Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Schlafgewohnheiten verbessern?

Meine Kleine ist nun sechs Monate alt. Ich stille voll. Mein Problem ist, dass sie weder alleine einschläft, noch alleine weiter schläft. Am Abend lege ich mich gemeinsam mit ihr hin, das ist so gegen acht/ halb neun. Sie liegt neben mir im Familienbett, und zwar so dicht, dass sie mit der Nase an meiner Seite schläft. Bis sie einschläft dauert es meist 20 min, ich halte ihr den Schnuller (den sie nur beim einschlafen hat) und sie schimpft vor sich hin bis sie schläft. Beibettchen akzeptiert sie nicht. Sobald ich aufstehe, wird sie munter, daher bleibe ich bei ihr liegen. Ich liege in der Nacht meiste Zeit am Rücken, weswegen ich in der Früh schon starke Kreuzschmerzen bekomme. Ich möchte sie nicht durch meine Bewegungen wecken. In der Nacht wird sie alle zwei Stunden zum Stillen munter, auch unter Tags sind die Stillabstände kaum größer.
Unter Tags schläft sie entweder beim Stillen ein, oder im Tragetuch, mittags beim spazieren im Kinderwagen.
Insgesamt schläft sie von halb neun/neun abends bis ca halb sieben, dann 2x 30 min am Vormittag, dann ca 2 Stunden mittags im Kinderwagen und dann nochmal 20 min so um halb sieben am Abend. Die Schläfchen sind nötig, da sie sonst total unleidig wird. Ich merke genau, wenn sie müde wird, aber dann hinlegen hilft nicht, sie beginnt zu spielen und sobald sie mehr müde wird laut zu weinen.
Ich habe mein Baby noch nie weinen lassen, nehme sie dann immer, stille sie oder lege mich zu ihr.
Alle Versuche sie alleine hinzulegen sind gescheitert und haben mit schreien geendet.
In den ersten vier Monaten hatten wir jeden Abend Schreiereien, ich bin stundenlang mit ihr herumgegangen. Unter Tags konnten wir sie gar nicht ablegen, sie wurde eigentlich nur getragen.
Die Kleine wiegt jetzt mit sechs Monaten annähernd neun Kilo, ist gut entwickelt, gesund und hat keine Blockaden. Nur ich kann langsam aber sicher nicht mehr, sie ist so schwer, dazu kommt das ständige stillen (Beikost funktioniert nicht wirklich). Auch sonst habe ich keine Freizeit mehr, da sie mich 24 Stunden in Anspruch nimmt. Kann ich irgendetwas tun, um die Situation zu verbessern?

von Lisabay am 16.03.2016, 18:22 Uhr

 
 

Antwort:

Schlafgewohnheiten verbessern?

Liebe Lisabay,

Sie kümmern sich intensiv und liebevoll um Ihr Kind und zeigen dabei eine hohe Aufopferungsbereitschaft. Nun habe ich den Eindruck, dass Sie sich zunehmend fragen, warum trotz all dieser Mühen es weiterhin so schwierig ist; es müsste sich doch langsam auszahlen. Ihr Verzweiflung kann ich daher gut nachfühlen.

Hierzu mal ein Gedankenexperiment: Was würden Sie einer Freundin raten, die berichtet, dass Sie jeden Tag hart trainiert und trotzdem ihre Rückenschmerzen nicht besser werden? Vermutlich, dass es an der Zeit wäre, vielleicht mal das Training zu überdenken, dass es nicht nur darauf ankommt, großen Einsatz zu zeigen, sondern auch die richtigen Muskeln zu trainieren. Sie merken sicher, worauf ich hinaus will.

Wenn man sich - egal wo im Leben - in einer Sackgasse befindet, ist es Zeit etwas zu ändern. Mein Eindruck ist jedoch, dass Sie sich von mir einen Rat wünschen, wie Sie etwas verändern können, ohne etwas zu verändern. Mir fällt auf, dass Sie sehr viele Argumente vortragen, warum nur das jetzige Prozedere funktioniert ("akzeptiert sie nicht", "sind nötig", "alle Versuche gescheitert"). Einen solchen Rat habe allerdings auch ich nicht.

Änderungen bedeuten immer, gewohnte Pfade zu verlassen und die bisherige Komfortzone zu verlassen. Die Frage ist daher, welche Gewichte für Sie schwerer wiegen: die bisherige Situation und die damit verbundenen Erschöpfung oder die möglichen "Zumutungen" für Sie und Ihr Kind, die sich durch ein Verlassen der Routine ergeben. Je anstrengenderer und zermürbender der Alltag ist, desto schwieriger wird natürlich so eine Ent-scheidung.

Was ich damit sagen will: man muss gedanklich bereit sein, Alternativen zu seinem Verhalten zu entwickeln, sonst nützt es einem auch wenig, Alternativen erklärt zu bekommen. Sie müssen es dabei weder mir noch sonst wem recht machen. Es geht allein darum, ein Modell zu entwickeln, was für Sie passt. Von daher will ich auch an dieser Stelle gar nicht aufzählen, wie aus meiner Sicht so ein Alternativmodell aussehen könnte, denn dann müsste ich Sie ja davon überzeugen, dass Ihre Argumente falsch sind, Das kann ich mir aber gar nicht erlauben. Wenn es so ist, dass nur das Familienbett geht, ist es für Sie so. Wenn es so ist, dass nur dieser Tagesrhythmus geht, ist es für Sie so. Wenn alle anderen Beruhigungsmethoden nicht gehen, ist es für Sie so,


Das ist sicher keine befriedigende Antwort - Sie wollen ja schließlich Lösungen und sind sicher alles andere als zu wenig engagiert. Doch ich denke, Sie befinden sich einfach noch in einem gedanklichen Zweispalt, so dass zwangsläufig jeder Versuch, alte Muster aufzubrechen mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern wird. und zwar nicht, weil er grundsätzlich nicht funktioniert, sondern weil er auf innere Widerstände trifft. Diesen Widerständen muss man Gehör schenken, sonst wird das ganze nur zu einer Reihe von zunehmend frustrierenden Versuchen, die nach und nach dann wirklich das Bild festigen, dass "nichts nützt". Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die nicht selten darin mündet, dass Eltern dann sagen "ich habe kein Leben mehr, aber es geht nicht anders."

Vielleicht lohnt sich daher ein Blick auf die Dinge, die Sie bisher daran gehindert haben, Veränderungen nachhaltig einzuführen: Woran sind die Versuche gescheitert? Nicht selten bekomme ich dann die Antwort: "ich hatte Angst, meinem Baby zu schaden", "ich bin doch keine gute Mutter, wenn ich nicht bereit bin, für mein Kind alles zu tun", "wenn mein Kind schreit macht es mir Angst", "ich möchte nicht die Bindung belasten" etc.

Fakt ist, wenn wir Eltern Impulse zu Veränderungen setzen, ist das auch bei ganz sanften Methoden immer anstrengend und mit Protest verbunden. Auch für Erwachsene gilt ja, dass es mühsam ist, Gewohnheiten auf-zugeben, erst recht wenn wir müde und überreizt sind. Für Babys, die ja noch viel weniger Ausdrucksmöglichkeiten haben, gilt dies natürlich umso mehr. Doch das daraus resultierende Weinen ist nicht gleichzusetzen mit Angst und Panik, die ein Kind in dem Alter erfährt, wenn es allein im dunklen Raum stundenlang schreien gelassen wird.

Wenn Sie also Ihr Kind an sein Beistellbettchen gewöhnen wollen, muss es zunächst einmal für Sie ok sein, diesen Schritt zu tun, damit Sie die notwendige Ruhe, Geduld und Ausdauer mitbringen, dies auch über einen längeren Zeitraum zu tun. In vielen Fällen liegt es eben nicht an besonderen Bedürfnissen und Eigenarten eines Kindes, dass bestimmte Dinge nicht gut klappen, sondern an zu wenig Zeit, die für die Gewöhnung investiert wird. Jede Verhaltensänderung braucht Zeit (Faustregel: mindesten 14 Tage). Ich merke das z.B. immer wieder daran, dass Dinge, von denen die Eltern überzeugt sind, sehr wohl nachdrücklich und konsequent eingeführt werden, während man sich bei anderen den Mund fusselig reden kann. Vermutlich wird Ihr Baby ja auch mal beim Tragen geweint haben oder beim Liegen neben Ihnen, doch das sie davon überzeugt waren, das Richtige zu tun, sind Sie dabei geblieben, Bei anderen Dingen hat Sie vermutlich das Weinen mehr irritiert, mehr in Sorge versetzt.

Nochmal, es geht mir nicht darum, Ihnen den richtigen Weg zu verkaufen, denn den kenne ich für Sie nicht!! Es geht mir darum, die Dinge zu reflektieren die zu einer Aufrechterhaltung des bisherigen, sehr erschöpfenden Musters geführt haben.


Auch das ist anstrengend, doch Sie müssen erst sich selbst abholen, bevor andere es können! Und sich vielleicht zudem die Erlaubnis geben, selbst auch Grenzen haben zu dürfen...?!

in diesem Sinne alles Gute für Ihren Weg!

Herzlichst,


Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 21.03.2016

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