten" aufgearbeite werden müssen. Aus der Ferne ist es mir natürlich gar nicht möglich, dies für Ihren Fall einzuschätzen. Doch kommt bei allen Tipps und Maßnahmen manchmal die Perspektive, dass auch die Eltern Hilfe für sich brauchen, etwas zu kurz.

Es tut mir leid, dass ich Ihnen an dieser Stelle keinen Aus-Knopf aufzeigen kann. Das heißt aber nicht, dass es nicht Wege für Sie gibt! Vielleicht reicht es Ihnen, sich nochmal alle Dinge zu vergegenwärtigen und kritisch zu überprüfen, ob sich nicht alte Verhaltensmuster aus Erschöpfung eingeschlichen haben. Vielleicht ist jedoch noch mal ein neuer Versuch, professionelle Hilfe zu bekommen, richtig.

So oder so wünsche ich viel und raschen Erfolg!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 02.09.2015

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