Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Probleme bei Tagssmutter

Liebe Anka,

Sie sind sicher in keiner leichten Situation. Das Kind scheint verrückt zu spielen und selbst der Tagesmutter wird es zuviel. Natürlich machen Sie sich da Sorgen!

Diese Bedeken betreffen für mich zwei Aspekte:

1) wie ist das Verhalten meines Kindes einzuordnen?
2) müssen wir uns hinsichtlich der Betrreungssituation Gedanken machen?

Hierzu meine Einschätzung aus der Ferne - wie immer ohne Gewähr (-;

zu 1)
Das Verhalten Ihrer Tochter kann mehrere Gründe haben. Allgemein kann man sagen, dass in diesem Alter Schwierigkeiten dieser Art oft eine Frage der Nähe-Distanz-Regulation sind. Sprich: die Kleinen entdecken ihren Willen, wollen "ihre(!)" Welt endecken, Dinge "alleine machen" usw. Gleichzeitig brauchen Sie aber immer wieder die Rückversicherung bei verlässlichen und feinfühligen Personen, also einen sicheren Hafen, um mit den damit verbundenen Unsicherheiten klarzukommen und an den Reaktionen abzulesen, ob was ok oder nicht ok ist. Das Ganze wirkt auf Erwachsene manchmal wie eine regelrechte Provokation oder ein Machtspiel und kann uns etliche Nerven rauben. Dennoch ist es wichtig zu begreifen, dass sich dahinter die Suche nach Sicherheit und Orientierung verbirgt. Die Kleinen zeigen duch Ihr Verhalten schlicht, dass sie gerade überfordert oder verwirrt sind, verfügen aber noch nicht über die Mittel, dies angemessen auszudrücken. Für sie ist so vieles neu, auch viele Gefühle und Eindrücke, die sie erst noch in ein Weltbild integrieren müssen.

Es kann sein, dass Ihre Tochter aufgrund ihrer sensiblen Art mit besonders vielen Eindrücken zu kämpfen hat, so dass sie eben auch heftigere Reaktionen zeigt. Gleichzeitig kann es auch sein, dass sie das Verhalten von Bezugspersonen (Eltern, Erzieher etc.) irritiert. Gerade besonders feinfühlige Kinder spüren, wenn man ihnen gegenüber ambivalente Gefühle hegt, selbst ängstlich oder unsicher ist und reagieren eben mit vermehrter Anklammerung, Trotz oder Aggression. Das macht die Sache natürlich nicht besser, denn dieses Verhalten führt bei den betroffenen Bezugspersonen natürlich dazu, dass diese noch genervter, unsicherer, ängstlicher oder - oft verdeckt - aggressiver und distanzierter werden. Von außen erscheint dann die Interaktion sehr kontrolliert und mechanisch - ohne wirklichen Kontakt. Das Kind wierderum fährt immer "härtere Geschütze auf",weil es dringend Resonanz braucht. Dabei geht es nicht um Schuld oder "Versagen, allerdings werden diese Gefühle oft bei den Bezugspersonen geweckt und dies gießt wiederum Öl ins Feuer.

Ein derartiger Teufelskreis kann eine sehr destruktive Dynamik bekommen, die in einigen Fällen eine professionelle Begleitung in Form von Erziehungsberatung / Familientherapie erfordert. Ob das bei Ihnen der Fall ist, lässt sich so aus der Ferne nicht einschätzen. Was ich jedoch immer wichtig finde, ist ein vorsichtiger Umgang mit sehr frühen Diagnosen. Diese können schnell zu einer sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung werden, weshalb ich immer dazu rate, Kinder nicht frühzeitig zu pathologisieren. Haben sie erst einmal den Stempel "schwierig", "hypersensibel" etc. kann das dazu führen, dass man leicht alles in diese Schublade steckt, ohne eigene oder interaktionelle Anteile zu sehen. Das ist natürlich immer ein Balanceakt, denn auf der anderen Seite möchte man selbstverständlich den Bedürfnissen eines Kindes auch gerecht werden und nichts übersehen.

Ich würde Ihnen daher raten, dass Sie sich bezüglich des Verhaltens Ihres Kindes eine Einschätzung eines Spezialisten einholen, also einen Kinder-und Jugenspsychotherapeuten, bei der Erziehungsberatung, oder auch in einer Einrichtig für frühkindliche Störungen. Hier wird nämlich umfassender geguckt und betreut, als dies beim Kinderarzt i.d.R. möglich ist.


zu 2)

Ganz unabhängig davon, ob das Verhalten Ihrer Tochter wirklich nur eine "typbedingte Normvariante "oder tatsächlich behandlungsbedürftig ist, stellt sich die Frage, ob Ihre Tagesmutter der Situation gewachsen ist. Aufgrund Ihrer Beschreibungen sehe ich das eher kritisch. Sie gibt ja schließlich mehr oder weniger direkt zu, ihre Tochter nicht richtig in die Gruppe integrieren zu können / zu wollen - ob nun aufgrund mangelnder pädagogischer Kenntnisse/Erfahrung oder eben wirklich durch speziell in diesem Setting nicht abzudeckende besondere Bedürfnisse Ihrer Tochter - kann ich nicht einschätzen. Für mich wäre daher ausschlaggebend, ob überhaput die Motivation und die Möglichkeiten bestehen, diese Situation zu lösen. Fünf Kinder sind ja wirklich eine Menge und ich persönlich halte dieses Betreuungsschlüssel für nicht ausrechend für eine U3-Betreuung. Hier sollten Sie wirklich kritisch gucken, ob ein gemeinsamer Weg möglich ist, oder ob Sie sich nach Alternativen umgucken müssen. Ich würde daher schnell das Gespräch suchen und in einer vorwurfsfreien und offenen Atmosphäre gemeinsam mit der Tagesmutter die Frage klären, ob und wie es weitergehen kann. Sprechen Sie offen über Ihre Sorge und fragen Sie sie ganz direkt, ob sie einen Weg sieht oder nicht.Wichtig ist, dass Ihrer Tochter - abgesehen davon, dass man ihr Grenzen setzen kann und sollte - wirklich das authemtische Gefühl vermittelt wird, dass sie willkommen ist. Nur so kann sie Vertrauen lernen und muss nicht mehr so sehr auf den beiden Extrempolen der Nähe-Distanz-Regulation herumexperiementieren um Rückversicherung zu erhalten.

Sollte sich kein gemeinsamer Weg aufzeigen, wäre eine Vorstellung bei einen der o.g. Spezialisten u.U. hilfreich, um eine geeignete Betreuungsalternative zu finden. Bei Kindern mit Regulationsschwierigkeiten und besonderen Bedürfnissen finde ich persönlich Kitas mit gutem Betreungsschlüsseln manchmal einfach besser, da die Erzieher über eine umfassendere Ausbildung verfügen und zudem in einem Team arbeiten. Kommt es zu Überforderungssiatuationen, kann mal ein anderer übernehmen (Misshandlunsgrisiko ist hier geringer!). Zudem es gibt es meist auch räumlich mehr Rückzugsmöglichkeiten für die Kinder etc. Erkundigen Sie sich doch sonst auch mal ggf. beim Jugendamt über ortsansässige Kitas oder Tagesmütter, die für Sie eine Alternative darstellen könnten.


Ich drücke auf Ihnen und Ihrer Tochter auf jeden Fall die Daumen, dass sich schnell eine Lösung findet, wo Sie alle "erwünscht" und nicht "schwierig" sind!


Herzlichst,

Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 09.11.2015, 11:38 Uhr

 
 
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