Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Schreibaby Vorstellung

Liebe Goldammer,

vielen Dank für die netten Worte! Es ist immer schön zu hören, wenn meine Arbeit das erreicht, was sie soll - nämlich ein Forum für die Eltern zu bieten, in denen Ihre Sorgen und Nöte ein Gehör finden und kein Tabu sind.

Ich finde daher auch Ihren Satz, dass Sie manchmal schon eifersüchtig auf andere Eltern reagieren, wenn diese mit ihren scheinbar pflegeleichten Babys sehen, sehr schön und danke für die Offenheit! Ich denke, es geht vielen Eltern von Zeit zu Zeit so - mir auch! Ich erinnere mich noch daran, dass ich mir bei meinem sehr entdeckungs- und lauffreudigen Ältesten immer gewünscht habe, er würde mal ohne Protest an der Hand gehen. Nun, an der Hand geht er mittlerweile, aber nur mit seinem kleinen Bruder, weil er sich zum Aufpasser ernannt hat...

Ich denke, der neidische Blick auf die anderen Eltern ist irgendwie "systembedingt" , weil wir uns auf der Suche nach Orientierung eben vergleichen - besonders wenn was nicht gut läuft.

Neid finde ich daher nicht verwerflich, aber anstregend. Im Grund vergergen sich dahinter zwei Dinge:
a) den Wunsch, dass auch mal etwas einfach klappt / unkompliziert ist
b) Scham, weil das Kind in der Öffentlichkeit nicht so funktioniert wie man es gern hätte

Sich dies bewust zu machen, hilft manchmal schon, nicht in eine Spirale aus wechselseitiger Anspannung zu kommen. Konkret: erlauben Sie sich Gedanken wie "Ich bin jetzt erledigt, bitte nicht schon wieder, ich möchte endlich meine Ruhe..." Die Babyzeit fordert uns Eltern eine Menge ab, wir leisten sehr viel! Wir haben also auch ein Recht darauf auch mal erschöpft, müde, genervt oder frustriert zu sein. Das ist kein Zeichen mangelnder Liebe, gestörter Bindung oder mangelnder Belastbarkeit. Manche Eltern glauben einfach, dass Sie permanent glücklich, dankbar oder ausgeglichen sein müssten, damit ihr Kind sicher gebunden aufwachsen kann. Doch für eine gute Eltern-Kind-Beziehung Bindung ist es nicht erforderlich, dass wir permanent mit einem Grinsen im Gesicht rumlaufen. Unsere Aufgabe ist es als Eltern, Wege zu finden, wie wir mit unserer Erschöpfung umgehen, um nicht auszubrennen, wie wir unsere Agressionen so kanalisieren, dass sie nicht Grenzen überschreiten, und wir wir trotz aller Sorge ums Kind uns nicht völlig vergessen.

Das Thema Scham, weil das Kind so anders erscheint, lässt sich dagegen gut durch viel Kontakt zu anderen Eltern auflösen, die offen auch über problematische Aspekte des Elternseins sprechen. Auf diese trifft man - wenn nicht im eigenen Bekannten- und Freundeskreis - auch in gut geleiteten Babykursen, PEKIPGrupppen etc. Ich rate deshalb besonders den Eltern mit Schreibabys, sich nicht zu isolieren und sich auch mit einem brüllenden Baby raus zu trauen. Natürlich wird man auch den ein oder anderen bösen Blick oder xten Ratschlag hören, doch auch sehr viel Verständnis ernten. Wenn bis zu 25% aller Säuglinge in den ersten drei Monaten exzessiv schreien, haben ja noch mehr Eltern diese Schwierigkeiten.

Doch nun zu Ihrer Frage:

Laut Ihren Beschreibungen kann es wirklich sein, dass Ihr Kleiner wirklich ein ausgeprägtes Ruhe- und Schlafbedürfnis hat. Ich sage es im Forum immer wieder: es gibt keine allgemeingültige Regeln, wieviel ein Kind in welchem Alter schlafen muss! Die Bandbreite ist enorm und es gibt Kinder im Alter Ihres Sohnes, die täglich mehr als 16h Schlaf brauchen. Es ist also - sofern der Kinderarzt keine organische Ursache für dieses Schlafbedürfnis findet - nicht pathologisch oder "abnorm", wenn Ihr Kind so viel schlafen muss. Ihre Vermutung - das rasante Wachstum - könnte ja tatsächlich ein Grund sein. Auf das Schlafbedürfniss haben wir Eltern keinen Einfluss - wir können es weder "erziehen" noch gibt es Präventionsmaßnahmen. Damit müssen wir leben und einen möglichst guten Kompromiss zwischen kindlichen, elterlichen und situativen Bedürfnissen finden.

Die Frage wäre also, wie Sie dem Ruhe- und Schlafbedürfnis entsprechen können, ohne 24-h auf dem Sofa liegen zu müssen. Mal abgesehen davon, dass man dies mal als eine kurze Kur vielleicht druchaus tun könnte, hatte ich folgende Empfehlungen:

Wenn Ihr Sohn sehr viel Ruhe braucht, ist es wichtig, in nicht durch noch mehr Reize zu beruhigen. Sprich, Sie sollten möglichst auf Pezziball und Staubsauger verzichten. Dies lenkt Ihren Sohn zwar kurzfristig ab, doch langfristig überreizt es ihn noch mehr. So eine Umstellung wird nicht leicht. Sie können es sich wie einen Drogenentzug vorstellen - doch ihr Kind braucht eben Ruhe, Ruhe und Ruhe - nur dass er es noch nicht weiß (-;

Konkret: Überlegen Sie sich, was ein guter Weg sein könnte. Tagsüber ein paar Trageeinheiten im Tuch / Tragehilfe finde ich gut, weil dort gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden können: nämlich Nähe und Hände frei haben. Auch wenn Ihr Kind sich zunächst zu wehren scheint. Hier ist Geduld gefragt. Ihr Kind muss sich erst ans Tragen gewöhnen und die Erfahrung machen, dass er so entspannen kann. D.H. wenn ihr Kind schreit, bitte aushalten und am Ball bleiben. Mindestens 14 Tage lang immer wieder zu möglichst festen Zeiten versuchen, damit er lernt, was ihn erwartet. Wenn er sich einschreit, dann halt nach einer Weile raus, doch dann wieder beim nächsten Mal erneut versuchen usw. usw. Der häufigste Fehler den Eltern machen ist, dass Sie immer mal wieder was versuchen, es dann wieder aufgeben, was neues bieten, dann mal wieder probieren etc. Doch Verhaltensänderungen brauchen Zeit! Denken Sie einmal daran, wieviel Zeit Sie mit Dingen verbracht haben, von denen Sie eigentlich los wollen... und wie wenig mit Dingen, auf die Sie eigentlich hinarbeiten wollen.

Ähnliches gilt für das Schlafen in der Waagerechten (Bett oder tagsüber Kinderwagen) Auch hier ist Geduld und Konsequenz gefordert. Wenn Ihr Kleiner brüllt,legen Sie die Hand auf ihn oder sprechen Sie leise, doch geben Sie nicht gleich auf. Es lohnt sich! Das Schreien ist nämlich nicht immer gleichzusetzten mit "Nicht-Wollen", sondern auch ein Zeichen von Irritation aufgrund des Neuen.

Wichtig ist bei allem, was Sie machen, dass Sie selbst von Ihrem Handeln überzeugt sind und Ihrem Kind die Ruhe und das Vertrauen schenken können, die es braucht. Hier kommen wir dann eben wieder zu den oben genannten Punkten, dass es eben nicht egoistisch ist, auch für sich zu sorgen und zu gucken, wie man Unterstützung und Entlastung erfahren kann.

Auch Loslassen von vermeintlichen Idealen gehört dazu. Sie haben eine harte Zeit- na und? Sie haben es sich sicher nicht ausgesucht! Wenn Sie sich stressen, weil Sie Stress haben, nützt das niemanden was.

Und zu guter Letzt, auch Sie werden sicher mal beneidet werden, weil Ihr Kleiner so gut gedeiht, weil er etwas besonders gut oder schnell kann! Mit 12 Wochen haben Sie ja schon die ganz schlimme Zeit überstanden, so dass die Momente der ungetrübte Freude auch mehr werden.

In diesem Sinne, alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 06.11.2015, 11:17 Uhr

 
 
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