Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Schlafen gehen

Liebe Jenjyn!

es tut mir leid, dass Sie nun mit diesen Problemen zu kämpfen haben! Ob es sich um eine Phase handelt oder um eine wirkliche Einschlafstörung kann ich an dieser Stelle nicht mit Sicherheit sagen. Allerdings ist vier Wochen für eine Phase schon relativ lang. Es ist daher gut, dass Sie aktiv werden.

Allgemein ist Ihre Tochter mit 8,5 Monaten noch sehr jung. Ich würde daher empfehlen, auf das gezielte Schreien lassen zu verzichten. Wenn überhaupt, wird so ein Vorgehen erst ab einem Alter von 12 Monaten und dann auch unter sorgfältiger Risikoprüfung empfohlen und es gibt klare Zeitabstände, die einzuhalten sind.

Ziel solcher - nicht unumstrittener -Methoden ist es, dem Schreien keine Belohnung (Aufmerksamkeit) folgen zu lassen, so dass es keinerlei Effekt hat und daher eingestellt wird (=Löschung). Gleichsam soll das Kind lernen, dass Mama und Papa immer da sind und nichts Schlimmes passiert, wenn man allein im Bettchen liegt (daher wird auch nach Plan nach dem Kind geschaut, doch es wird nicht hochgenommen o.Ä.). Bei der Umsetzung von Schlafprogrammen kann man einiges falsch machen, denn einfach nur Schreien lassen - so funktioniert es nicht und am Ende verstärkt man sogar unbeabsichtigt die Problematik.

Ich bin überzeugt, dass Sie Ihr Kind nicht aus bösem Willen schreien lassen, sondern weil Sie einfach keinen Ausweg wissen und vielleicht zudem befürchten, Sie könnten Ihre Kleine an aufwendige Beruhigungsverfahren gewöhnen. Vermutlich haben Sie außerdem das Gefühl. Sie könnten eh nichts bewirken, denn sie schreit ja auch, wenn Sie da sind. Allerdings kann Ihr Verhalten für Ihre Tochter sehr verwirrend und vermutlich auch angstauslösend sein:

a) Sie wird ja irgendwann hochgenommen, wodurch sie lernt "ich muss nur lange genug und laut genug schreien, damit jemand kommt"
b) die Zeit, in der Sie nicht anwesend sind, ist für Ihre Tochter noch nicht greifbar, das sie noch kein Zeitgefühl hat. Fünf Minuten können ihr daher wie eine Ewigkeit vorkommen, von daher werden bei den angesprochenen Schlafprogrammen auch sich langsam steigernde Zeitabstände nach Plan festgelegt.
c) wenn mal so, mal so gehandelt wird (manchmal Schreien lassen, manchmal dableiben), ist das für Ihre Tochter willkürlich und der Lerneffekt bleibt aus. Sie kann ja noch nicht verstehen, warum sie an einem Tag dabei bleiben und am anderen Tag dann, wenn Sie besonders viel schreit, weggehen.

Von daher mein Alternativvorschlag:

- Bleiben Sie bei Ihrer Tochter solange bis Sie schläft. Setzen Sie sich neben Ihr Bettchen auf einen Stuhl oder legen Sie eine Matratze daneben und legen Sie sich hin. Wenn sie schreit, machen Sie nichts weiter las da zu sein. Sie dürfen beruhigend mit ihr sprechen oder einen Hand auf Ihren Bauch / Rücken legen, aber mehr Aktion sollte nicht passieren (es sei denn, Sie schreit sich völlig ein). Diese Methode des begleiteten Schreien hilft Kindern sanft zu lernen, sich ohne aufwendige elterliche Beruhigungsmaßnahmen bei Müdigkeit von allein runterzufahren und zu erleben, das Einschlafen nicht Schlimmes ist. Dabei wird Ihr Schreien nicht "belohnt", sondern eben nur begleitet. Funktioniert das gut, können Sie nach und nach sich weiter zurückziehen. D.H. den Stuhl weiter weg etc. Hilfreich ist auch, wenn Sie sich selbst schlafen stellend und keinen Augenkontakt halten. So lernt Ihre Kleine "Aha, Mama schläft und ist ganz ruhig. Dann ist ja alles ok!"

Diese Methode erfordert mehr Geduld, ist aber weniger stressig und angstauslösend für ein kleines Kind. Später, wenn ein Kind das Kleinkindalter erreicht, kann man über den Einsatz von Schlafprogrammen als Notfalllösung nachdenken, allerdings betone ich auch immer wieder, dass so ein Programm immer nur der letzte Schritt sein sollte. Die Hauptarbeit für gesundes Schlafen passiert am Tag. Wird hier für eine erkennbare Tagesstruktur, feste Zeiten, liebevolle Rituale und ausreichend Schlafhygiene (geeignete Schlafumgebung, kein abendliches Fernsehen, keine Überreizung am Abend, richtige Temperatur etc.) gesorgt, dann ist das meist mehr als die halbe Miete.

Natürlich, wenn Sie einmal kurz davor stehen die Nerven verlieren, dann ist es das Beste, das Zimmer zu verlassen und Ihr Kind so lange schreien zu lassen, bis Sie sich wieder beruhigt haben. So etwas wäre auch kein Grund zum Schämen, sondern ein Zeichen, dass Sie dringend einmal Entlastung bräuchten. Als vorbeugend Maßnahme empfiehlt es sich daher auch immer, alle Möglichkeiten der Unterstützung wirklich auszuschöpfen und Hilfe anzunehmen, damit derartig schwierigen und nervende Einschlafsituationen mit Geduld und Ruhe gelöst werden können.

Von daher wünsche ich Ihnen viel Kraft, gute Unterstützung und auch für sich etwas Ruhe, dann wird das Einschlafen sicher auch bald wieder schön!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 16.11.2015, 10:50 Uhr

 
 
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