Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Nur mit Mama einschlafen 18 Monate?

Sehr geehrte Frau Dr. Bentz,

mein Sohn (morgen 18 Monate alt) war ein Schreikind (traumat. Geburt, Ängste während SS). Mit Hilfe der Schreiambulanz haben wir die Zeit gut gemeistert u an uns als Eltern gut gearbeitet. Heute ist er ein lebhafter u fröhlicher Junge, motorisch u kognitiv altersentsprechend bzw teilw überdurchschnittlich gut entwickelt. Aus der Schreiphase haben wir leider eine etwas einseitige Verteilung bzgl Kümmern ums Kind mitgenommen - z.B. (da Sohn extrem schlechter Ein- u Durchschläfer) bin ich tgl mit Sohn ins Bett u oft auch neben ihm liegen geblieben (Kind schlief immer im Elternbett). Kind wurde immer in Schlaf gestillt (anderes war u ist abends nie mgl - heutzutage geht es zumindest am Tag auch in Buggy gut mit dem Einschlafen). Nun ist es auch mit 18 Monaten noch so, dass wenn ich nachts kurz aufstehen muss (u das erkläre etc) u der Kleine nicht schlafen kann u mein Mann kurz bei ihm bleibt, dass er dann vollkommen durchdreht. Immer. Als würde er seinen Vater nicht kennen. Ich habe es heute mal versucht u gerufen, dass ich ja gleich wieder da bin aber es hat sich so gesteigert, dass er begonnen hat, am ganzen Körper zu zittern. Das Weinen wirkt gar nicht wütend o manipulativ - einfach nur extrem verzweifelt u ängstlich. Ich habe immer gedacht, dass sich das gibt (hatte da eine Textpassage von William Sears Schlafen u Wachen im Kopf) u dass es irgendwann keine Angst mehr sein kann nur Wut, die liebgewonnene Angewohnheit ablegen zu müssen/unterbrechen zu müssen. Dies scheint mir gar nicht so. Mein Mann ist jedes Mal fassungslos u fühlt sich von Sohn zurückgestoßen. Die Intensität dieser Verzweiflung macht ihm auch Angst. Ich habe meinen Sohn nie allein gelassen - erst vor zwei Wochen zum 1. Mal mit Oma, die er sehr lieb hat, 3h in den Zoo gehen lassen. Am Tsg klappt es auch mit dem Papa gut (bleiben seit ein paar Monaten bis zu 3h allein draußen).
Was habe ich falsch gemacht u viel wichtiger: Was kann ich tun?
Ganz herzlichen Dank für Ihre Mühe!
Mit freundlichen Grüßen

von siana83 am 18.04.2016, 23:07 Uhr

 
 

Antwort:

PS

PS laut Leiterin der Schreiambulanz Berlin ist unser Sohn sicher gebunden (an seine Mutter) - das hätte durch die Arbeit dort sehr gut geklappt. Wir halten beide nichts vom Schreien lassen u anderen verhaltenstherapeutischen "Keulen". Am Tage geht unser Sohn auch oft ungern zu Papa auf den Arm (dieses Problem beobachten wir bei seiner Oma nicht - im Gegenteil).
Schlafgelegenheiten sind: tags 1h im Buggy/im Autositz/zu Hause geht nur Stillen. Abends ca 18 ins Bett - einschlafen zw 18:15 u 18:45 beim Stillen (sonst geht nichts).

Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich hoffe, Sie haben einen Rat, wie wir ihn ohne Traumatisierung durch Schreien lassen umgewöhnen können. Und er seinen Vater besser akzeptiert.

von siana83 am 19.04.2016

Antwort:

PPS

PPS nachts schläft unser Sohn zw 1 1/2h und 6h am Stück - 6h am Stück, wenn Mutter neben ihm liegt. Wenn Mutter nach Einschlafen aufsteht zw 1 1/2h und 3h. Dann Weinen u neuerliches Einschlafstillen. Beim Zahnen/Krankheit (wie derzeit) auch mal alle 30 min wach u Einschlafen bzw Weiterschlafen nur an/auf Mama. Schläft bis 6:30.

Am Tag auffallend selbstbewusst. Spielt gut allein. Läuft gern mal weit weg (ohne sich umzusehen) und scheint sich immer sicher zu sein, dass man schon auf ihn aufpasst. Hängt Tags nicht am Rockzipfel - im Ggt. Sehr hartnäckig und lebhaftes Temperament aber sehr liebes Wesen.

von siana83 am 19.04.2016

Antwort:

Nur mit Mama einschlafen 18 Monate?

Liebe siana83,

zunächst einmal freut es mich zu hören, dass Sie die erste schwierige Zeit so gut überstanden haben! Ich musste ein wenig schmunzeln, als ich gelesen habe, wie hartnäckig Ihr Sohn Ihren Mann zurückweist und fühlte mich da an meinen Großen erinnert. Der begrüßte mich im Alter Ihres Sohnes jeden Morgen mit einem grimmigen "Mama weg! Papa holen!" Wickeln, Tragen, Buggy schieben alles sollte Papa machen. Auch wenn mir durchaus bewusst war, dass dieser Reaktion keine wirkliche Abneigung zugrunde lag und Papa aufgrund seiner häufigen Reisen schlicht die weitaus größere Sensation war, war ich doch oft den Tränen nahe und fühlte mich ungeliebt und ausgegrenzt zwischen den zwei "Jungs".

Ich kann Ihren Mann daher sehr gut verstehen. Es ist hart, doch als Erwachsener muss man sich bewusst machen, dass Dinge wie Zuneigung, Liebe und Kontakt bei Kindern nach anderen Kriterien ablaufen als bei Erwachsenen. Kinder in dem Alter sind eben noch nicht sozial kompetent, sie wissen nicht, dass Ihr Verhaltend verletzend ist, sie denken nicht strategisch und wollen nicht kränken! Kleine Kinder sind opportunistisch und egozentrisch, es geht eben manchmal schlicht darum, wer den "größten Keks" hat. Dies kann dann einfach die Tatsache sein, dass eine Bezugsperson für das Kind attraktiver ist, weil sie entweder weniger oder eben mehr da ist, oder weil es spannend ist, selbst "Nein" zu sagen und dann die Reaktion zu beobachten. Maximale Aufmerksamkeit zudem garantiert! Besonders wenn Väter weniger Zeit mit den Kindern verbringen (z.B. weil es bei Mama besser klappt), sind sie ein prima Experimentierfeld für die Kleinen, die so einfach zeigen, dass sie das Gegenüber nicht ganz einschätzen können. Sie gucken dann ganz genau, wie Mama und Papa auf die Zurückweisung reagieren, um zu prüfen, was Sache ist. Hier ist Gelassenheit und etwas Hartnäckigkeit besonders wichtig! Wenn ein Kind schreit, weil es nicht von Papa ins Bett gebracht werden will, muss dies nicht hingenommen werden. Ein "Heute ist Papa dran. Der kann das auch!" reicht und dann muss eben das Theater ein paar Mal mit liebevoller Geduld durchexerziert werden, damit das Kind tatsächlich sieht, dass Papa es wirklich kann und die gefühlte Abhängigkeit von Mama aufgehoben wird.

Doch nicht nur das Kind, auch die Eltern müssen sich vertrauen. a) Die Mütter Ihren Partnern, dass die es genauso gut können, was dann eben auch bedeutet NICHT gleich einzuschreiten, selbst wenn etwas länger dauert, es mehr Geschrei gibt oder anders gemacht wird. B) die Väter, dass das Geschrei nicht heißt, dass sie es nicht können oder sie nicht gewollt sind, und dass ein Kind die weiderholte Erfahrung, dass Papa es auch kann einfach braucht. Ein brüllendes Kind nicht beruhigen zu können ist fruchtbar frustrierend, doch da muss man(n) durch, wenn der Zustand sich ändern soll. Also: je gelassener und entspannter Sie reagieren, desto besser! Vermeiden sollten Sie es dagegen, Ihren Sohn wieder Ihnen zu überlassen, wenn er brüllt. Dadurch wird er in seinen bisherigen Erfahrungen "Es geht nur mit Mama" bestätigt.

Man tut einem Kind nichts an, wenn der Vater Aufgaben übernimmt! (Ausnahme wäre nur - das gilt aber auch für alle - wenn ein Erwachsene grenzverletzend oder übergriffig ist - doch das ist ein anderes Thema.) Vielleicht finden Sie zudem Aktivitäten, die nur der Papa macht (z.B. Schwimmen, Ausflüge etc.).

Zu Ihren sonstigen Frage:
Es ist leider nicht ganz ungewöhnlich, dass selbst nach einer erfolgreichen Therapie Schwierigkeiten wieder aufflammen, sich auf anderen Gebieten zeigen oder die Entwicklung wieder plötzlich stagniert. Die Problemen wie exzessives Schreien, Schlaf- oder Fütterproblemen zugrundeliegenden Regulationsstörungen können in Form einer gewissen Disposition (Neigung) auf typische Entwicklungsaufgaben (selbstständiges Essen, Schlafen, Spielen etc.) sensibel zu reagieren, auch nach Abklingen eines akuten Problems weiter andauern. Das was Sie schildern ist daher sicher nicht ungewöhnlich, wohl aber sicher frustrierend. Manche Eltern ängstigt es zudem enorm, weil natürlich befürchtet wird, das alles könnte von vorn beginnen. Das ist jedoch nicht der Fall! Mit voranschreitender Entwicklung stehen Eltern und Kinder vor neuen Herausforderungen. Hier kann es dann sein, dass man noch mal "nachjustieren" muss, weil einfach neue Fragen und eine neue Dynamik vorliegen. Die Behandlung von Schreibabys bezieht sich daher auch nicht nur auf das akute Schreien, sondern schließt eine Begleitung bis zum Kindergartenalter ein. Das bedeutet allerdings keineswegs eine Dauertherapie, sondern in den meisten Fällen ein ein- oder zweimaliges Wiedersehen.

Ich würde daher vorschlagen, dass Sie sich an Ihre alte Schreiambulanz wenden und dort wieder mit dem akuten Problem vorstellig werden. Dort kennt man Sie und Ihr Kind besser als ich und hat Ihnen ja schon einmal erfolgreich geholfen.

Ansonsten finde ich den Satz, der Ihnen in den Sinn kam, sehr wertvoll. Es hat sicher einen Grund, warum Sie hier ins Grübeln kommen. Sie kennen Ihr Kind schließlich und vielleicht ist es genau das, was Ihr Bauchgefühl Ihnen schon länger sagt, trotz der heftigen Ausbrüche! Ihr Kind ist nun nicht mehr ein kleiner, hilfloser Säugling, sondern ein Kleinkind. Weinen hat nur weitaus mehr Bedeutungen. Tatsächlich ist es für ein Kind furchtbar frustrierend und stressig , wenn es abends müde ist und den Aus-Knopf einfach nicht findet (geht uns ja auch so), natürlich ist es in so einem Zustand besonders schwer, liebgewonnen Gewohnheiten abzulegen, doch mit Angst haben diese negativen Gefühle eben wenig zu tun. Hier ist die Frage, ob Sie Ihrem Kind denn zutrauen, dass es grundsätzlich beim nächtlichen Aufwachen selbstständig wieder einschlafen kann. Wenn ja, dann heißt es, ihm genau diese Erfahrung "zuzumuten" bzw. zu ermöglichen. Eine verhaltenstherapeutische Keule muss dafür nicht herausgeholt werden, wohl aber muss für eine von außen angeregte Verhaltensänderung (und der Impuls geht ja nun einmal von Ihnen aus) die wiederholte Erfahrung gemacht werden, dass es anders geht. Auf Anwesenheit müssen Sie dabei nicht verzichten. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man ein Schlaftraining auch mit Eltern durchführen kann. Doch eines muss man sich immer bewusst machen - egal wie sanft man vorgeht - das Kind wird nicht motiviert sein, sein bisheriges Erfolgsmodell zu ändern, weil es eben die Folgen nicht überblicken kann. Das bedeutet dann zwangsläufig Stress, Konflikt und Schreierei - mit dem man aber so oder so umgehen kann. Konsequenz schließt nicht liebevolles Verständnis und Fürsorge aus! Wie heftig dabei eine Reaktion aussieht, ist eben auch von Kind zu Kind unterschiedlich. Es gibt Studien die zeigen: dass trotz gleichem Stresshormonpegels sich Kinder in Stresssituationen sehr unterschiedlich verhalten. Die eine ziehen sich zurück und man merkt ihnen die Belastung kaum an, während andere kuscheln oder einen Häuserblock zusammenbrüllen. Ihr Sohn neigt eben zu heftigen Reaktionen, schreit alles raus, zittert, tritt etc. – dies bedeute aber nicht zwangsläufig, dass er mehr Stress hat, als das scheinbar ruhige Kind aufm Schoß. Er hat nur andere Regulationsmechanismen.

Vielleicht gibt Ihnen ja das den nötigen Mut, zusammen jetzt den nächste Entwicklungsschritt zu meistern!

Dafür viel Erfolg und weiterhin alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 20.04.2016

Antwort:

Nur mit Mama einschlafen 18 Monate?

Vielen Dank für die ausführliche, einfühlsame und hilfreiche Antwort!!

Herzlichen Dank!!!

von siana83 am 20.04.2016

Die letzten 10 Beiträge
Mobile Ansicht

Impressum Über uns Neutralitätsversprechen Mediadaten Nutzungsbedingungen Datenschutz Forenarchiv

© Copyright 1998-2022 by USMedia.   Alle Rechte vorbehalten.