Dr. rer. nat. Meike Bentzs

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Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

was macht eine Schreiambulanz ?

Hallo Frau Bentz,
gerade habe ich eine ihrer Antworten gelesen,in der sie zur Beratung bei einer Schreiambulanz ,einem SPZ,ect.raten.
Mich würde interessieren,welche konkrete Hilfe man dort ihrer Meinung nach bei "Regulationsproblemen"erhält.
Vorneweg,ich finde ihre Tipps super und lese immer viel in ihrem Forum.
Ich selbst habe wegen meiner Tochter schon häufig Hilfe gesucht,sie hat auch die Diagnose "Regulationsstörung"
Wir sind seit ihrer Geburt (sie ist jetzt etwas über 2 Jahre alt) regelmäßig im SPZ und ich habe bereits 2 verschiedene Schreiambulanzen aufgesucht.
Bei einer erhielt ich den Tipp,mir mehr Auszeiten zu schaffen (was ich bereits seit Geburt mache),bei der 2. wurde mir eine Therapie vorgeschlagen ,da meine Tochter vom Kaiserschnitt und der Neonatologiezeit traumatisiert sei.Dafür hätte ich einmal wöchentlich über 60 km fahren müssen und habe dies nicht lange durchgehalten.
Also konkret-was kann ich mir als Mutter /als Eltern für Hilfe erwarten?
Weder hat die Experten dort mein Schlafprotokoll interessiert ,noch wurde mal über Schlaflabor nachgedacht.
Meiner Erfahrung nach stehe ich,obwohl ich Expertenhilfe gesucht habe,mit unserem Schlafproblem sowieso alleine da.
Können sie mir denn mal berichten,wie normalerweise eine solche Hilfe aussieht?
Viele Grüße Marla1302

von Marla1302 am 02.08.2016, 15:11 Uhr

 
 

Antwort:

was macht eine Schreiambulanz ?

Liebe Marla!

Schön, dass Ihnen mein Forum gefällt. Sie haben eine gute Frage gestellt, denn tatsächlich ist es auf dem „Hilfssektor“ nicht immer ganz klar, wer was macht.

Zunächst einmal ist der Begriff „Schreiambulanz“ nicht geschützt, es tummeln sich also eine ganze Menge Anbieter von Beratungs- und Therapieleistungen auf dem Sektor. Einen einheitlichen Qualitätsstandard gibt es (leider) nicht. Führend was sowohl die Forschung als auch die Praxis betrifft, ist sicherlich immer noch die Arbeitsgruppe um Papoušek in München. Das dortige Zentrum ist seit Jahrzehnten auf Regulationsstörungen spezialisiert und hat wesentliche Bausteine der Therapie von Regulationsstörungen entwickelt und geprüft. Sicher so etwas wie der Goldstandard auf diesem Gebiet. Übrigens haben Sie Recht, ein 24-h- Protokoll gehört eigentlich zum Standard. Wenn Sie ein bisschen Statistik nicht stört, empfehle ich auch interessierten Eltern das Buch „Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Frühe Risiken und Hilfen im Entwicklungskontext der Eltern-Kind-Beziehungen“ von Papoušek, Schieche & Wurmser, 2004 – kein Ratgeber im klassischen Sinne, dennoch auch eine für Laien verständliche Zusammenfassung zum Thema Regulationsstörungen.

Was genau können Sie nun von einer Therapie erwarten?

Das hängt von mehreren Faktoren ab:
a) Wie der jeweilige Anbieter ausgerichtet ist (was für eine Ausbildung / Disziplin, welche Schule)
b) Welche Besonderheiten Ihr Kind / Sie und Ihre familiäre Situation mitbringen
und – ganz wichtig –
c) Welche Erwartungen und Wünsche Sie haben

Für das Gelingen einer Beratung / Therapie ist es wichtig, dass Eltern einen aktiven Part einnehmen. D.h. Wünsche, Vorstellungen, aber auch Probleme und Kritik sollten offen angesprochen werden. Keineswegs sollten Sie als Eltern (und letztendlich ja auch die, die Zu Hause Dinge umsetzen müssen) passive, unmündige „Hilfsempfänger“ sein, und widerspruchlos alles hinnehmen, was die „Experten“ so sagen. Sie gestalten den Prozess mit, und wenn Sie sich nicht gut aufgehoben fühlen, dann sollte dies zum Thema werden. Ich würde Ihnen empfehlen, genau diese Frage („Was für konkrte Hilfestellung kann ich erwarten?“ einfach mal zu stellen, und deutlich zu machen, wo es bei Ihnen noch hakt. Eine Lösung, die nicht zu Ihnen passt, ist eben keine Lösung.

Auf der anderen Seite erfordern eine Beratung oder Therapie, auch die Bereitschaft, Dinge zu ändern, und seine Komfortzone zu verlassen. Ich habe ja nun auch die andere Perspektive, und erlebe es immer wieder, dass Eltern den Wunsch haben „wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ Änderungen gehören aber immer in die Verantwortung der Eltern. Ein Therapeut kann im strengen Sinne nur Hilfe zur Selbsthilfe bieten, und Lösungsvorschläge machen. Probleme lösen kann er / sie nicht. Zudem gibt es eben Dinge, die sich klar als hilfreich und andere Dinge, die sich als problematisch bei Regulationsstörungen erwiesen haben. Dass müssen wir Fachleute dann auch so kommunizieren. Individuelles Vorgehen: ja, Beliebigkeit: nein.

Da anders als in einer Langzeittherapie die Behandlung von Regulationsstörungen recht kompakt abläuft (in München werden die Kinder zwischen 1- und 10 mal gesehen), bleibt leider nicht immer ausreichend Zeit, „Beziehungsarbeit“ zu leisten, sondern man steigt gleich ins Eingemachte ein. Stimmt die Chemie zwischen Eltern und Therapeut nicht, ist dies sicherlich kein idealer Ausgangspunkt, allerdings auch kein k.o.-Kriterium.

Dennoch – auch wenn es für betroffene Eltern allein aufgrund des geringen Therapieangebots nicht einfach ist, Hilfe zu bekommen, rate ich dazu, einen oder notfalls mehrere Versuche zu starten. Die Forschung zeigt doch deutlich, dass eine frühe Behandlung die Prognose günstig beeinflusst. Selbst wenn Ihre Probleme noch andauern, vielleicht wäre es ohne Begleitung noch schlimmer?

Ich verstehe Ihren Frust sehr gut, doch eigentlich sind Sie bei einem Sozialpädiatrischen Zentrum in den richtigen Händen, sofern eine entsprechende Fachkompetenz dort aufgebaut wurde. Der Vorteil ist einfach, dass die Fälle interdisziplinär (medizinisch, psychologisch, physiotherapeutisch etc.) betrachtet werden, und eine umfangreichere Diagnostik und Behandlung möglich ist. Alternativ / ergänzend könnte in Ihrem Fall auch ein zertifiziertes Schlaflabor helfen.

Eine wirkliche Regulationsstörung ist ein hochkomplexes, dynamisches Problem. Selbst bei erfolgreicher Behandlung kann es zu Phasen der Stagnation oder gar zu Rückschlägen kommen. Das ist äußerst unbefriedigend für die erschöpften Eltern, doch leider ist der Einfluss von außen eben auch nicht 100%. Kinder bringen ihre „Biologie“ mit. Zudem ist das Säuglings- und Kleinkindalter von so vielen essentiellen Regulationserfordernissen geprägt, dass es immer neue Fragen aufgeworfen werden.

Lassen Sie sich also nicht entmutigen, wenn es nicht so recht voran gehen will. Möglicherweise fühlt es sich nur so an, und Sie übersehen die vielen kleinen Fortschritte. Möglicherweise stagniert die Entwicklung, weil neue Anpassungsleistungen erbracht werden müssen. Gerade das 3te Lebensjahr, in dem sich Ihre Tochter nun befindet, ist wirklich nicht ganz einfach. Hier trifft– salopp gesagt – viel Energie auf wenig Verstand. Konnte man das Krabbelkind noch halbwegs bändigen, geht dies bei einem 2-Jährigens Kind nicht mehr. Viele kognitive Fähigkeiten wie Perspektivenübernahme, echte Empathie, ein Blick für Gefahren etc. sind schwach oder noch gar nicht entwickelt. 2-Jährige wissen einfach nicht, was sie mit „schwierigen“ ihrem Verhalten bewirken, sie denen nicht strategisch, wollen nicht provozieren. Ihr Weltbild ist absolut egozentrisch und das was sie wollen, will auch Mama – oder?!

Es ist daher richtig und wichtig, dass Sie sich weiterhin Ihre Aus-Zeiten nehmen. Sicher kein Allheilmittel, doch Sie werden weiterhin viel Geduld, Frustrationstoleranz und Ausdauer mitbringen müssen. An dieser Stelle haben Sie vielleicht ein Päckchen abbekommen, das schwerer als bei vielen anderen Eltern ist. Sein Wohlbefinden nicht ausschließlich von den Problemen mit Schlafen, Essen, Trotzen abhängig etc. zu machen, ist etwas, was man sich sicher hart erarbeiten muss. Viele Eltern stellen diese Dinge hinten an („wenn mein Kind erst wieder besser schläft/isst/weniger trotzt, weniger anstrengend etc. ist, dann…“). Doch manchmal dauert es, bis sich Besserungen zeigen, und nicht wenige sind dann am Rande des Zusammenbruchs, weil sie sich völlig aufgegeben haben. Die Frage sollte daher lauten, was kann ich für meine Erholung und Entspannung trotz der bestehenden Schwierigkeiten tun? Also: Bleiben Sie dabei! Ich bin mir sicher: schöne Mutter-Tochter- Erlebnisse werden zunehmen!

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Kleinen alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 07.08.2016

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