Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Warum wacht sie so oft auf?

Liebe Marla1302,

oh, je! Da haben Sie ja wirklich einen sehr anstrengenden Start zusammen!

Sie berichten nichts darüber von daher gehe ich davon aus, dass Sie bisher noch nicht professionelle Hilfe bekommen haben. Ich bin über so etwas immer etwas traurig und verärgert, denn so viel Leid lässt sich durch rechtzeitige Unterstützung vermeiden. Hat Ihnen den wirklich niemand mal einen entsprechenden Hinweis gegeben? Sie haben doch sicher eine regelrechte Ärzte- und Klinikodyssee hinter sich, und das es Hilfsangebote für Kinder mit Regulationsschwierigkeiten gibt ist ja nicht neu. Oder liegt es eher daran, dass Sie sich schämen und meinen, Sie müssten als Eltern doch selbst mit dem Problem zurecht kommen?

Wie dem auch sei, es gibt dazu aus meiner Sicht Folgendes zu sagen:

Ich könnte Ihnen hier an dieser Stelle zahlreiche Tipps geben, doch ich finde in einem Fall wie dem Ihren mit entsprechender Vorgeschichte sollten Sie es weder Ihrem Kind noch sich nicht länger zumuten, selbst herumzudoktern.
In Ihren Fall würde ich die beste Lösung in der Betreuung durch ein sozialpädiatrisches Zentrum / Früherkennungszentrum sehen, eventuell auch mit vorgelagerten stationärem Aufenthalt. Angesicht der organischen Erkrankungen, der Entwicklungsverzögerungen und der multiplen Regulationsschwierigkeiten brauchen Sie eine genau Anleitung und interdisziplinäre Betreuung durch Ärzte, Psychologen und ggf. auch Physiotherapeuten. Dies sehe ich dort am ehesten gewährleistet. Alternativ gibt es auch einige Kinder- und Jugendpsychiatrische Kliniken, die frühkindliche Regulationsstörungen behandeln. Da der Begriff "Schreiambulanz" oder "Schreibabysprechstunde" nicht geschützt ist, sollten Sie darauf achten, dass Sie eine Einrichtung an einer Klinik finden, die eben so ein interdisziplinäres Team stellen kann. Alles andere würde aus meiner Sicht zu kurz greifen, da bei allen Maßnahmen ja auch die medizinische Begleitung wichtig ist. Am besten fragen Sie einmal Ihren Kinderarzt oder rufen selbst mal in entsprechenden Einrichtungen in Ihrer Nähe an.

Es tut mir sehr leid, Ihnen jetzt nicht den Aus-Knopf geben zu können, doch eine Beratung wie diese kann nur allgemeine Tipps geben und dies auch für weitgehend organisch gesunde Kinder. Ihr Fall liegt einfach anders. Das heißt aber nicht, dass es "hoffnungslos" für Sie aussieht oder Sie ein besonders schlimmer Fall sind. Es heißt nur, dass es verantwortungslos wäre ohne enge medizinische Begleitung zu agieren. Über die Prognose kann ich an diese Stelle nichts sagen, außer dass sie allgemein sehr gut ist, sofern man eben auch rechtzeitig behandelt.

Was ich Ihnen aber - außer dem Rat, sich schnell Hilfe zu holen - konkret an die Hand geben kann, sind ein paar Tipps, die allgemeiner Natur sind. Mehr davon finden Sie hier unter dem Stichwort "Tipps Schreibaby":

- benutzen Sie bei Brüllattacken Ohrenstöpsel und / oder Kopfhörer, dann können Sie selbst ruhiger bleiben.
- nehmen Sie sich den Druck, dass Schreien durch Ihr Handeln abstellen zu können. Sie brauchen nicht die xte Methode, das xte Wundermittel. Begleiten Sie Ihr Kind im Schreien und tun Sie dabei so wenig wie möglich. Einfach nur da sein, daneben liegen / Hand auf den Bauch etc.
- Vermeiden Sie Überstimulation / Überreizung durch zu viele, wechselnde Beruhigungsmethoden und bleiben Sie bei einer Sache.
- Verzichten Sie auf stundenlanges Autofahren und Tragen als Einschlafhilfe
- Sorgen Sie für Struktur, Struktur, Struktur und immer wiederkehrende Abläufe.
- jede Verhaltensänderung braucht Zeit! D.H. bevor Sie nicht eine Sache ca. 14 Tage ausprobiert haben, können Sie nicht sagen, ob Sie funktioniert. Bleiben Sie also am Ball, auch wenn sich nicht gleich etwas tut und springen Sie nicht von einer Maßnahme zur nächsten!
- Denken Sie daran: weniger ist mehr!

Und immer wieder: nutzen Sie alle Möglichkeiten zur Entlastung und Unterstützung. Geht nicht gibt es nicht! Wenn Ihre Familie nicht weiterhelfen kann, Sie sich keine Haushaltshilfe / Babysitter leisten können gibt es genug Hilfsangebote von Vereinen oder der öffentlichen Hand (Frühe Hilfen, Kinderschutzbund, Jugendamt). Diese sind für alle Familien zuständig, nicht nur für die, die man üblicherweise aus einschlägigen TV-Formaten kennt. Man muss sich nur trauen!

Ich drücke Ihnen allen ganz fest die Daumen, dass Sie schnell Hilfe finden! Dann werden Sie sehen, wird auch schnell wieder Licht am Ende des Tunnels sichtbar!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 27.11.2015, 22:34 Uhr

 
 
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