Dr. rer. nat. Meike Bentzs

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Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Nächstes Baby auch?

Liebe Frau Bentz,

nach meinem ersten Sohn, der als Spätfrühchen auf die Welt kam und nur eine Stunde am Stück schlafen konnte waren wir mehr als überrascht, dass auch unsere Tochter sich selbst so schlecht regulieren konnte. Beide waren 24 Stunden Babys- nicht abzulegen, niemals allein zu lassen.

Mein Großer hat jetzt mit vier Jahren nachts einen vier Stunden Rhythmus. ...aber er schafft es weitesgehend sich selbst zu beruhigen und dann weiter zu schlafen.

Unsere Tochter schläft zwei Stunden und braucht uns dann, um wieder in den Schlaf zu finden.

Beide schlafen bei uns.

Tagsüber sind wir sehr rhtyhmisiert und auch unsere Regeln sind klar. Die Kinder kommen (außer bei Änderungen oder Müdigkeit, Krankheit ) mit sich selbst und ihrer Umwelt verhältnismäßig gut klar.

Nun kommt bald baby Nummer drei auf die Welt. Und neben der Sorge, wie gut meine großen das meistern, habe ich wirklich Angst, ob auch unsere Minimaus im Bauch diese Schwierigkeiten haben wird.

Für mich ist es okay nach unsern 24 Stunden u Schrei Baby. Aber für meine Baby Tochter wünsche ich mir doch einen einfacheren Start.

Können wir ihr im Vorfeld oder wenn sie da ist etwas Gutes tun, um sie zu unterstützten? Wird sie auch diese Schwierigkeiten haben?

von emsiger am 29.02.2016, 09:43 Uhr

 
 

Antwort:

Nächstes Baby auch?

Liebe emsiger!

es ist mehr als verständlich, dass Sie sich diese Sorgen machen. wenn nach zwei 24-h-Kinder noch ein drittes Kind erwartet wird, drängt sich gedanklich diese Frage einfach auf

Rein statistisch sieht es so aus: Bislang gibt es keine Beweise für eine erblich bedingte Neigung zum exzessiven Schreien, weshalb das Risiko für Ihre dritte Tochter genauso groß (eigentlich ja klein) wie für alle anderen Kinder auch sein dürfte.

Auf einem anderen Blatt steht die Interaktion zwischen Eltern und Kind. Hier können sich tatsächlich Muster etabliert haben, die bei entsprechender Neigung des Kindes problematisch sein können. Keinesfalls muss dies immer eine schlechte Eltern-Kind-Bindung sein, sondern ich erlebe weitaus häufiger, dass besonders gut informierte Eltern mit hohen Ansprüchen und Erziehungsidealen in gewisse Fallen tappen, und zwar aus Sorge, man könnte etwas falsch machen, die Bindung zerstören, dem Kind schaden.

Für Eltern von einstmals exzessiv schreienden Kindern kommt hinzu, dass sie quasi auf Alarmmodus programmiert sind. Sachen, die Eltern ohne diese Vorerfahrung gar nicht so beunruhigen würden, wirken für diese Eltern oft überaus bedrohlich und provozieren Panikhandlungen. Sie erwarten geradezu Probleme und achten nervös auf alle Kleinigkeiten, was nicht nur enorm anstrengend ist, sondern auch einen natürlichen Zugang zum Kind blockiert. Das ganze kann im Extremfall zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, denn wenn gleich im Alarmmodus reagiert wird, kann es nicht zur Entspannung kommen. In wieweit das alles auf Sie zutrifft, kann ich nicht einschätzen. Ich persönlich erlebe nur immer wieder, wie wichtig eine "Nachbereitung" einer solchen Erfahrung für die Eltern ist, selbst wenn die akute Phase abgeschlossen ist.

Ich könnte mir daher vorstellen, dass Sie mit Ihren Sorgen gut bei Kollegen vor Ort aufgehoben werden, zumal die Schlafgewohnheiten Ihrer ersten beiden Kinder ja auch noch einen "Schubs" in die richtige Richtung bekommen könnten. Dabei geht es nicht um Dressur der Kinder zum Durchschlafen, sondern um die Förderung des gesunden Schlafs. Sie legen sicher viel Wert auf eine bindungsorientierte Erziehung und Ihren Kindern nichts zumuten, was die Bindung belasten könnte. Wenn allerdings Kinder im Kleinkindalter alle 2 Stunden nachts wach werden, ist das nicht nur anstrengend, sondern kann die kognitive Entwicklung beeinträchtigen. Gerade das wachsende Hirn braucht beides REM- und Tiefschlafanteile, aber auch die Ausschüttung von Wachstumshormonen kann bei dauerhaftem Schlafmangel beeinträchtigt sein und das Risiko von Übergewicht und Verhaltensprobleme steigt. Auch wenn man seinen Kindern die intensive Schlafbegleitung gönnt, wenn eine Schlafstörung vorliegt, sollte gehandelt und nicht abgewartet werden, bis sich das von allein auswächst. Bei allen anderen Entwicklungsthemen wie Motorik, Sprache etc. werden haufenweise Hilfsangebote angenommen, doch beim Thema Schlaf, der die Basis einer gesunden Entwicklung liefert, besteht häufig die Ansicht, dass eine Intervention nicht nötig bzw. ein „unnatürlicher“ Eingriff in die kindliche Entwicklung sei. Dabei lassen sich Schlafförderung und bindungsorientierte Erziehung gut vereinbaren, wenn man keine Dogmen im Kopf hat. Über Ihre Situation kann ich mir natürlich kein Urteil erlauben, und möchte Ihnen auch kein Problem andichten. Von daher sind dies nur Gedanken, die mir zu dem Thema gekommen sind und Ihnen vielleicht auch nützen.
Was die Möglichkeit zur Vorbeugung betrifft, so gibt es leider keine Empfehlung außer der, sich möglichst wenig Stress und Ängsten auszusetzen und mögliche Depressionen und andere psychische Probleme zu behandeln. Das unreife Hirn eines Ungeborenen scheint besonders empfindlich für ein Übermaß an Stress zu sein, so dass dieser oft zitierte Hinweis wirklich nicht trivial ist. Es kann daher allein schon deshalb sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe zu holen, um ein Ventil für diese Dinge zu haben, wenn man merkt dass sie überhand nehmen.
So oder so, ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und Ihnen persönlich eine unbeschwertere Schwangerschaft!
Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 02.03.2016

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