Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Negative Konsequenzen des nächtlichen Aufwachens

Liebe MayasMama!

wie ich sehe, haben Sie mir meine Kommentare nicht übel genommen und das freut mich sehr! Meine Kritik war ja auch nicht an Sie gerichtet, denn mir war klar, dass Sie hier nur einen Erfahrungsbericht als Mutter abgeben wollten.

Sie sehen sicher an meiner Argumentation, worum es mir geht.

Leider stelle ich immer wieder fest, dass es beim Thema Schlaf einen moralisch unterlegten Wettkampf unter Müttern gibt, wer sich am besten aufopfern kann. Die Botschaft lautet dann halt eben: Wenn du es nicht schaffst, nachts alle Stunde geweckt zu werden, so lange dein Kind es fordert, dann bist du eine schlechte Mutter, die selbstverständlich ein schwer bindungsgestörtes Kind bekommt" (natürlich überspitzt fomuliert)

Ich bin Ihnen daher sehr dankbar, dass Sie nochmal explizit herausgestellt haben, dass Sie nicht unter Schlafmangel leiden und die Situation weder Sie noch den Rest Ihrer Familie belastet. Dieses dürfte wirklich eher die Ausnahme als die Regel sein und ich bin mir sicher, dass Sie viele beneiden! Ich nehme daher Ihren freundlichen Post nochmal zum Anlass, ein paar Gedanken los zu werden... und vertraue darauf, dass Sie das wieder als Dialog verstehen!

In puncto Schlaf haben wir unsere Belastungsgrenze nur bedingt selbst im Griff: unser Schlafbedarf ist größtenteils biologisch determiniert, ebenso reagieren manche Frauen extrem gut auf die bei Schwangerschaft, Geburt und beim Stillen ausgeschütteten Hormone, während andere starke Probleme bekommen. Hier scheinen Sie ein Glückskind zu sein! Tatsächlich kenne ich ebensolche Eltern, die mit 4 Stunden Schlaf super zurecht kommen und die Verzeiflung vieler Eltern nicht durchleben müssen. Meist haben da auch die Kinder kein Problem, da sie eben auch vergleichweise weniger Schlaf brauchen.

Natürlich können wir für einen gesunden Lebenswandel, Unterstützung usw. viel dafür tun, dass wir ausgeglichener sind. Doch wir können uns nicht gegen vollkommen gegen unseren Schlafbedarf wehren.

An dieser Stelle stören mich dann auch die meist oberflächlichen Vergleiche mit Naturvölkern, die m.E. oft Folgendes nicht ausreichend beachten:

In unserer westlichen Kultur haben wir eine Fokussierung auf den Nachtschlaf, wie sie bei Naturvölkern i.d.R so nicht vorhanden ist. D.H. wir haben meist nicht die Möglichkeit, Schlafmangel durch Schlafen am Tag (Mittagspause) aufzuholen. Guckt man sich Studien mit Naturvölkern genauer an, sind Tagesruhe- und schlafenszeiten nicht ungewöhnlich, ebenso wie vergleichweise häufigeres Aufwachen in der Nacht. Außerdem haben wir ein kürzeres Schlaffenster für die Nachtschlafzeit, während bei den meisten Kulturvölkern die Zeit vom Sonnenuntergang bis -aufgang auch Ruhezeit ist. Das man man nun kritisieren oder nicht. Fakt ist, langfristig ist es in unserer Kultur einfach für Schule, Beruf etc. wichtig, nachts in einem realtiv engen Zeitfenster die am Tage gesammelte Schlafschuld abzubauen zu können. Das wiederum ist eben auch eine Frage des Lernen und nicht nur des Reifens.

Die elterliche Erschöpfung ist daher nur ein Grund für Ein- und Durchschlafförderung (die übrigens nicht mit Ferbern gleichzusetzen ist). Der andere Grund ist eine gesunde Entwicklung des Kindes! Hier sollte man eben nicht warten, bis ein Kind in der Grundschule durch Tagesmüdigkeit, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen und Reizbarkeit auffällt, sondern dann handeln, wenn längerfristig keine altersangemessene Entwicklung stattfindet und sich Probleme mehren. Normwerte und Tabellen sind mir dabei weniger wichtig als der individuelle Verlauf und die Einschätzung von Eltern, Kinderarzt, Hebamme und ggf. Erziehern /Tagemüttern.

Fazit: Jede Kultur erzieht ihre Kinder passend! Wir können nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, ohne uns zu fragen, was wir ernten wollen. Kulturvergleichende Studien sind extrem wertvoll und haben uns zu Recht manche "moderne" Erziehungspraktik und -vorstellung hinterfragen lassen. Doch sind sie kein Allheilmittel für die Probleme hier.

Das nur als kleine Ergänzung meinerseits.

Nochmals Danke für Ihr Engagement in diesem Forum und die gedanklichen Anregungen!

Herzlichst

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 09.11.2015, 13:30 Uhr

 
 
Unten die bisherigen Antworten. Sie befinden sich in dem Beitrag mit dem grünen Pfeil.
Die letzten 10 Beiträge
Mobile Ansicht

Impressum Über uns Mediadaten Nutzungsbedingungen Datenschutz Forenarchiv

© Copyright 1998-2021 by USMedia.   Alle Rechte vorbehalten.