Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Sonderbare Entwicklung ehem. Schreibaby

Liebe Frau Bentz,

ich bin Mama von 2 kleinen Jungs, 8 Monate und 26 Monate. Unser Kleiner ist problemlos. Unser "Großer" ist und bleibt unser Problemkind.

Er war ein typisches Schreibaby, brüllte ständig über Stunden, war nicht beruhigbar und nicht ablegbar. Dazu kam eine schwer juckende Haut und ein bis heute anstrengendes Temperament (ggf auch Hochbegabung- er kann bereits lesen und zählen, passierte ohne unser Zutun. Kennt ganze Bücher auswendig usw)

Ich bin damals schwer in die Depression gerutscht und war sicher auch nicht immer erzieherisch nach Lehrbuch, das ständige Gebrüll hat mich echt fertig gemacht. Dazu kamen Eheprobleme ("schlechte Mutter, da ich mein Kind nicht beruhigen könne") und viel Alleinsein im ländlichen Umfeld.

Nun zu meinem Problem: Unser Sohn führt sich leider massiv und gezielt auf. Er kann sich sehr gut äußern, greint aber (besonders wenn müde oder gelangweilt) genauso wie ein Baby vor sich hin oder steigert sich und brüllt sogar bis zum Erbrechen. Dazu reicht eine Kleinigkeit aus. Ich werde da sehr wütend... zu sehr erinnert mich das an seine Schreizeit. Er ist da kaum beruhigbar und führt sich tierisch auf.

Gleichzeitig beobachte ich seit der Geburt des Bruders teilweise Regression. Er isst nur noch das selbe wie das Baby, will sehr oft auf den Arm und will beim Mittagsschlaf auf mir drauf liegen, sonst fährt er sich brüllend und plärrend bis zum Brechanfall hoch.

Ich bin mit den Nerven und leider auch der Geduld am Ende. Ist das eher ein erzieherisches oder ein psychologisches Problem resultierend auf unserer angespannten Schreizeit? Haben Sie mir einen Rat?

P.S. Der 'Große' hat im 6. Monat der SS seinen Zwillingsbruder verloren. So esoterisch sich das auch anhört - aber kann das Schreien darauf fußen? Ich habe mir überlegt, ob seine derzeitige Art "es genauso wie das Baby zu machen" vielleicht ein Nachholen seiner Zwillingsphase sein kann, dass er also mit dem Baby in der Entwicklung nochmal mit läuft....

Es grüßt Sie recht herzlich aus NRW,

Sandra mit Nils und Fynn

von 2Kerlchenundich am 02.03.2016, 13:16 Uhr

 
 

Antwort:

Sonderbare Entwicklung ehem. Schreibaby

Liebe Sandra!

vielen Dank für Ihren Bericht und Ihre offenen Worte! Es ist ungemein hilfreich, wenn Mütter so geradeaus reden und zwar nicht nur für sie selbst sondern für alle anderen Leser!

Nichtsdestotrotz ist Ihre Geschichte natürlich keine Bilderbuchgeschichte. Sie haben ein Kind verloren, sind krank geworden und hatten ein Kind, was einfach nicht aufhören konnte zu schreien. Dass Sie da nicht immer eine Bilderbuchmama waren, ist einfach menschlich. Sie haben sich all diese Dinge schließlich nicht ausgesucht. Dennoch erscheinen Sie mir auch in der aktuellen Situation, gestärkt und sehr reflektiert. Viele Menschen sind gar nicht in der Lage, die Dinge die sie ansprechen, zu thematisieren oder überhaupt erst wahrzunehmen. Insofern haben Sie schon sehr viel geleistet.

Ob Ihre Vermutung, dass der Tot des Zwillings Einfluss auf Ihren Großen hat, kann ich nicht einschätzen. In der Wissenschaft ist längst nicht alles erforscht, was möglich sein könnte. Also warum nicht? Ich bin mir aber sicher, dass der Tod eines Familienmitgliedes immer das ganze System beeinflusst, selbst wenn ein Kind noch zu jung ist, um eine Verlusterfahrung wie diese ganz zu begreifen. Der Verlust Ihres Kindes hat ja schließlich auch Einfluss auf Sie gehabt und damit auch auf die Art und Weise, wie Sie mit Ihrem Kind in Interaktion getreten sind. Das dies unter den Vorzeichen nicht unbeschwert, gelassen und sicher sein konnte, versteht sich von selbst. Auch wenn es Ihnen schwerfällt: Schuld spielt dabei keine Rolle! Wir können als Eltern unser Bestes gebend, doch haben wir eben nicht alles unter Kontrolle - dazu zählen eben Schicksalsschläge und unsere eigenen Belastungsgrenzen.

Ich denke, einen Teil von Ihnen wird mir zustimmen, doch hängt diese Zeit Ihnen offenbar noch sehr nach. Bei alldem Stress ist es manchmal nicht einfach, die Zeit zu finden, sich der Aufarbeitung dieser schweren Zeit zu widmen. Ist man einmal im mühsam erkämpften Alltag angelangt, möchte man am liebsten keine Gedanken mehr an diese Dinge verschwenden. Jedoch verschwindet ein Schreibaby nicht so einfach aus den Köpfen. Sie selbst sagen ja, dass bei Ihnen sämtlicher rote Knöpfe aktiviert werden. Die Folge ist dann, dass auch sämtliche alten (Stress-)Reaktionsmuster aktiviert werden, obwohl sich die Situation geändert hat. Hier helfen Gespräche mit anderen Betroffenen, anderen Müttern, oder auch Therapeuten.

Ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen eine Familientherapie bzw. Erziehungsberatung gut tun würde. Nicht, weil ich Sie für inkompetent halte, doch Interaktionsmuster, wie Sie sich beschreiben, entwickeln oft eine Dynamik, die ohne Blick von außen sehr verfahren werden kann. Gerade angesichts Ihrer Historie und den Herausforderungen, vor die Ihr Sohn (wenngleich unabsichtlich) stellt, ist es wichtig, dass Sie gestärkt werden und Sicherheit erlangen. Sicher machen Sie schon vieles richtig, aber merken es nicht. Sicher macht auch Ihr Sohn vieles ganz toll, doch das gelangt in den Hintergrund. der Fokus liegt eben derzeit auf Problemen und so wird auch alles durch die Problembrille betrachtet. Man ist ständig in Alarmbereitschaft und erwartet schon mit Schrecken die nächste schwierige Szene und schafft damit auch Tatsachen.

Die Klugheit Ihres Sohnes gibt dem ganzen natürlich noch eine besondere Schärfe. Von einem derartig intelligenten Kind erwartet man natürlich auch mehr. Doch Intelligenz bedeutet nicht automatisch auch emotionale Reife. D.h. ein Kind kann sehr sensibel und clever sein und trotzdem Schwierigkeit haben, sich selbst zu regulieren. Von außen wirkt das wie ein "Nicht-Wollen", Mutwille oder Provokation, in Wirklichkeit ist dies aber ein Nicht-Können, Überforderung oder die Maskierung von anderen Gefühlen wie etwa Angst. Wütend sein ist halt weniger bedrohlich als Angst, und wenn ein Kind sich ohnmächtig fühlt, ist "Angriff" eine Möglichkeit, sich wieder wohler zu fühlen. Bei uns Erwachsenen ist das nicht anders. Wenn wir wirklich einmal die Dinge hinter unser Wut betrachten, stoßen wir häufig auf Dinge wie Angst, Kränkungen, Minderwertigkeits- und Schamgefühle, sowie die Furcht vor Kontrollverlust. Dies alles kann man wissen und trotzdem in einer Situation festgefahren sein. Hier ist Hilfe von außen - in welcher Form auch immer - wichtig, um Teufelskreise zu durchbrechen.

Davon unabhängig würde ich Kontakt zum Verein für Hochbegabtenförderung aufnehmen, um sich fachgerecht zu diesem Thema beraten zu lassen. Ein Kind, was mit 26 Monaten lesen kann, gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit zu diesen speziellen Menschen und bedarf eben auch eines speziellen Umgangs. Eine Hochbegabung ermöglicht zwar auch viele Dinge, doch sie kann im Sozialen auch behindern.

Das sind sicher nicht die Erziehungstipps, die Sie vielleicht erhofft haben. Doch meiner Philosophie lautet, dass erst der Weg über ein besseres Verständnis des Kindes sowie der eigenen Psyche gegangen werden muss, damit Erziehungsfragen erfolgreich bearbeitet werden können. Seien Sie daher weiterhin achtsam mit sich, stellen Sie sich Ihren Gefühlen und nutzen Sie deren Informationswert. Gleichsam sollten Sie dies auch Ihrem Sohn erlauben. Die Botschaft sollte dabei sein: "Ich liebe dich, auch wenn du wütend bist." Und das bitte auch zum eigenen Spiegelbild...

Ich wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin die Kraft, die Sie brauchen!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 07.03.2016

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