Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Schlafprobleme - Bindung?

Liebe Frau Bentz,

zunächst einmal Danke, dass Sie in diesem Forum Mühe und Freizeit investieren um Eltern Hilfestellung zu leisten! Chapeau!

Ich befürchte etwas weiter ausholen zu müssen, um meine Frage beiden Fragen vernünftig stellen zu können.

Meine Kleine ist 8 Monate alt. Gestillt, gut entwickelt, Schreibaby in den ersten 3 Monaten. Sie war von äußeren Reizen immer sehr schnell überfordert und schreckhaft. Ich habe sie 2 bis 4 Std. tgl im Tuch getragen und sie so immer wieder zur Ruhe gebracht. Auch heute ist sie noch sehr sensibel, erschrickt sich, wenn jemand hustet oder die Nase putzt und kommt nur dann zur Ruhe zum Einschlafen (mittags, wie abends) wenn ich sie von allem interessanten abschirme und stillend, tragend, schaukelnd oder im Kinderwagen in den Schlaf begleite.
Als sie noch ganz kleine war, hat sie sich in den Schlaf gebrüllt - auf unserem Arm und hat nur schwer zur Ruhe gefunden, obwohl wir alles versucht haben. Alleine gelassen wurde sie aber nie. Wir haben sie immer getragen. Bis sie 3,5 Monate alt war hat sie durchgeschlafen und dann fingen unruhige Zeiten an. Wohl, durch das vermehrte Wahrnehmen ihrer Umwelt, schätze ich. Seither schläft sie ab und an mal 5 bis 7 Stunden am Stück, zumeinst wird sie jedoch alle 2 bis 4 Stunden wach.
Sie schläft im Familienbett und bis vor kurzem konnte ich sie einfach an mich ran ziehen, sie umarmen und schon war sie wieder weg. 1x haben wir meistens auch noch gestillt.
Seit ein paar Wochen geht das nicht mehr. Sie wird wach und ist dann unruhig, findet kaum wieder zurück in den Schlaf oder schläft ganz oberflächlich und quakt alle paar Minuten. Kein Körperkontakt, kein Stillen, manchmal nicht einmal umherlaufen, das hilft. Ich versuche immer geduldig und liebevoll mit ihr umzugehen. Ich kann aber nicht lügen - es kam schon vor, dass ich geflucht habe und sie ungeduldig auf den Arm genommen hab.
Sie schläft von abends 8 bis morgens 8. Zuätzlich vormittags eine halbe Stunde und nachmittags eine halbe bis 2 Stunden. Immer wenn sie müde wird, versuche ich ihr die Möglichkeit zu geben ein Nickerchen zu machen. Haben Sie eine Idee was unser Problem sein könnte? Sie isst 3 volle Breimahlzeiten und wird zusätzlich gestillt. Wobei sie die Brust nur nimmt, wenn sie einschlafen möchte - also einmal vormittags und zur Nacht hin. Ist sie wach, ist sie zu aufgedreht und hat keine Ruhe zum stillen - sei der Hunger noch so groß.


Meine 2. Frage brennt mir eigentlich noch viel mehr auf der Seele. Ich mache mir unheimliche Gedanke um die Qualität unserer Bindung. Vielleicht können Sie mir hierbei helfen?
Ich betreue die Kleine mehr oder minder alleine. Die Großeltern wohnen mehrere Autostunden entfernt und mein Mann arbeitet 12 h tgl.
Meine Tochter fremdelt stark, gerät manchmal geradezu in Panik (wenn zu viele Fremde auf einmal was von ihr wollen). Dann drückt sie sich an mich und beruhigt sich dann, wenn ich etwas aus der Situation mit ihr raus gehe - was ich immer tue.
Ich habe sie nie schreien lassen - höchsten mal ein bisschen meckern, wenn sie noch nicht abgesetzt werden wollte, ich aber zB. was kochen musste. Aber ich glaube das ist der normale Umgang?
Seit ein paar Wochen entdeckt sie ihren Papa, den sie zuvor nicht als gleichwertig akzeptiert hat. Mittlerweile kommen die beiden top zurecht. Wenn ich mal für eine Stunde einkaufen bin, sagt mein Mann auch, sie hätte mich gesucht und sei erst wieder voll aufgeblüht, freudig und entspannt, nachdem ich wieder heim kam. In dieser spezifischen Situation hat sie sich auch sehr gefreut, mich zu sehen. Sonst freut sie sich nicht immer, wenn ich wieder ins Zimmer komme.
Wenn sie abends quengelt, will sie zu mir auf den Arm, bei Müdigkeit. Wenn sie sich weh tut ist es allerdings meistens so, dass ich sie sofort hoch nehme und versuche zu trösten - sie schmiegt sich dann ganz kurz an mich, je nach Schmerz oder Schrecken nur für wenige Sekunden oder auch etwas länger, dann kommt es aber vor, dass sie sich im meinem Arm wegdreht nach außen und noch ein bisschen wie aus Wut oder Ärger schreit. Dann beruhigt sie sich und ist wieder gut drauf. Insgesamt ist Trösten immer sehr schnell erledigt. Nur dieses Wegdrehen verunsichert mich. ÄRgert sie sich über mich oder vllt. einfach darüber, dass sie sich weh getan hat und der eigentlichte Trost, den sie brauchte hat schon funktioniert und ist vorbei?
Gerade sind wir bei meinen Eltern zu Besuch und die Kleine genießt ihre Oma. Wenn ich sage "genießt", meine ich damit, dass ich völlig abgeschrieben bin. Wenn Oma aus dem Zimmer geht, wird teilweise sogar losgeweint, sobald sie ins Blickfeld kommt, strahlt man. Ist sie auf meinem Arm und Oma spricht sie kurz an, will sie zu ihr.
Ist das normal? Die Oma macht ständig den Clown für sie und spielt und spaßt und ist eine richtig tolle Oma (keine Frage!). Aber eigentlich kennen die beiden sich nicht wirklich gut. Durch die weite Distanz sehen sie sich alle 4 Wochen etwa für ein paar Tage.
Sagt diese Oma-Fixierung etwas über meinde Bindung zu meiner Tochter aus? Insbesondere da die Kleine noch so jungt ist? Ich habe wirklich das Gefühl ersetzbar zu sein. Gestern Abend hat sie sich den Kopf gestoßen und ihre Oma hat sie hoch genommen. Ich bin dann sofort hin und habe mich angeboten und sie wollte zu mir. Ich bin mir aber nicht sicher: fast glaube ich Oma hätte genauso gut trösten gedurft.
In Gesamtzusammenschau: glauben sie, dass wir eine sichere Bindung haben? Mir ist bewusst, dass auch eine unsichere Bindung keine Pathologie beinhaltet und auch weiterhin in eine sichere übergehen kann - trotzdem mache ich mich schlicht und ergreifend richtig verrückt. Ich will meiner kleinen alles geben, was sie braucht und wäre untröstlich, wäre es mir nicht gelungen eine sichere Bindung zu ihr aufzubauen - insbesondere, da ich gar nicht weiß, was ich noch anders machen könnte, um ihr in Zukunft mehr Sicherheit zu geben.

Bitte entschuldigen Sie diesen ewig langen Text - sie merken: ich bin wirklich etwas "verzweifelt".

Herzlichst und mit viel Dank im Voraus,
Enigma

von Enigma am 27.04.2016, 13:17 Uhr

 
 

Antwort:

Schlafprobleme - Bindung?

Ich möchte noch hinzufügen, das insbesondere ihre Einschätzung bezüglich der Bindung wirklich wichtig für mich ist. Diese extreme Zuneigung zu ihrer Oma verunsichert mich ungemein und führt dazu, dass ich mich wirklich zusammenreissen muss um nicht eifersüchtig oder besitzergreifend zu werden oder wirken. Ich hoffe einfach, dass das mit der Bindung gar nichts zu tun hat und absolut normal ist.
Nochmals dankeschön und viele Grüße

von Enigma am 27.04.2016

Antwort:

Schlafprobleme - Bindung?

Hallo Enigma,
Ich bin zwar nicht Frau Benz aber antworte trotzdem mal. Also so wie ich das sehe habt ihr eine tolle Bindung. Du bist den ganzen Tag bzw. die ganze zeit alleine mit deiner Maus. Das ist toll das du sie hast noch nie schreien lassen. Meine Tochter hat nie viel geweint und wenn dann hab ich alles getan das es ihr an nix fehlt. Und wenn nix ging hatte ich sie auf dem Arm. Sie schläft auch bei uns im Familienbett. So wie es klingt scheinst du deine Tochter nicht los lassen zu wollen und auch gebraucht werden scheint für dich wichtig zu sein. Mir fiel es auch schwer als ich meine kleine ab November 15 in die Krippe geben musste. Aber ich habe vertraut und uns Zeit gelassen. Und meine kleine hat mich gestern auch fast gar nicht gebraucht. Sie war mit Oma und Opa und Papa ständig unterwegs. Das ist doch aber super da kannst du mal Pause machen. An deiner Stelle würde ich mir keine Sorgen machen. Du hast alles richtig gemacht und ihr habt eine super Bindung. Du musst nur lernen die kleine etwas los zu lassen. Und eifersüchtig musst du auf niemanden sein. Denn die kleinen wissen genau wer Mama und Papa sind und ihr werdet immer die wichtigsten Menschen für euer Kind bleiben. Und die Maus weiss bei euch ist auf Mama und Papa ist verlass... Also genießt die Zeit mit der Maus. So schnell sind sie gross. Lg

von Orchidee1986 am 06.05.2016

Antwort:

Schlafprobleme - Bindung?

Liebe Enigma!

ich muss meiner Orchidee zustimmen. Aus meiner Sicht ist an dem Verhalten Ihrer Tochter überhaupt nichts abzulesen, was auf eine schlechte Mutter-Kind-Bindung hindeuten würde. Im Gegenteil!

Die Beziehungen zu Ihnen und Ihrer Mutter sind zwei verschiedene Dinge. D.h. man kann Menschen unabhängig voneinander lieben oder ablehnen. Würde Ihre Kleine Ihre Mutter ablehnen, hieße das also nicht, dass automatisch eine gute Mutter-Kind-Bindung vorliegt u.U. Kinder können schon sehr früh zwischen verschiedenen Bindungspersonen differenzieren. Auch Sie sind ja in der Lage, die Qualität von Beziehungen unabhängig voneinander zu gestalten. Sie können mit einer Freundin Essen gehen und die anderen gleichzeitig trotzdem genauso gern mögen. Oder Sie haben mit Ihrer Mutter Streit und lieben trotzdem Ihren Mann.

Es ist normal als Mutter manchmal auf die nicht ganz gerecht erscheinende Verteilung von Zuneigung eifersüchtig zu reagieren. Mich hat es bei meinem Ältesten auch extrem gestört, dass ich ständig "Wo Papa is?“, "Papa holen", Papa soll das machen" gehört habe - schließlich habe ich mich den ganzen Tag abgerackert. Doch in diesen Dimensionen denken Kinder nicht und ganz sicher ist die Zuneigung zu einer anderen Person kein Liebesentzug oder Zeichen von Ablehnung! Andere Menschen sind einfach interessant und Papa und Oma eben die weitaus größere Sensation. Außerdem gehört zu einer sicheren Bindung dazu, dass nicht nur gelächelt wird, sondern auch negative Emotionen ausgedrückt werden. Ein unsicher gebundenes Kind würde so etwas eher vermeiden oder ambivalent reagieren, da es eben nicht weiß, wie die Bindungsperson reagiert. Lächeln oder allgemein positiver Ausdruck sind beim Aufbau von Beziehungen wichtig, das Anlächeln von weniger bekannten Personen (Oma, Papa) dient also dazu, die Bindung zu festigen und stellt zusammen mit dem Kindchenschema einen Schutzmechanismus dar. Und davon unabhängig ist Ihre Tochter noch sehr jung und beginnt gerade erst, innere Vorstellungen von sozialen Beziehungen (interne Arbeitsmodelle) zu entwickeln. Bindung ist kein fixer Status quo, sondern hoch dynamisch. Keinesfalls ist eine gute Bindung gleichzusetzen mit Friede-Freude-.Eierkuchen. Eine gute Bindung soll ja schließlich die Basis für selbstständiges Explorieren bieten, zur Bindung gehört also Loslassen, Konflikt und Distanz, ebenso wie Nähe, Zuverlässigkeit und Feinfühligkeit.

Also, von dieser Seite sehe ich kein Problem. Dennoch können solche Gedanken zur "fixen Idee" werden und manchmal steckt hinter solchen Fragen mehr. Die Angst, verlassen zu werden, nicht geliebt zu werden etc. Provokant gefragt: Was ist denn wirklich so schlimm daran, wenn Ihre Kleine sich von Oma bespaßen lässt? Und selbst wenn Ihre Tochter sie mal wirklich doof findet ( und das wird Sie wenn sie sich gesund entwickelt!) - was macht es Ihnen so schwer, das zu ertragen? Es gibt nicht nur unsicher gebundene Kinder, sondern auch unsicher gebundene Eltern...

Das eigene Elternsein führt uns immer auch wieder an die eigene Kindheit zurück. Für mich wäre es daher möglicherweise sinnvoll, sich Ihren Ängsten und Sorgen zu widmen.
Das kann ein Forum wie dieses jedoch nicht leisten. Auch in Anbetracht der vorangegangenen Frage würde ich Ihnen daher empfehlen, sich an Kollegen vor Ort zu wenden, um mal eine neutrale Einschätzung zu bekommen. Nicht, weil ich Sie für inkompetent oder Ihre Kleine für gestört halte, sondern weil ich denke, dass Ihnen ein Blick von außen helfen könnte, Sie in einem natürlichen Umgang mit dem Kind zu stärken. Ständige Selbstzweifel und Grübeleien sind keine guten Erziehungsratgeber, vor allem, wenn Sie im Alltag eben sehr viel allein mit Ihren Themen sind. Wenn Sie sich in diesem Forum umgucken, werden Sie feststellen, dass vielen Eltern so ein schwerer Start auch nach Überwindung der ersten Schwierigkeiten noch nachhängt, Fragen wie, "warum verhält sich mein Kind so, ich habe es doch nie schreien lassen?", "was habe ich falsch gemacht?", "ist das noch normal?" werden hier oft gestellt, was den hohen Leidendruck zeigt.
Sicher gibt es Kinder, die immer schon ein wenig sensibler, empfindlicher oder - wie man so sagt - mit einem „schwierigen Temperament“ versehen sind. Allerdings kann die Meinung, man habe so ein Kind (ob nun richtig oder falsch) dazu führen, dass man diese Realität weiter verfestigt, etwa wenn man nach den ersten schlimmen Monaten Schuldgefühle hat und diese durch übermäßige Fürsorge kompensieren will oder wenn man aus Angst, das Schreien könnte wieder beginnen, ein Kind in Watte packt und die Entwicklung vom Säugling zum Kleinkind verpasst. Auch das Thema Bindung spielt natürlich immer wieder eine Rolle, den in Familien mit exzessiv schreiende oder unruhige Säuglingen sind /waren entspannte Stunden rar und es fehlte an positiven Signalen des Kindes, die den Eltern Sicherheit geben. All das ist jedoch nicht in Stein gemeißelt und bedeutet nicht, dass ein Kind in den Brunnen gefallen ist. Wichtig ist es jedoch einen Gegenfokus zu den Schwierigkeiten zu setzen, damit sich nicht immer alles nur krampfhaft alles um Schlafen, Essen, Stillen und Co. dreht, sondern auch die Dinge erkannt werden, die gut laufen und die Momente die unbeschwert sind, genügend Aufmerksamkeit bekommen (und damit auch verstärkt werden). Mütter, die isoliert sind und wenige Unterstützungsmöglichkeiten haben, haben es da oft schwerer allein herauszukommen, denn dafür sind Ruhepausen, geteilte Verantwortung, Feedback von Partnern und babyfreie Stunden eben wichtig.

Fazit: ich bin überzeugt, dass Sie eine gute Mutter sind. Doch darauf kommt es nicht an. Solange Sie dies nicht selbst glauben, werden Sie völlig „normale“ Probleme auch immer wieder in die Richtung Ihrer Zweifel begründen. Um dauerhaft eine sichere Bindung zu seinem Kind aufzubauen, kann es daher erforderlich sein, dass man lernen muss, sich selbst liebevoller zu betrachten.

Dafür wünsche ich Ihnen alles Gute,

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 10.05.2016

Die letzten 10 Beiträge
Mobile Ansicht

Impressum Über uns Neutralitätsversprechen Mediadaten Nutzungsbedingungen Datenschutz Forenarchiv

© Copyright 1998-2022 by USMedia.   Alle Rechte vorbehalten.