Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Normales Verhalten ?

Liebe Nad1234,

huch, das haben Sie ja einen wirklich frühreifen, kleinen Entdecker! Er scheint ja auf allen Ebenen sehr weit. Kein Wunder, dass er da Probleme hat, auch emotional mitzukommen. Geistig und körperlich weit ist das eine - emotional wirklich reif, ist das andere. Der Umgang mit unseren Gefühlen muss wie alles andere erst einmal gelernt werden. Für Kinder sind die eigenen Gefühle gar nicht so selbstverständlich. Sie wissen gewissermaßen nicht, was sie da fühlen, sie wissen nur, DAS sie es fühlen. Das kann sehr verwirrend sein, denn in diesem Alter können Kinder ihre Gemütslage noch nicht richtig einordnen, geschweige denn schon immer passend regulieren.

Je nachdem wie die Entwicklung, das Temperamt und die sonstigen Bedingungen sind, kann diese Phase sehr heftig ausfallen und Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen. Häufig haben Eltern den Eindruck, ihr Kind stehe völlig Kopf - ähnlich wie Sie es ja auch beschreiben.
Doch auch wenn diese Zeit anstrengend und nervenaufreibend ist, sie ist extrem wichtig für Ihr Kind. Sie ist kein Zeichen dafür, dass etwas schief läuft oder sie etwas falsch machen, sondern dafür, dass Ihr Kind sich zunehmend auf die spannende Reise des Lebens begibt.

Sein Gehirn funktioniert dabei wie ein unfassbar leistungsstarker Computer: es sammelt laufend Unmengen von Daten, fasst diese zusammen, lernt, verknüpft etc. Doch der Sinnbezug, sprich das Wissen über das "Wie funktioniert die Welt" kann es erst durch Erfahrungen herstellen. Eine richtige Abkürzung durch diese Phase gibt es daher nicht: Sie können und sollten daher nichts tun, was ihn in seinem Drang hindert (es sei denn, er gefährdet sich oder andere).

Bitte missverstehen Sie sein verändertes Verhalten auch nicht als Ablehnung oder mangelnde Liebe zu Ihnen. Unverändert sind Sie und alle anderen Bezugspersonen das Allertollste in seinem Leben, doch kommen jetzt eben andere Komponenten wie etwa Frust über ein zu hohes Zielobjekt u.Ä. dazu. Ihr Sohn erweitert sein Verhaltensrepertoire zudem eben nicht nur die kuscheligen Anteile, sondern auch die aggressiven Anteile gehören. dabei folgt sein Handeln natürlich keiner bösen Absicht.

Auch wenn es manchmal so scheint, in diesem Alter handelt ihr Sohn noch nicht strategisch. Er ist geistig noch gar nicht in der Lage, Sie bewusst zu ärgern oder provozieren zu wollen, denn dafür fehlt es ihm an der notwendigen Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Nach alledem, was wir bisher wissen, haben Kindern in den ersten Monaten ein ziemlich egozentrisches Weltbild. Ihnen ist nicht klar, dass andere Menschen etwas anderes fühlen, denken oder eben auch wollen, als sie selbst. Dass da ein Unterschied zwischen sich und den anderen besteht und dass Mama etwas wollen kann während ich gleichzeitig etwas anderes will, wird es allmählich durch soziale Interaktion begriffen.

Auch dürfte seine Wut noch kein richtiges Trotzverhalten, sondern einfach ein starkes Bedürfnis nach Exploration sein. So verhalten sich nur Kinder, die sich sicher und geborgen fühlen. das Beste, was sie daher für Ihr Kind tun können, ist ihn sich ausprobieren lassen und seinem Entdeckerdrang nachzugeben. Gleichzeitig können Sie ihm helfen, seine Gefühle und Selbstwahrnehmung einzuordnen. Sprechen Sie dafür viel mit ihm, etwa so "aha, jetzt bist du wohl ärgerlich, dass du noch nicht laufen kannst. Du möchtest sicher dieses Spielzeug haben, oder?", "Schau mal, wie fühlt sich das an, ist das kitzelig?", "Oh du magst jetzt gar nicht auf den Arm und willst das lieber allein machen" etc. So signalisieren Sie ihm einerseits, dass sie ihn verstanden haben und andererseits, dass seine Gefühle nichts Schlimmes sind und sie ihn trotzt seiner "Eskapaden" lieb haben. Unterschätzen Sie zudem nie das Lernen am Modell! Besonders kleine Kinder schauen sich uns sehr genau an und nehmen uns als Vorbild. Macht man sich dies immer wieder bewusst, ist es langfristig ein sehr viel wirksameres Erziehungsmittel als etwa das Prinzip von Belohnen und Bestrafen. Nehmen Sie ihrem Kind daher die ein oder andere Unsicherheit, indem sie Dinge vormachen und natürlich auch vorleben.

Sie wollen nicht, dass Ihr Kind ein nörgelnder Schreihals wird, dann überprüfen Sie auch Ihren eigenen Ton, sie wollen, dass Ihr Kind lernt, sich auch mal fünf Minuten zu beschäftigen, dann prüfen sie selbst, ob sie beispielsweise ständig hektisch aufs Handy gucken usw. Das ist ja das Schöne an Kindern - sie geben uns die Chance uns selbst auch nochmal ganz neu zu entdecken!

In diesem Sinne:
Ich wünsche Ihnen viel Freude an- und miteinander!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 17.11.2015, 23:23 Uhr

 
 
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