Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Was tun gegen Schreiattacken kurz nach dem einschlafen?

Hallo Frau Bentz,

mein Sohn ist jetzt fast 10 Monate alt und langsam mache ich mir doch große Sorgen. Er entpuppte sich nach seiner zweiten Woche auf der Welt zu einem Schreibaby,dies legte sich jedoch mit der Zeit (ca. 3- 4 Monat). Was aber immer noch geblieben ist, sind seine Schreiattacken die etwa eine halbe Stunde nach dem einschlafen kommen und zwar immer. Es ist dabei egal ob er vormittags, nachmittags oder abends einschläft, nach 30min. wacht er auf und brüllt das ganze Haus zusammen. Am Anfang war dann auch schluß mit schlafen doch seit dem 7ten Monat lässt er sich wieder beruhigen, vorausgesetzt ich liege genau neben ihn und kann direkt eingreifen. Dann schafft er es auch mal 2h am Stück zu schlafen, was vorher nie der Fall war. Was plagt ihn denn so sehr das er nicht mehr in den Schlaf findet? Und gibt es irgendwelche Möglichkeiten ihm das durchschlafen zu erleichtern? Es wird immer gesagt mit der Zeit wird es besser aber mittlerweile ist er schon 10 Monate alt.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Bemühungen.

von Jaro22 am 13.06.2016, 22:17 Uhr

 
 

Antwort:

Was tun gegen Schreiattacken kurz nach dem einschlafen?

Liebe Jaro22,

wenn Sie dieses Forum durchblättern werden Sie sehen, dass Sie mit diesem Problem nicht allein sind. Es gibt viele Kinder, die wie Ihr Son kurz nach dem Einnicken wieder hochschrecken. Doch das ist sicher nur ein schwacher Trost.

Sie möchten verständlicherweise wissen, was mit Ihrem Kleinen los ist und was Sie ändern können. Nun, über die Ursachen kann ich hier nur Vermutungen anstellen. Zunächst einmal schlafen junge Säuglinge anders als wir. Sie starten mit aktivem Traumschlaf und nicht mit einer Tiefschlafphase. Es ist daher nicht ungewöhnlich, wenn Kinder beim und nach dem Einschlafen sehr unruhig sind, sich hin und her wälzen, stöhnen, brabbeln, ja sogar laut grummeln, den Kopf hin-und herdrehen etc. Viele Eltern irritiert das, weil sie meinen, ihr Kind wäre wach und mit besten Absichten versuchen sie dann, ihr eigentlich noch schlafendes Kind zu trösten. Die Crux dabei ist, dass in dieser Phase die Kinder wirklich leicht erweckbar sind, und durch voreiliges Eingreifen ein Abgleiten in den Tiefschlaf verhindert wird. Ihr Kind ist nun älter und somit haben sich auch die Schlafstadien eines Schlafzyklus schon mehr an den „Erwachsenenschlaf“ angepasst.

Doch scheint es bei einigen Kinder zu sein, dass sich so ein Muster einprägt und sie weiterhin Schwierigkeiten beim Übergang zwischen den einzelnen Stadien haben. Wieder andere Kinder sind tatsächlich wach und haben von vornherein Schwierigkeiten mit den Übergängen. Dem kann schlicht ein Problem in der Hirnreifung zugrunde liegen; doch es gibt auch einige organische Erkrankungen und Medikamente, die Durchschlafprobleme bewirken.

Ein weiterer „Klassiker“ kann dann entstehen, wenn die Bettzeiten nicht zum Schlafbedarf des Kindes passen, ein Kind also zu viel oder zu wenig schläft bzw. zu lang oder zu kurz im Bett liegt. Sehr häufig findet man auch ungünstige Kopplungen an bestimmte Reize, die, wenn sie wegfallen, das Kind aufwecken. Das ist z.B. dann der Fall, wenn ein Kind in den Schlaf geschuckelt wird und dann ins eigene Bett gelegt wird, wo es sich dann plötzlich ruhig liegend anstatt auf dem Arm vorfindet. Was davon auf Ihren Sohn zutrifft, kann ich so aus der Ferne nicht sagen. Hierzu müsste man das Schlafverhalten anhand von 24-h-Protokollen genauer analysieren, und auch der Gang zum Kinderarzt ist hier sinnvoll.

An sich ist es jedoch völlig normal, auch nachts öfter wach zu werden. Das werden wir Erwachsenen auch. Nur merken wir meist nicht davon und gleiten dann wieder in tieferen Schlaf. Am nächsten Morgen haben wir dann das Gefühl, durchgeschlafen zu haben. Bei Kindern ist dies sehr ähnlich, so dass im Grunde der einzige Unterschied zwischen durchschlafenden Kindern und solchen, die es nicht tun, der ist, dass die Durchschläfer kurz wach werden, sich umdrehen und unbemerkt weiterschlafen, während die mit Durchschlafstörungen den Übergang nicht schaffen und nicht wieder gleich einschlafen. Von Durchschlafstörungen spricht man daher auch nicht, wenn ein Kind mehrfach pro Nacht wach wird, sondern wenn das Einschlafen Probleme bereitet.

Das weitere Vorgehen hängt dann davon ab, welcher der oben genannten Gründe vorliegt. Allgemein hilfreich sind immer ein stabiler Rhythmus und feste Bettgehzeiten, die zum individuellen Schlafbedarf passen. Mit zunehmendem Alter nimmt zudem der Faktor Hirnreifung ab, d.h. die Bedeutung des elterlichen Einflusses beim Beruhigen und Schlafenlegen und damit einhergehenden Gewohnheiten nimmt zu. Bei einem 10 Monate alten Kind macht es daher Sinn, sich genau anzugucken, wie Sie als Eltern auf die Durchschlafprobleme reagieren und ggf. Alternativen dazu entwickeln. Meist heißt das eine Entwöhnung von elterlichen Einschlafhilfen, damit ein Kind lernt ohne diese wieder in den Schlaf zu kommen. Hierzu gibt es zahlreiche Methoden, doch das Grundprinzip ist immer gleich: um selbstständig einschlafen zu können muss ein Kind wiederholt die Erfahrungen machen können, dass es auch ohne diese Mittel geht, sprich es muss seinen inneren Aus-Knopf finden.

Egal wie sanft und geduldig man dabei vorgeht, dies bedeutet kurzfristig natürlich mehr Stress für alle Beteiligten. Es ist daher genau erfolgsentscheidend, dass Eltern sich bewusst machen, dass Ihr Kind die Folgen der Einschlafprobleme nicht erfasst und daher auch nicht motiviert ist, etwas zu ändern. Der Handlungsimpuls muss daher von den Eltern kommen. Dass ein Kind, was dazu noch müde ist, völlig problemlos Änderungen akzeptiert und auf geliebte Gewohnheiten verzichtet, wird nicht der Fall sein.
Mein Rat: gucken Sie sich zunächst den gesamten Alltag an und versuchen Sie zunächst die Grundlagen für einen guten Schlaf zu optimieren. Ist das erledigt, können Sie dazu übergehen, die elterlichen Einschlafhilfen schrittweise abzubauen. Achten Sie dabei darauf, nicht zu viel auf einmal zu wollen und nur eine Baustelle zurzeit zu bearbeiten. Gleichzeitig Dinge wie Schnuller entwöhnen, anderes Bett, anderes Zimmer etc. wären daher ungünstig. Toll ist es zudem, wenn man dies in einer Zeit macht, in der man sich mit dem Partner gut abwechseln kann. So bleibt man selbst geduldig und kann sich gegenseitig unterstützen.
Sie sehen, es ist alles kein Hexenwerk – man muss nur dranbleiben und nicht erwarten, dass sich alles über Nacht durch eine Maßnahme verändert.

Also, nur Mut! Der Sandmann macht sicher auch bald bei Ihnen einen besseren Job!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 17.06.2016

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