Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Unsicherheit und Erschöpfung

Liebe Frau Dr. Bentz,

ich wende mich an Sie mit einer Frage, die eigentlich nicht hier hin gehört. Jedoch hoffe ich, dass Sie mir trotzdem antworten, denn ich wüsste nicht, wo ich die Frage sonst stellen sollte.

Ich habe zwei Kinder. Meine Tochter wird im September drei, mein Sohn ist 5 Monate alt. Ich betreue die beiden zu Hause und habe Unterstützung von meinem Mann und der Oma.

Mir ist es sehr wichtig eine gute Mutter zu sein und ich orientiere mich stark an bindungstheoretischen Ansätzen, was u.a. daran liegt, dass ich selbst ein unsicherer, selbstzweifelnder und selbstkritischer Mensch mit Hang zum Perfektionismus bin und das meinen Kindern nichtmitgeben möchte. Zudem traue ich meinem Bauchgefühl nicht. Die Bindungstheorie funktionierte gut mit einem Kind und ich hatte alles im Griff und hatte viel Zeit, Geduld und Verständnis für meine Tochter. Geschrei gab es kaum.
Seit der Geburt meines Sohnes läuft es nicht mehr wie aus dem bindungstheoretischen Lehrbuch...beziehen Sie ihre Tochter in die Pflege mit ein und sorgen Sie dafür, dass der Vater viel Zeit mit ihr verbringt, dann gibt es keine Eifersucht....ätsch Pustekuchen. Und was ist wenn meine Tochter lieber Zeit mit Mama verbringen will? Was ist wenn Mama das Baby schnell anziehen, wickeln, baden,...muss, weil es schreit und Mithilfe dann schwer ist? Was ist wenn Mama so erschöpf ist, dass sie nicht liebevoll erklären will, warum man mit dem Bobbycar nicht gegen Türen fährt? Was ist wenn...?
Ich komme an meine Grenzen mit diesem Ansatz, deshalb habe ich soooo oft ein schlechtes Gewissen, dass Gefühl Schuld an allem zu sein. Denn momentan läuft es bei uns eher nach dem Motto "Einer schreit immer" und Mama rennt dazwischen kopflos hin und her.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich lieber in Ruhe meinen Kaffee trinken will, anstatt ein Buch dabei vorzulesen.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn mein Sohn weint, weil ich meine Tochter zuerst aufs Klo setzen muss. Ich habe ein schlechtes Gewissen bei beinahe jeder Tätigkeit und denke:"Also bindungstheoretisch war das gar nicht, ich verkorkse meine Kinder, wegen mir sind sie mal psychisch instabil!" Meine Intuition, meine Sicherheit, meine Orientierung, alles schwankt und wankt gewaltig. Ständig stelle ich mich und mein Handeln infrage und zweifle inzwischen schon daran, ob das zweite Kind eine gute Idee war, obwohl ich meinen Sohn sehr liebe!
Dann versuche ich mir Wissen anzulesen z.B. hier im Forum bei Dr.Posth und muss feststellen, dass ich vieles falsch mache und das Geschrei meiner Tochter, wenn derBruder schläft eigentlich mein Fehler ist...ich fühle mich erschöpft, ausgelaugt und habe den Eindruck ständig zu versagen. Wie haben das die Mutter früher ohne Uni-Abschluss gemacht und ohne Internet? Sind deren Kinder unter dem Deckmäntelchen des normalen Lebens alle psychisch krank? Und warum haben so viele Experten eine andere Meinung? Was stimmt denn jetzt?

Müde und orientierungslose Grüße
Nina

von nina229 am 11.07.2016, 20:03 Uhr

 
 

Antwort:

Unsicherheit und Erschöpfung

Liebe Nina229!

Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag! Ich denke, Sie sprechen vielen Lesern hier aus der Seele. Mit Ihrem Zweifeln, Ansprüchen und Unsicherheiten liegen Sie aber "ganz im Trend" (-;!

Schon länger wird in der Fachwelt das Phänomen diskutiert, dass Eltern immer besser informiert sind, doch gleichzeitig immer handlungsunfähiger. Auf der Suche nach klaren Antworten und Lösungen ohne Risiko wird ein Ratgeber nach dem anderen studiert ratlos von Spezialist zu Spezialist getingelt. Diese Expertenhörigkeit führt denn dazu, dass das Vertrauen in die eigene Kompetenz weiter sinkt, und sich das Gefühl einschleicht, man könne einfach nur versagen und seine Kinder für immer und ewig zu bin bindungsgestörten, drogenabhängigen Soziopathen machen.

Damit will ich nicht sagen, dass es falsch ist, sich umfassend zu informieren und hohe Erziehungsansprüche zu haben. Ich sehe die vielmehr als ein Zeichen, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt und zwar ziemlich einschneidend. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten komplett andere Erziehungsstandards und auch die Rollen von Eltern und Kindern wurden anders aufgefasst. Es ist gar nicht so lange her, da hat man Kinder auch aus Gründen der Altersvorsorge bekommen, weil es eben dazugehörte oder keine Verhütungsmittel verfügbar waren. Man musste Kinder noch nicht einmal lieben – sie waren eben da. Heute dagegen spricht man von Wunschkindern und dem Sinn, die einem die Begleitung eines Kindes gibt, aber auch Spaß und Freude soll man haben, miteinander wachsen und eine enge Bindung haben. Ein radikaler Wandel, und wie bei allen radikalen Innovation vollzieht sich so ein Prozess nicht reibungslos. Manchmal kommen wir mit unserem eigenen Tempo nicht mit, zwangsläufig können wir bei Neuerungen auf wenig Erfahrungen zurückgreifen und haben selbst vielfach anderes erlebt. Dis heißt aber dennoch nicht, dass wir auf dem Holzweg sind und eigentlich Ziele verfolgen, die unrealistisch sind.

Ich bin davon überzeugt, dass in unserer Gesellschaft Kinder durchaus besser aufwachsen als früher. 40% der Eltern geben laut heutigen Umfragen an, dass ihnen schon einmal die Hand ausgerutscht sei. Das ist immer noch zu viel, doch noch in den 1960er dürfte diese Frage nur Kopfschütteln hervorgerufen haben. Prügelstrafen galten dort vielfach noch als legitime und notwendige Erziehungsmethode, selbst an Schulen. Kurz: ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg, doch dieser ist halt steinig und weitaus anspruchsvoller als die Wege davor.

Wir stehen nun vor der Aufgabe, dass wir das Privileg, schnell auf umfangreiche Informationen zurückgreigen zu können und einen hohen Spezialisierungsgrad in der Gesellschaft zu haben, richtig nutzen und uns nicht selbst handlungsunfähig machen. Es braucht also ein Gegengewicht und dass sind Dinge wie Vetrauen auf die intuitive Elternkompetenz, Mut zur Lücke, ein gesundes Maß an Pragmatismus und eine gute Selbstfürsorge. Zu einer guten Eltern-Kind-Beziehung gehören nämlich immer zwei, und wenn sich der eine nicht wohl fühlt, sich aufreibt oder total aufgibt, so kann es nicht funktionieren. Zum Wohl des Kindes gehört daher immer auch das Wohl des Erwachsenen. Und da kommen wir zu einer großen Lücke vieler Ratgeber, die sich ausschließlich auf die Kindesentwicklung fokussieren. Doch auch Erwachsene machen als Eltern eine rasante Entwicklung durch, auch hier gibt es „entwicklungspsychologische“ Aspekte, wie etwa das Einfinden in die neue Rolle, die berücksichtigt werden sollten. Auch wir müssen abgeholt werden und gucken, wie wir uns trotz hoher Ansprüche nicht verbiegen und verstellen. Das kommt m. E. in den meisten Ratgebern zu kurz. D.h. wir stehen vor der schwierigen Aufgabe, für den Transfer zu sorgen und die Dinge in unseren Alltag zu integrieren. Dies erfordert meiner Meinung nach Kompromisse zwischen Ideal und Wirklichkeit, die immer wieder neu zu reflektieren und auszuhandeln sind. Und es erfordert auch eine Menge Mut: Mut, mal auf sich zu vertrauen, Mut, eigenen Wege zu gehen, Mut, Fehler zu machen und die Konsequenzen auszuhalten, Mut, sich eigenen Schwächen zu stellen und zu erkennen, wo man selbst Grenzen hat. Hölle anstrengend. Doch sicher lohnenswert!

Was also würde ich Ihnen raten? Um es schlicht zu sagen: Lassen Sie mal alle Fünfe gerade! Nehmen Sie den Druck raus. Es lauern nicht überall Gefahren und unverzeihliche Fehler. Es gibt nur wenig Schwarz-Weiß, sondern auch viel dazwischen. Für Kinder ist es nicht wichtig, eine Mutter zu haben, die wie ein bindungsorientierter Erziehungsroboter agiert. Sie brauchen authentische Reaktionen und Menschen mit Grenzen, Schwächen, Eigenheiten. Bindung bedeutet eben nicht Fehler- oder Konfliktfreiheit. Sie ist auch kein Weg zur allgegenwärtigen Glückseligkeit. Sie soll den Weg zur Selbständigkeit eben, also eben nicht daran, dass wir abhängig gebunden sind, sondern uns als freie, selbstbewusst entwickeln.
Wir Eltern sind allem voran vor allem eines: Vorbilder! Kinder lernen nicht am meisten durch Belohnen und Betrafen oder durch Methoden, sondern durch das Abgucken und selbst Ausprobieren. Was sollen sie lernen, wenn wir uns aufgeben, immer nur die pädagogisch korrekte Formulierung mit passend motivierendem Gesichtsausdruck zeigen? Sie lernen das, was Sie genau nicht wollen: das alles perfekt sein muss. Das Fehler, Streit, Schwächen schlimm sind und nicht vorkommen dürfen. Dass man selbst keine Grenzen haben darf. Oder sie erwerben den Anspruch, dass alle Welt sich nur auf Sie einstellt und können dann, wenn dies Mal nicht so ist, mit dieser Erfahrung nicht klarkommen. Ist es nicht genau das, was Sie vermeiden wollen?


Also, was ist daran schlimm, wenn Sie lieber mal ruhig Ihren Kaffee trinken, als ein Buch vorzulesen? Was lernen Ihre Kinder aus so einer Erfahrung?

A) Mama ist ein eigenständiges Wesen mit eigenen Interessen , Grenzen und Bedürfnissen (Perspektivenübernahme, Respekt, Empathie)
B) Ich kann es aushalten, auch mal zu warten (Frustrationstoleranz, Selbstregulation)
C) Ich kann mich auch mal allein beschäftigen (Selbstwert, Kontrollüberzeugung, Selbstregulation)
D) Es ist wichtig sich auch um sich zu kümmern (Selbstfürsorge, Resilienz)
E) Mama gibt mir Sicherheit, denn sie ist authentisch und sendet keine Doppel-Botschaften (Bindung, Selbstwert)
F) Es ist nicht schlimm, auch mal erschöpft und gestresst zu sein (Selbstregulation, Selbstfürsorge
G) Heute Abend gibt es wieder Kuscheln mit Mama und einem schönen Buch (Bindung, Urvertrauen)

Damit hätten Sie also nahezu alle wichtigen Meilensteine modernen Erziehung erledigt, und dass nur mit Kaffeetrinken! Ist doch ganz einfach!

Doch ernsthaft: ich denke, Sie wissen worauf ich hinaus will. Kinder brauchen Eltern. Keine Bindungstheoretiker oder Erziehungswissenschaftler. Sie sind doch eine tolle Person mit hohen Werten, Engagement, Einfühlsamkeit, Witz und Charme. Sie selbst können daher Ihren Kindern genau das vermitteln, indem Sie so sind, wie Sie sind. Akzeptieren Sie dabei, dass wir auch nur Menschen sind und unser Einfluss trotz aller Mühen nicht 100% liegt. Nicht immer wird alles klappen, manchmal heißt es sich durchwurschteln und Durststrecken zu überwinden, manchmal läuft was völlig schief. Doch auch dieser Erfahrungen sind wichtig und wertvoll, machen stark für Leben.


Und jetzt holen Sie sich bitte einen Kaffee!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 14.07.2016

Antwort:

Großartige Antwort Frau Bentz!

Vielen Dank Frau Bentz für diese schöne, ausführliche und tolle Antwort.

Liebe Grüße von einer stillen Mitleserin

von Sonja43 am 14.07.2016

Antwort:

Danke

Liebe Frau Dr. Bentz,

ich lese Ihre Antwort während ich meinen Sohn im Tragetuch schaukel,damit er sich geborgen fühlt, meiner Tochter Bilder aus einem Buch erkläre, damit sie sich nicht vernachlässigt fühlt,und lustige Tiergeräusche mache, damit beide was zu lachen haben.
Aber jetzt hole ich mir erstmal einen Kaffee und dann..
ruf ich beim Friseur an!!!
Vielen Dank für ihre mutmachende Antwort!

von nina229 am 14.07.2016

Antwort:

Unsicherheit und Erschöpfung

Hallo nina229.

Als erstes wollte ich Dir zu Deinem Mut gratulieren, hier Dein Herz auszuschütten.
Als zweites wollte ich Dir sagen, Du bist nicht allein. Es gibt viele da draußen, denen es ebenso geht.

Ich habe 3 Kinder und ich reagiere manchmal eben auch nur noch. Und hin und wieder gehe ich auch mal mit einem schlechten Gewissen ins Bett. Manchmal habe ich auch das Gefühl, die schlechteste Mutter der Welt zu sein.

Und dann gibt es wieder Tage, da ist es nicht so.

Wie habe ich das geschafft? Als erstes habe ich alle Ratgeber, die ich natürlich auch zu Hause hatte, entsorgt. Ich habe ebenso meine Ohren auf Durchzug gestellt, wenn wieder mal von allen Seiten gut gemeinte Ratschläge auf mich einprasselten.
Und ich habe angefangen auf meinen Bauch zu hören und darauf zu vertrauen, dass ich einen guten Instinkt haben.

Bei all den Verpflichtungen die wir in unseren Leben haben, ist es manchmal sehr schwierig alles unter einen Hut zu bringen. Aber es ist wichtig, dass Du anfängst auf Dich zu vertrauen. Du hast die Kraft das alles zu schaffen. Und das schaffst Du am besten, wenn Du Dir auch Freiräume schaffst. Auch mir fällt es immer noch schwer, meine Freiräume einzufordern. Aber es ist wichtig, damit Du die Kraft für den härtesten Job der Welt hast.

Wenn Du Dir Deine Freiräume geschaffen hast, dann wirst Du auch ruhiger und entspannter und sicherer werden. Und das wird sich auch auf Deine Kinder übertragen. Denn die merken wenn Du unsicher bist und steigern sich dann auch in eine Unsicherheit hinein.

Ich wünsche Dir alles Gute und Du wirst es schaffen.

von Schlotten am 14.07.2016

Antwort:

Großartige Antwort Frau Bentz!

Danke! Gern geschehen!

von Dr. Meike Bentz am 22.07.2016

Antwort:

Unsicherheit und Erschöpfung

Liebe schlotten,
ich habe deine Antwort erst jetzt gelesen, als ich nach einem furchtbar chaotischen Tag nochmal etwas Aufmunterung brauchte. Vielen Dank dafür:). Es ist schön zu hören, dass es anderen ähnlich ging.

Herzliche Grüße
Nina

von nina229 am 01.08.2016

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