Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

Antwort:

Negative Konsequenzen des nächtlichen Aufwachens

Liebe Franziska,

jetzt mussten Sie ein Weilchen auf meine Antwort warten, dafür bitte ich um Entschuldigung! Ihre Frage ist wirklich gut, denn wie man in vielen Post lesen kann, bestehen hier große Unsicherheiten.

Wie Sie sehen, gibt es zu diesem Thema sehr unterschiedliche und teilweise auch ideologisch gefärbte Antworten. Auch hier steht man als Eltern also wieder vor der Aufgabe, die veilen Infos zu sortieren und sich selbst eine Meinung bilden zu müssen. Kein Experte wird ohne Gegenexperten bleiben (-;

Ich kenne mich z.B: nicht mit dem Schlaf von Primaten aus - doch finde ich - absehen davon ich die Infos interessant finde - solche Vergleich schwierig und manchmal auch ein wenig willkürlich. Ich möchte schließlich auch nicht für Promiskuität werden oder dafür plädieren, die Kinder meiner Nebenbuhlerin zu fressen , wenngleich das bei Primaten zu beobachten ist...(-;

Was mich an solchen Vergleichen immer stört, ist sind häufig versteckte Botschaften wie " es ist alles natürlich - nur die Eltern wollen oder können sich nicht diesen Bedürfnissen anpassen". Dabei möchte ich diese Absicht meiner Vorrednerin überhaupt nicht unterstellen! Mit Ihrem Beitrag wollte sie Ihnen sicher Mut machen und völlig zu Recht zeigen, dass der Schlaf nicht immer ein Musterschüler sein muss und kann- ich nehme ihn aber jetzt einfach mal exemplarisch für eine ganze Reihe ähnlich gelagerter Beispiele. (und hoffe, sie nimmt es mir nicht übel..)

Also kurz vorweg zu meiner Philosophie:

Mal abgesehen davon, dass die Aussage "Schaden durch Schlafmangel beträfe nur die Eltern" meiner Meinung nach nicht haltbar ist - Familie funktioniert immer nur in Interaktion!

Ich finde es daher nicht nur legitim, sondern auch verantwortungsbewusst, wenn Eltern sich ihrer Belastungsgrenzen rechtzeitig bewusst werden und nach Lösungen suchen, anstatt einen Zustand, unter dem alle leiden, ewig hinnehmen - meist, weil sie von Idealen von sich selbst völlig aufopfernden Eltern geleitet werden. Warum sollte ich als Mutter nicht das Recht haben, gegen dauerhaften Schlafmangel etwas machen, wenn dieser bereits so lange und in solchen Ausmaß existiert, dass ich es nicht mehr aushalte? Selbstverständlich müssen dabei die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt werden, selbstverständlich müssen Kompromisse eingegangen werden. Doch das ist den meisten Eltern meiner Erfahrung nach klar und ich bin überzeugt, dass die allermeisten Eltern das Beste für Ihre Kinder wollen und sich nicht auch rein egoitischen Motiven um den Schlaf sorgen. Ich möchte daher Eltern Mut machen, auch mit sich und ihren Ressourcen achtsam zu sein und damit eben auch ein gutes Vorbild für Ihre Kinder abzugeben.


Doch nun endlich - bevor Sie einschlafen - zu Ihrer Frage:

Die möglichen negativen chronischen Schlafmangels beziehen sich auf folgende drei Ebenen-

a) Kind
b) Eltern
c) Interkation zwischen Eltern und Kind

Im Grunde unterscheiden sich die Folgen für Eltern und Kind gar nicht so sehr, wenngleich bei Kindern der Schlafmangel auf ein eben noch unreifes Hirn trifft. Dieses Hirn ist zwar bis ins hohe Altern noch "formbar", jedoch passiert eben das meiste in der Kindheit. D.h. auch, wenn bestimmte Entwicklungsschritte durch chronischen Schlafmangel schlecht oder verzögert vollzogen werden, ist kein unanbwendbares Schicksal, jedoch ein Hemmschuh, denn man u.U. mit mehr Mühe überwinden muss.

Zunächst: Was passiert im Schlaf?

Schlaf ist ein hochkomplexes System und dient nicht nur geistigen Vorgängen wie Lernen, Konzentration, Aufmerksamkeit etc., sondern beeinflust auch unser Immunsystem, die Ausschüttung von Hormonen und damit auch durch komplizierte Stoffwechselvorgänge indirekt Dinge wie etwa das Gewicht. Schlaf beeinflusst somit sowohl unser körperliches Wohlbefinden als auch unsere psychische Gesundheit. Von Amnetsy International ist Schlafentzug als Methode der weißen Folter anerkannt, was deutlich macht, wie das es sich dabei nicht einfache um eine Lapalie handelt.

Jeder Mensch braucht Schlaf und dabei sowohl Tief-- als auch sogen. REM Schlafphasen, die in der Nacht durch ein mehfaches Durchschlaufen von Schlafzyklen erreicht werden. Dieses "Durchschlafen" eines Zyklus dauert bei Babys und Kleinkinder weniger lang als bei Erwachsenen. D.H. nächtliches Aufwachen ist daher allein deshalb bei (kleinen) Kindern häufiger. Doch ein dauerhaftes stündliches Aufwachen ist eben auch für ein junges Kind zu kurz, um einen Schlafzyklus einmal komplett zu durchlaufen und eben nicht "normal" weil von der Biologie so nicht vorgesehen (sonst hätten Kinder ja eben nicht zunehmend längere Schlafzyklen!).

Wichtig ist Schlaf besonders fürs Lernen. Lernen ist neurobiologisch stark vereinfacht nicht anderes als die Verknüpfung von Nervenbahnen, wobei die relevanten Vernüfpungen weiter ausgebaut werden und die irrelavanten eben nicht. Für diese Prozesse braucht das Hirn Schlaf, von daher gehört er zu optimalen Lernbedingungen dazu.

Was passiert aber bei Schlafmangel?

Es kommt zu einem sogen. Übertrag d.h. z.B. erhöhtem REM- Schlafdruck am Tage. Dieser zeigt sich durch erhöhte Reizbarkeit, geringere Aufmerksamkeit, Konzentration etc.

Langfristig können Lern- und Verhaltensprobleme sowie psychische Beeinträchtigung die Folge sein. Sogar Übergewicht wird in Zusammenhang diskutiert.

Was passiert mit der Interaktion: Chronischer Schlafmangel kann zu einer nicht zu unterschätzenden Belastung einer Familie auswachsen. Übermüdete Eltern sind nicht nur gereizter, sind sind natürlich auch nicht so feinfühlig wie ausgeschlafene Eltern. Wenig feinfühlige Eltern können schlechter eine gute Bindung zu ihrem Kind aufbauen und dessen Bedürfnissen gerecht werden. Schlaf wird zum Dauerthema und belastet nicht nur die Eltern-Kind-Bindung, sondern auch die Paarbeziehung, die Leistung im Beruf, das Sozialleben etc. Das alles kann zu einem Teufelskreis aus wechselseitiger Anspannung auswachen, in denen die Kindern immer unruhiger, zappeliger, und fordernder werden, was wiederum die übermüdeten Eltern weiter überfordert

Ganz wichtig ist mir zum Schluss:

Ich spreche hier NICHT über eine turbolente Woche, sondern Folgen chronischen Schlafmangels! . Wann dieser bei einem Kind oder Erwachsenen auftritt, ist ganz unterschiedlich und lässt sich ohne Kenntnisse des Verlaufs und der weiteren Umstände nicht sagen. Wenn jedoch ein Kind erheblich von einer altergemäßen Entwicklung abweicht und / oder überhaupt keine Entwicklung im Sinne von Verbesserungen festzustellen ist, empfehle ich zu handeln und das Kind entsprechend untersuchen zu lassen. Wenn ein Kind schlecht schläft wird es zwar nicht dumm oder zum Soziopathen, doch hat es eine Hürde zu nehmen, die man durch eine Maßnahmen sicher niedriger machen kann.

In diesem Sinne: Uns allen eine gute Nacht!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz








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von Dr. Meike Bentz am 05.11.2015, 15:13 Uhr

 
 
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