Dr. rer. nat. Meike Bentzs

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Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Nachtschlaf und Klammern

Liebe Frau Bentz!
Mein kleiner Sohn,7 Monate, stellt mich vor Rätsel..!
Seit er 4 Monate alt ist, schläft er sehr unruhig.
Zeitgleich fing er auch an, stark zu fremdeln. Er war motorisch schon sehr weit, was unsere Kinderärztin sogar im u-Heft vermerkt hatte, und ich hab das Gefühl, er kam mental einfach nicht hinterher. Er war alle 1-2 Std wach und ich habe ihn in den Schlaf gestillt. Aufgestanden ist er um 4 oder 5.... Ich habe DAS für stressig gehalten, jetzt wünsche ich mir diesen Zustand zurück......
Nun waren wir eine Woche im Urlaub. Das hat ihn so sehr aufgewühlt, dass er wirklich alle 20 min wach war und zusätzlich 1-2 Std nachts um 2 fit!! Sobald ich weg war, hat er geschrien.

Tagsüber trage ich ihn auf dem Arm oder im Tuch. Habe den Tag strukturiert und Rituale.
Nun sind wir wieder zu Hause, und er ist "nur"noch stündlich wach. Aber er hält mich im Schlaf fest und ist einfach unruhig!!! Sobald ich mich wegbewege, merkt er es :-( und auch nur mit Zug versuchen kann ich ihn überhaupt ablegen, was sehr belastend ist und vorher kein Problem darstellte.
Er klammert unheimlich. Selbst bei meinem Mann ist er unglücklich, wenn ich aus dem sichtfeld Verschwinde.
Ich habe wirklich keine Pause, bin Tag und Nacht im Einsatz :-/. Schmerzen sind es nicht, habe schon paracetmol gegeben.

Randinfos: er schläft seit Geburt in meinem Bett, wird voll gestillt (und auch satt davon), tagsüber viel getragen und bekuschelt :-) und Breieinführung klappt tadellos. Er ist auch fröhlich und neugierig.
Schlafen tut er von 19:30-05:00/05:30, dann 8:00-09:00 und 12:30-13:30. er hat 3 zähnchen bekommen, krabbelt noch nicht, aber hat wahnsinnig viel in kurzer Zeit gelernt, eigentlich jeden Tag neues.
osteopathin waren wir 2mal, alles gut.

Auch das stillen geht nur, wenn ich mit ihm alleine in einem vertrauten Raum -oder Auto-bin. Ansonsten reißt er sein Köpfchen bei jedem leisesten Geräusch los, er ist einfach total abgelenkt.

Was kann ich denn tun, damit die Nächte erholsam werden? Trage ich zu viel und habe ihn verwöhnt??
Gibt es trickS, homöopathisches oder dergleichen, was hilft?
Bin so ausgepowert.. Jetzt gerade, es ist 4:00!uhr, schreit er einfach los wie am Spieß, bis ich ihn auf den Arm nehme. Er wacht auf und brüllt!!! Er lässt sich gar nicht mehr ablegen!!! Vor dem Urlaub hab ich halt gestillt und ein zufriedenes Baby neben mich gelegt. Er hat nie gebrüllt nachts, immer nur gequengelt, jetzt wacht er auf und es geht von 0 auf 100. ich habe so ein Schlafdefizit, obwohl ich tagsüber mitschlafe. Es ist eine ungeheure Belastung. Kochen, Haushalt, duschen, Toilette-Alles mache ich mit Kind ..

Das kann nicht wahr sein, er liegt neben mir, stillkissen auf der einen Seite, meine Hand auf ihm oder arm rum, und er brüllt trotzdem!

Habe ihn nie schreien lassen und trage eben superviel. Mache ich doch viel Verkehrt und habe ihn dahin "erzogen" :-(???

Liebe Grüße, Ira
 

von Löwenherz82 am 02.08.2016, 07:34 Uhr

 
 

Antwort:

Nachtschlaf und Klammern

Liebe Ira,
Ihre Situation als „anstrengend“ zu bezeichnet, ist wohl eine harmlose Untertreibung, und ich kann mir gut vorstellen, wie ausgepowert Sie sind!

Auch wenn ich immer dafür plädiere, nach bestimmten Ereignissen wie Krankheit, Urlaub, Umzug etc. aufkommende Unruhe zunächst mit Ruhe und Gelassenheit zu betrachten, in Ihrem Fall gehe ich aufgrund Ihrer Beschreibungen nicht wirklich von einer „Phase“ aus. Der Urlaub mag einiges verschärft haben, doch die Grundtendenz zu Schlafstörungen zeichnet sich ja schon länger ab.
Tatsächlich kann und sollte es so nicht weitergehen – das übersteigt auf die Dauer sowohl Ihre als auch die Kräfte Ihres Kindes.

Was also tun?
Sie machen sehr deutlich, dass Ihnen ein bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind sehr wichtig ist. Gleichzeitig aber lassen Sie Zweifel anklingen, ob nicht dieser Weg Ihr Kind quasi zum Problemkind „erzogen“ habe. Zunächst eine kleine Entwarnung: Zum Tyrannen kann man einen 7-monate altes Baby noch nicht. Es ist also nicht Ihre Schuld, wenn Ihr Kind die Tendenz zur chronischen Unruhe und Regulationsproblemen hat!

Dennoch kann es sein, dass Ihr Kind, von dem Sie ja selbst sagen, dass es irgendwie besonders sei und wohl dazu neige, sich zu überfordern, einfach etwas anderes braucht. Dies mag sehr befremdlich klingen, heißt es doch überall: Stillen nach Bedarf, viel Tragen, promptes Reagieren, das Kind seinen Rhythmus finden lassen etc. Viele Eltern, die sehr hohe Erziehungsideale haben und sich intensiv mit bedürfnis- und bindungsorientierten Ansätzen auseinandergesetzt haben, sind dann ebenso verwirrt wie sie: Sie haben Ihr Kind nie weinen lassen, es quasi 14 Stunden getragen, immer sofort reagiert, sie stillen und geben viel Nähe und trotzdem schreit das Kind.
Verstehen Sie mich nicht falsch! Dies ist kein Plädoyer gegen diese Ansätze! Grundsätzlich ist das auch richtig und wichtig! Doch Kinder mit Regulationsschwierigkeiten brauchen eben mehr elterliche Hilfestellung und auch mehr elterliche Vorgaben. Bei Ihnen funktioniert das, was für andere toll ist, eben nicht, da u.a. bestimmte Rückkopplungsprozesse gestört sind. So sind viele z.B. überfordert, überhaupt einen stabilen 24-h-Rhythmus zu entwickeln, wieder andere haben Schwierigkeiten mit der Hunger-Sättigungsregulation und wieder andere mit dem „Runterfahren“ und der Verarbeitung von Reizen. Reagiert man als Eltern nur und traut sich nicht aktiv zu lenken und vorzugeben, so kann dies in Sackgassen führen.

So wird .B. ein Kind, was Schwierigkeiten hat, sich bei Reizen runterzufahren, von allein nicht signalisieren, „Hilfe, es ist mir zu viel. Ich möchte einfach nur meine Ruhe!“ - eben weil es genau das nicht kann. Diese Kinder sind im Gegenteil, sehr dankbar für jede Ablenkung und können einen regelrechten Reizhunger entwickeln. Dies führt viele Eltern in die Falle. Sie merken, dass Ihr Kind sich wunderbar durch Dinge wie Wippen auf dem Pezziball, dem laufendem Fön, oder dem stundenlangen Tragen mit mütterlicher Gesangseinlage beruhigen lässt. Doch kommt man diesem vermeintlichen Bedürfnis nach, so wird das Weinen kurzfristig abgestellt, doch das eigentliche Bedürfnis nach Ruhe und Reizreduktion nicht befriedigt. Die Folge ist dann typischerweise ein Teufelskreislauf aus chronischer Überreizung und Reizhunger.

Der erste Schritt ist daher, sich als Eltern zu trauen (und ich schreibe das bewusst so, weil ich weiß, dass viele Eltern hier wirklich unsicher sind), die Rolle eines Wegweisers einzunehmen. Sie leben schon länger in dieser Welt und wissen wie sie funktioniert. Ihr Kind kann die Folgen seines Handelns nicht absehen, und versteht daher nicht, dass es keine Lösung ist, buchstäblich 24-h an Mama zu klammern, weil Mama dann irgendwann umkippt. Es versteht auch nicht, dass es anders geht, weil die entsprechenden Erfahrungen fehlen. Kurz: die Impulse zur Veränderungen müssen von Ihnen kommen.

Die Alternative wäre, Sie warten ab, und setzen allein auf den Faktor Reife, hoffen, dass sich das auswächst. Viele Eltern denken, dass letztere Strategie „natürlicher“ sei, und man dem Kinde eben nur die Zeit geben müsse, die es braucht. Auch das ist grundsätzlich nicht falsch. Doch mal abgesehen davon, dass es dann letztendlich eine Frage der persönlichen Ressourcen ist (wie lange kann man so einen massiven Schlafentzug mitmachen), ist auch dieser Weg nicht risikofrei. Weicht ein Kind deutlich von der durchschnittlichen Entwicklung ab, muss das keinen Krankheitswert haben, doch es bedarf der Beobachtung. Halten Schwierigkeiten an, stagniert die Entwicklung längerfristig oder verschlimmern sich die Probleme, so besteht Handlungsbedarf.

Der zweite Schritt besteht dann darin, zu klären, welche Bedürfnisse Ihr Kind wirklich hat. Hat es das Bedürfnis ausschließlich bei Mama zu sein? Nein, es hat das Bedürfnis nach feinfühliger Zuwendung, und die kann es genauso gut auch vom Papa bekommen – nur dass hier vermutlich einfach die wiederholte Erfahrung fehlt, dass der es genauso kann. Zeigt sein Weinen, dass es Papa nicht mag und nun wieder zu Mama muss und nur dort glücklich ist und sich seelisch gesund entwickelt? Nein, es zeigt, dass er Personen differenzierter wahrnimmt und das manchmal stressig und ungewohnt sein kann. Das ganze könnte man jetzt mit Dingen wie ständigem Tragen und anderen intensiven Beruhigungsmaßnahmen fortsetzen. Doch ich hoffe, Sie verstehen, was ich ausdrücken will.

Das war jetzt eher eine Betrachtung der Elternrolle, und weniger eine Anleitung für den Alltag. Ich fand diesen Aspekt in Ihrem Beitrag jedoch so stellvertretend für viele andere Eltern, dass ich Ihn genauer beleuchten wollte. Das Ausbrechen aus diesen Mustern ist nicht immer ganz leicht, und wie immer empfehle ich an solchen Stellen den neutralen und versierten Blick von Kollegen vor Ort. Ich kann hier immer nur Eindrücke aufnehmen, und keine Diagnosen stellen. Dies jedoch wäre aus meiner Sicht wichtig, um eben zu erkennen, was Ihr Kind braucht und eben was auch nicht! Vielleicht lesen Sie einmal den nachfolgenden Beitrag, wo es um Schreiambulanzen geht.

Alles Gute für Sie!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 05.08.2016

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