Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Schreibaby und Geschwisterkind

Hallo Frau Bentz,
mein Sohn ist knapp 7 Wochen alt und meine Tochter 24 Monate. Wir haben unsere Tochter durch viel Erzählen und Bücher auf das Baby vorbereitet. Sie hat das während der SS ganz gut verstanden und weiß, dass er vorher in Mamas Bauch war und liebt ihr kleines Brüderchen.
Leider schreit der Kleine, seitdem er ca 14 Tage alt ist, unheimlich viel. Er ist von 7 Uhr bis ca 23 Uhr unruhig mit kurzen Schlaf- oder Dösphasen. Für länger als 20 Minuten kann man ihn nicht weglegen, oft über Stunden nur für 5 Minuten, in denen es den Anschein machte, dass er tief schläft, und plötzlich schreit er wieder. Nachts schläft er recht gut 2x ca 4 Stunden im Beistellbett bei mir.
Das Problem ist, dass ich eben noch die "Große" habe, die ja auch noch klein ist. Sie muss gewickelt, angezogen und gefüttert werden. Sie war immer ein sehr problematischer Esser, kann noch nicht allein essen und reagiert auf Stress oder körperliches Unwohlsein sofort mit Essensverweigerung. Seitdem ich mit den Kindern allein zu Hause bin (4 Wochen) hat sie noch nicht einmal eine richtige Mahlzeit zu sich genommen. Außerdem zieht sie sich unheimlich in sich zurück. Sie ist sehr sensibel war aber immer ein fröhliches und glückliches Kind. Jetzt wirkt sie sehr traurig und in sich gekehrt, weil ich ihr nur die allernötigste Aufmerksamkeit schenken kann. Die Situation zu Hause ist sehr angespannt, von Familienidylle keine Spur. Meine Frage ist, wie bringe ich das unter einen Hut? Wie soll ich beiden gerecht werden? Ich muss doch auch mal die Große füttern, wickeln, mit ihr spielen, Essen kochen, mich selbst versorgen, Haushalt usw. Ich kann doch den Kleinen nicht von 7:30-23 Uhr auf dem Arm tragen?!

von Beate77 am 10.08.2015, 13:32 Uhr

 
 

Antwort:

Schreibaby und Geschwisterkind

Liebe Beate!

uff, willkommen im Club der "two under two" (na, ja, nicht mehr ganz)! Mein persönliches Mantra aus dieser Zeit: mit einem Jahr wird alles besser! Und: "einer schreit immer"

Das hat sich tatsächlich bewahrheitet, hilft aber Ihnen nicht weiter, also etwas sachlicher:

Es klingt hart, aber verabschieden Sie sich von der Idee, beiden Kindern jederzeit gerecht zu werden! Dies wird Ihnen nicht gelingen und es ist auch nicht notwendig. Bei zwei so kleinen Kindern ist einfach ein hohes Maß an Pragmatismus gefragt. Ihr Kleiner schreit, während Sie gerade die Große wickeln? Dann ist es so. Wickeln Sie zu Ende, sagen Sie " Mama ist gleich da" und fertig. Wenn Ihre Große gerade ein Buch lesen will, während Sie duschen? Duschen Sie zu Ende und sagen Sie ihr, dass Sie kurz warten muss. usw. usw. usw. Wie gut das geht, sehen Sie an Mehrlingseltern: da ist von vorneherein klar, dass nicht immer alles gleichzeitig geht.

Es ist nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wie sich das alles auswirkt, ob es Ihren Kindern schadet etc. Doch wichtig ist eines: Psychologisch sind die schwersten Folgen zu erwarten, wenn Sie als Mutter ausbrennen! Damit ist niemanden geholfen! Weg vom Perfektionismus gehört zum verantwortungsvollen Mutterseins dazu und hat nichts mit Egoismus zu tun! Kinder brauchen keine perfekten Eltern und permanente heile Familienidylle, das zeigen Arbeiten zum "good enough parenting" / "good enough mum" deutlich.

Ferner müssen und sollten Sie nicht alles allein machen! Holen Sie sich Unterstützung: für Haushalt, bei der Kinderbetreuung etc. Es gibt unendliche viele tolle Hilfsangebote, nur scheuen sich Eltern oft, diese anzunehmen. Gucken Sie dochmal bei dem Projekt wellcome oder den Frühen Hilfen oder fragen Sie Ihre Hebamme nach Vereinen, die junge Familien unterstützen, denn mit Ihrem kleinen Schreihals und Ihrer Großen haben Sie einiges zu stemmen. Gut fände ich auch professionelle Unterstützung bei Ihrer Großen. Aus der Ferne ist das schwer zu beurteilen, aber heikle Esser können die ganze Familie stark verunsichern. Sprechen sie mal mit Ihrem Kinderarzt und fragen dort mal nach Profis für Fütterstörungen nach. Nicht, dass ich hier blind was diagnostizieren will, aber Sie machen sich Sorgen und ich denke, es wäre hilfreich hier eine professionelle Einschätzung und einen Fahrplan zu haben.

Und denken Sie immer daran: auch wenn es schwerfällt: je ruhiger Sie bleiben, desto ruhiger werden Ihre Kinder! Wenn Sie ihnen vermitteln, dass zwar alles etwas anstregend und chaotisch ist, doch nicht Schlimmes passiert, hilft das. Sprechen Sie ruhig offen ("Mensch, das ist ja heute schwierig, aber wir schaffen das!" , oder "oh Mensch, jetzt weinst du auch, bin gleich bei dir!", "Oh, ich bin auch müde u.Ä.). Ihr Baby wird Sie nicht verstehen und Ihre Kleine auch nicht ganz, aber Ihren Tonfall sehr wohl.


Fazit: : die Menschheit wäre vermutlich schon ausgestorben, wenn wir immer alles perfekt und allein machen müssten!

Ich wünsche Ihnen, sich von falschen Idealen verabschieden zu können - das Chaos ist systemimmanent, also sollten wir uns dran gewöhnen und irgendwann auch möglichst viel Spaß daran haben (-;

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 10.08.2015

Antwort:

Schreibaby und Geschwisterkind

Hallo Beate77!

Ich lese hier mich vor anderthalb Jahren...und ich weiss so, wie es Dir geht.
Die Antwort von Frau Bentz ist super, nimm es Dir zu Herzen - Du kannst DIch immer nur um ein Kind zur Zeit kuemmern, oder auch mal um Dich selbst, Haushalt etc.
Ich habe das auch sehr lernen muessen und habe tatsaechlich Momente ( noch ), in denen ich denke, ich kann nicht mehr.
Ich leben im Ausland, und arbeite zusaetzlich noch seit einem Jahr wieder...
Aber ich kann Dir sagen, es wird besser! Und: Beide Kinder brauchen Dich, auch, besonders, Deine Grosse!
Ich kann Dir auch noch den Tipp geben, nimm Dir nicht zu Herzen, wenn Dir jemand vorwirft, dass Dein Kleiner mal weinen muss, weil Du gerade keine Haende frei hast. Bei 2 Kleinen geht es manchmal nicht anders.
Ich bin oft mit meinen Kindern abends alleine und gerade am Anfang war es oft sehr sehr schwierig.
Ich habe dann manchmal unsere Babysitterin eingeschaltet, die die Kleine dann spazierengefahren hat, damit ich unsere Grosse ungestoert ins Bett bringen konnte und ihr auch ungeteilte Aufmerksamkeit widmen konnte.
Es wird wirklich besser, aber ein wenig Eifersucht um Aufmerksamkeit wird bleiben, also - bleib relaxt - good enough parenting ist wirklich "good enough".

Viel Erfolg und Glueck!
Katrin

von NinnyM am 11.08.2015

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