Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Was soll ich tun?

Hallo,

ich bin langsam ziemlich überfragt.
Mein Sohn ist nun fast genau 3 Monate alt. Er weint Leider sehr viel und ich versteh nicht immer warum.

Nun waren wir heute bei einer Beratungsstelle, wo mir die Dame zu folgendem Problem etwas geraten hat.

Mein Sohn ist nicht nur ein Baby was viel weint, sondern auch ein 24h Körperkontaktbaby... ich kann ihn nicht einmal ablegen und einfach mal fünf Minuten unterm Spielbogen liegen lassen. Ich möchte ihn nicht schreien lassen, weil ich angst habe das es emotional einen Riss zwischen uns schaffen könnte. Deshalb trage ich ihn auch den ganzen Tag oder liege / Sitze beim Spielen neben ihm und trage ihn beim schlafen oder lege mich den ganzen Tag zusammen mit ihm hin...
Dadurch bleibt natürlich einiges auf der Strecke. Mein Mann macht den Haushalt und wenn mein Sohn mal gerade wach und guter Laune ist, esse ich was. Wenn nicht, fällt dass aus bis abends mein Mann nach hause kommt...

Jetzt hat die Dame geraten ich sollte ihn in das Federwiegenbett legen und mich daneben stellen und ihn streicheln oder singen bis er einschläft. Nur leider würde das nicht ohne fürchterliches schreien von statten gehen.

Sollte ich das wirklich so versuchen und immer am Tag machen ohne ihn dann hoch zu nehmen und zu trösten? Was ist wenn ich falsch liege und er gar nicht müde ist? Dann ist es doch eine Qual ihn zum schlafen zu zwingen? Bin ein bisschen hin und her gerissen ob das so das richtige ist ?

Könnten Sie mir einen Ratschlag geben?

LG

von HannesMum23 am 21.07.2016, 22:01 Uhr

 
 

Antwort:

Was soll ich tun?

Liebe Hannesmum,

leider kann auch Ihnen so aus der Ferne nicht sagen, warum Ihr Baby so viel weint. Doch selbst wenn ich Sie beide genauer kennen würde und mehr Daten hätte, könnte ich vermutlich keine einfach Antwort liefern. Den einen Grund gibt es selten, meisten kommen Dinge wie Schwierigkeiten rund um die Schwangerschaft, elterliche Risikofaktoren, Dinge, die im Kind begründet sind (wie Unreife, schwieriges Temperament, gestörte Selbstregulation, Reizverarbeitung, niedrige Reizschwelle etc.) und ungünstige Muster beim Beruhigen und Schlafenlegen zusammen. Oftmals hat man es da mit einem klassischen Henne-Ei –Problem zu tun: denn was war zuerst da: elterliche Konflikte, ungünstige Interaktionsmuster oder hat nicht vielleicht umgekehrt das Schreien zu diesen Problemen geführt – um nur ein typisches Beispiel zu nennen.

Wichtig ist, dass dies keine Frage von Schuld ist. Auch sind Sie keine schlechte Mutter, weil Ihr Kind viel weint und sehr anhänglich ist. Das sollte Ihnen immer bewusst sein. Nicht selten führen nämlich genau diese Selbstzweifel und nagende Schuldgefühle dazu, dass man versucht, sein vermeintliches Versagen durch besonders intensive, sich selbst komplett aufopfernde Mühen zu kompensieren – etwas, was auf lange Sicht nicht gut gehen kann: Sei es, man erschöpft sich schließlich so, dass jede Kraft aufgebraucht ist und man dann ins andere Extrem fällt, sei es, dass man eine gesunde Entwicklung verhindert, indem man sein Kind über Gebühr behütet und sich selbst völlig aufgibt.

So ein bisschen sehe ich bei Ihnen die Gefahr, dass Sie in eine ähnliche Falle tappen könnten. Sicher, viele junge Mütter kennen diese zähen Tage, in denen man sein unruhiges Baby Kilometer durch die Wohnung trägt, gemeinsam aufs Klo geht oder versucht, beim Liegen auf dem Spieleteppich nicht einzuschlafen. Solche Phasen und ein gewisses Maß an Chaos gehören sicher dazu, vor allem beim ersten Kind, wo dies noch problemlos möglich ist. Doch sich dauerhaft komplett zu verausgaben, sich keine Pause zu gönnen und selbst auf Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken, Körperpflege (und nein, ich meine kein perfektes Tages-Make-up!) meinen, verzichten zu müssen, und alle Gedanken und Tätigkeiten nur noch ums Kind drehen lassen, ist auf die Dauer einfach ungesund – sowohl für die Mütter als auch die Kinder. In der Natur geht es ums Überleben und es hätte sich scher kein Model durchgesetzt, in dem wir uns an den Rande des Zusammenbruchs bringen müssen.

Achten Sie daher auch auf sich, denn selbst wenn es Ihnen nichts ausmacht, sollten Sie eine gute Elternschaft nicht ausschließlich an der Aufopferungsbereitschaft und Leidensfähigkeit festmachen. Drei Monate sind noch keine lange Zeit und Sie müssen mit Ihren Kräften haushalten. Dies heißt nicht, dass Sie Ihr Kind einfach allein schreien lassen, doch sollten Sie ihm auch etwas Zeit geben, sich selbst zu spüren und zu beruhigen.

Konkret: wenn Ihr Sohn unruhig ist und weint nicht gleich Kilometer machen, sondern ihn ruhig im Arm halten oder neben ihn liegen. Selbst wenn es Ihrem Kleinen nicht so gefällt, ist es zudem völlig ok, wenn Sie ihn auch mal ablegen und „nur“ in Sicht und / oder Hörweite bleiben. Natürlich hat er in diesem Alter noch ein Grundbedürfnis nach viel körperlicher Nähe, doch gleichsam sollte er auch andere Erfahrungen machen können. Dass in diesem Alter noch nicht erwartet werden kann, dass sich ein Kind stundenlang selbst beschäftigt dürfte klar sein, aber kurz mal zur Toilette ohne Tragetuch oder kurz einen Kaffee am Tisch und nicht auf dem Spielteppich sind ok. Nicht immer wird das klappen, doch der wiederholte Versuch ist das worauf es ankommt. Mit der Zeit werden dann auch Fortschritte ersichtlich.

Was die Federwiege betrifft, so kann diese eine Krücke darstellen, wenn ein Kind sehr auf Bewegungen fixiert ist, die Eltern aber schon am Rande der Erschöpfung sind und buchstäblich zu nichts anderem kommen. Im Idealfall werden die Eltern dadurch ein wenig unabhängiger, denn die Federwiege wird entweder durch die Bewegungen des Kindes oder einen Motor gesteuert. Ein Allheilmittel ist sie sicher nicht, denn langfristig wäre es wichtig Bewegungsreize vom Schlafenkönnen zu entkoppeln.

Viel wichtiger finde ich den Hinweis, das Weinen nicht sofort wieder mit intensiven Reizen, Ablenkung und Beruhigungsversuchen stoppen zu wollen. Hierdurch entstehen schnell Teufelskreise aus Überstimulation, Schreien, und erneuter Überstimulation, die zur Festigung bzw. Verschärfung des Problems beitragen und typisch für die Eltern mit Schreibabys sind. Sicher, auf den ersten Blick kollidiert das mit dem Prinzip eines prompten, feinfühligen und fürsorglichen Umgang mit dem Kind, doch nur auf den ersten Blick. Denn wenn ein Baby weint, weil es müde, überfordert oder überreizt ist, hat es nicht das Bedürfnis, noch weiter geschuckelt, bespaßt und beschallt zu werden. Vielmehr drückt es durch sein Schreien sein Bedürfnis nach Ruhe aus. Dass intensive elterliche Einschlafhilfen dennoch kurzfristig wirken liegt daran, dass ein sogenannter Reizhunger entsteht, sprich die Kinder werden von unangenehmen inneren Zuständen (Hunger, Müdigkeit, Überforderung, Langeweile etc.) abgelenkt, was angenehm ist und möglichweise Mikrobelohnungsprozesse im Hirn auslöst. Ist der Reiz dann nicht mehr neu und tritt Gewöhnung ein, muss ein neuer oder intensiver Reiz her usw. Der Nachteil, der sich dann mittel- und langfristig zeigt, ist dass diese Kinder die notwendige Voraussetzung für Selbstregulation, nämlich das Erspüren innerlicher Zustände nicht erfahren bzw. verlernen und so in „Abhängigkeiten“ von außen geraten, die extrem hartnäckig sein können.

Bevor Sie reagieren, gucken Sie daher Ihr Kind genau an und prüfen seine Signale. Kann es wirklich sein, dass Hunger die Ursache ist, oder ist das Kind einfach müde und braucht eine Pause, weint ein Kind panisch aus Angst oder ist es eher ein Grummeln etc. Bei entsprechend veranlagten Kindern kann das eine kniffelige Aufgabe sein, denn es gibt durchaus die Fälle, die Müdigkeitssignale kaum oder erst sehr bzw. zu spät zeigen. Doch auch das haben die meisten Eltern schon irgendwie im Gespür.


Also, ich denke, Sie hatten eine gute Beratung und können nun sehen, welche Wege Sie einschlagen. Wenn Sie unsicher sind, vereinbaren Sie doch noch einen weiteren Termin, denn es geht ja nicht darum, ein Musterschüler zu sein und zu allem Ja und Amen zu sagen, sondern einen Weg zu finden, der zu Ihnen passt. Ihre elterliche Entscheidung kann Ihnen sowieso niemand abnehmen, und leider damit auch nicht das Risiko, auch mal Fehler zu machen. Doch keine Sorge – kein Kind der Welt brauch perfekte Eltern, um glücklich groß zu werden!


Alles Gute für Sie!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 25.07.2016

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