Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Schadet es meinem Kind, wenn ich mit ihm ein Schlafprogramm mache?

Liebe schlaflose Mütter!

zunächst einmal habe ich volles Verständnis für Ihre Situation! Schlafmangel ist Folter und kann einen wirklich zur Verzweiflung bringen. Natürlich suchen Sie da nach Auswegen.

Das Einschlafen - und damit eben auch die dazugehörigen Programme - sollten jedoch immer nur ein (letzter) Schritt in einer Reihe von Maßnahmen sein, damit ein Kind besser schläft. Der größte Teil der Arbeit findet nämlich nicht in der Nacht, sondern am Tag statt. Ein Kind muss müde sein, um schlafen zu können und die Bedingung dafür sind:

- die Entwicklung des circadinanen Rhythmus passend zur realen Zeit (Tag-Nachtrhythmus)
- die Entwicklung einer Schlafhomöostase (= die Fähigkeit, längere Wachzeiten zu haben und die dadurch entstandene Schlafschuld durch ausreichenden Schlaf abzubauen).

Beide Prozesse sind in den ersten Monaten primär reifebedingt (also eine Frage des Alters), d.h. die elterlichen Einflussmöglichkeiten sind begrenzt, erst muss das kindliche Hirn soweit sein. Allerdings kann man seinem Kind helfen und die richtigen Weichen stellen - es sollte einen nur klar sein, dass man davon kein sofortiges Durchschlafen erwarten kann. In dem Alter sind häufige Schlafunterbrechungen eher die Ausnahme als die Regel. Mit zunehmenden Alter werden die elterlichen Einflussmöglichkeiten größer und der Aspekt des Lernens (Gewohnheiten, Erfahrungen) spielen eine größere Rolle als Reifeprozesse.

Grundsätzlich können Schlafprogramm sinnvoll sein, um hartnäckige Gewohnheiten, die langfristig eine Entwicklung zum Durch- oder Einschlafen hemmen - durch günstigere Verhaltensweisen zu ersetzen. Vorausgesetzt, dass man bereits einen festen Tagesrhythmus mit ausreichend Ruhepausen am Tag und festen Ritualen etabliert hat und eine ausreichende Schlafhygiene besteht (Schaffung eines richtigen Schlafklimas, passende Rituale etc.). Schlafprogramm bedeutet jedoch nicht zwangsläufig das berühmt-berüchtigte Ferbern mit gezielten Schreienlassen nach festen Zeitplänen. Hier gibt es zahlreiche Alternativen, die zwar mehr Gedzuld erfordern, doch von vielen Eltern und Fachleuten befürwortet werden, um die emotionale Belastung für Eltern und Kind möglicht gering zu halten.

ABER
Mit sieben Monaten ist ein Kind eh zu jund, um ein solches Programm zu absolvieren. Selbst die Befürworter der Ferbermethode empfehlen einen Einsatz frühestens ab einem Jahr und nur wenn folgende Vorausetzungen erfüllt sind:

- das Kind ist gesund
- es bestehen akut keine bindungsbelastenden Ereignisse (Kitaeingewöhnung, Geburt eines Geschwisterchens, Trennung der Eltern etc,)
- es besteht eine sicher Eltern-Kind-Bindung
- die Eltern sind von der Richtigkeit der Methode überzeugt und trauen ihrem Kind selbstständiges Schlafen zu

Ich persönlich finde es immer schwierig, wenn Eltern unbegleitet und ohne genauere Diagnose als ersten Maßnahme einfach mit einem Schlafprogramm starten, selbst wenn es aufgrund der Erschöpfung gut nachvollziehbar ist. Meiner Erfahrung nach ist dies oft gar nicht notwendig, wenn man am Tag für die nötige Struktur sorgt, gut auf die Signale des Kindes achtet, es nicht überreizt und passende Beruhigungsmethoden anwendet. Außerdem sollte der Gang auch immer zum Kinderarzt führen. Organische Gründe sind zwar selten, doch es gibt sie und es wäre ungünstig, wenn man sie übersehen würde.

Doch was können Sie tun:

Es ist hier schon viel zu dem Thema geschrieben worden. Gucken Sie doch mal unter "Einschlafstillen" und "Einschlafprobleme" etc.

Das Wichtigste kurz zusammengefasst:
- Es gibt kein Allheilmittel - ob Familienbett /Kinderzimmer, Stillen oder Abstillen, Tragetuch oder Kinderwagen usw. für Sie sinnvoll sind oder nicht, kann von außen nicht entschieden werden. Sie müssen sehen, was zu Ihnen passt!

- Für Verhaltensänderungen braucht es Geduld und Konsequenz! Sehen Sie mal wieviel Zeit Ihr Kind hatte, sich an bestimmte Dinge zu gewöhnen. Dann wird auch klar, dass es eine gewisse Zeit braucht, um Änderungen zu erzielen. Die Ferbermethode ist ursprünglich eine Methode, die für Notsituationen zur Prävention der Kindeswohlgefährdung entwickelt wurde. Sie hat sicher Ihre Berechtigung, doch wird sie m.M. oft verfrüht und unnötig eingesetzt.

- Sicher wird es nicht ohne Protest gehen, doch besonders bei so kleinen Kindern empfehle ich dringend, diese nicht allein schreien zu lassen, sondern zu begleiten. D.H. wenn Sie zukünftig auf den Pezziball verzichten wollen (was ich dringend empfehle!) , wird Ihr Kind weinen, dann bleiben Sie aber bitte bei ihm, machen gar nicht viel Aktion, denn davon wollen Sie ja weg, doch legen Sie eine Hand auf den Bauch, sprechen Sie leise und beruhigend etc.

- Sorgen Sie für wo nur möglich für Entlastung und Unterstützung! Die Crux liegt oft darin, dass Eltern sich völlig verausgaben und dann aus lauter Erschöpfung irgendwann in das andere Extrem (Schreien lassen) verfallen. Daher gilt auch: führen Sie keine Methode ein (Pezziball, Autofahren, nächtliches stundenlanfes Tragen oder Spielen etc.) die Sie nicht dauerhaft durchhalten können.

Es gibt noch viel zu diesem Thema zu sagen. Ich hoffe, Ihnen eine erste Orientierung geliefert zu haben. Sollten Sie noch Fragen haben, zögern sie bitte nicht, vor Ort professionelle Hilfe zu holen. Gleiches gilt für Unterstützungsmöglichkeiten! Schlafprobleme bei Kindern sind häufig und daher auch kein Grund sich zu schämen!

Alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 11.11.2015, 17:33 Uhr

 
 
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