Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Kinderkrippe mit 2 Jahren

Guten Tag,

Ich habe keine Frage zum Thema schreien , aber hoffe sie können mir trotzdem helfen:

Ich habe bereits mehrere Kinder-Psychologen gefragt und irgendwie gehen die Meinungen komplett auseinander.

Meine Tochter soll mit 2 Jahren in die Kinderkrippe, für ca 8 Std täglich.

Die Eingewöhnung erfolgt nach dem Berliner Modell.
Die Krippe versucht am 3. Tag einen Trennungsversuch und steigert die Zeit in der ich draußen warte von mal zu mal.

Ich habe der Krippe schon gesagt, das ich meiner Tochter erstmal die Zeit geben möchte, alles kennen zu lernen und Vertrauen aufzubauen.
Ob diese auf meinen Wunsch eingehen weiß ich noch nicht.

Die einen Psychologen sagen, ein Kind soll so lang als möglich von der Mutter begleitet werden um seelischen Schaden vorzubeugen und die anderen sagen, man dürfe Kindern diesen Schritt ruhig zutrauen, nach 3 Tagen erste Trennungen durchzuführen. .

Wie sehen Sie das ?

Danke und LG

von JEW am 12.08.2015, 18:27 Uhr

 
 

Antwort:

Kinderkrippe mit 2 Jahren/ ergänzende Infos

Ich sollte evtl noch erwähnen das meine Tochter noch zum einschlafen gestillt wird. Aber nur deswegen, weil sie seit dem 6. Monat extrem unter dem zahnen leidet. Ohne Schmerzmittel ist es in der akuten Phase nicht möglich.
Das einzige was ihr hilft ist das stillen in der zeit.
Da es nur noch 2 Zähne sind, wollte ich bis dahin warten um endgültig abzustillen.

Sie hängt sehr an mir. Wenn Oma oder Papa kommen , sagt sie immer erst Neun und kommt zu mir.
Nach 5 min geht sie aber mit beiden ohne Probleme mit und sagt "tschüss Mama , bis später" und gibt mir ein bussi und lässt sich den gabzen Tag betreuen.

Ich habe sie noch nie schreien gelassen . Schlafen tun wir im Familienbett

von JEW am 12.08.2015

Antwort:

Kinderkrippe mit 2 Jahren

Liebe JEW!

da haben Sie eine wirklich heiß diskutierte Fragen gestellt! Wenn Sie sich mal im Netzt umschauen werden Sie sehen, dass ganze Glaubenskriege sich um diese Frage drehen. Gucken Sie sich etwa die die nun aktuell heiß debattierte Studie von Prof. V. Roessner an, dem Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden. Sie kommt zum Schluss, dass gerade Kinder in den ersten zwei Lebensjahren vom Besuch einer Kita profitieren und zwar unabhängig vom sozialen Hintegrund und in Bezug auf die Vorbeugung psychscher Störungen.

Gucken Sie dagegen das Forum von dem verstorbenen Herrn Dr. Posth an, einem renommierten Kinderarzt und Kinder- und Jugendpsychotherapeut, so werden Sie dort eine sehr kritische Haltung und die Warnung von psychischen Störungen durch einen zu frühen Kitabesuch finden.

Beides sind bzw. waren anerkannte Experten -beide haben / hatten sich explizit das Kindeswohl auf die Fahnen geschrieben. Und nun?

Diesen Dissens werde ich mit meiner Antwort nicht auflösen können. Er existiert einfach. deshalb möchte ich an dieser Stelle auch darauf verzichten, Sie mit unendlich vielen Studienergebnissen zuzuschütten. Eine aus meiner Sicht wirklich gelungene, laienverständliche und neutrale Darstellung der Chancen und Risiken von Fremd- , aber auch von Familienbetreuung aufbauend auf internationalen Forschung findet sich bei Liselotte Ahnert (2010). Wieviel Mutter braucht ein Kind? Bindung-Bildung-Betreuung: öffentlich und privat. Heidelberg: Spektrum.

Ich selbst bin Mutter, Psychologin und habe mich für eine realtive frühe Wiederaufnahme der Berufstätigkeit und einer frühen Kindesbetreuung entschieden, sehe dies aber nicht als einzig richtigen Weg! Ich habe hier die Luxussituation, dass nur ein paar Meter vor der Haustür der Kinderschutzbund (!) eine Kita leitet, die übringens auch schon Kinder ab sechs Monaten betreut. Der Betreuungschlüssel ist natürlich toll, ebenso wie die fachliche Ausbildung, Motivation und geringe Fluktuation der Mitarbeiter. Dass dies nicht überall der Fall ist und es zweifelsohne leider auch viele Einrichtungen gibt, denen ich meine Kinder nicht anvertrauen würde, ist mir klar. Hier herrscht noch viel Handlungsbedarf und gesellschaftspolitisches Umdenken.

Ferner finde ich die Kritik, die durch die sogen. Cortisolstudien (Stress in Kitas) laut wurde, durchaus berechtigt, Mein persönliches Fazit heißt jedoch nicht Verzicht auf Fremdbetreuung, sondern Qualitätssicherung und -steigerung bei den Einrichtungen. Hier sind auch wir Eltern gefragt!

Davon unabhängig ist selbst bei bester Qualität die Kita sicher nicht für jedes Kind und jede Muter und /oder Vater zu jedem Zeitpunkt eine gute Lösung. Außerdem: was spricht gegen eine Familienbetreuung, sofern dies möglich und gewünscht ist? Natürlich muss man sich auch hier im Klaren sein, dass ein Verzicht auf Fremdbetreuung nicht automatisch mit guter, bindungsorientierte Erziehung gleichzusetzen ist. Andersherum reicht aus meiner Sicht die Datenlage auch nicht, um in der Betreuung in Familien einen generellen Nachteil zu erkennen. Dafür ist das Thema schlicht zu multifaktoriell.

Wie also entscheiden?


Im Idealfall wäre aus meiner Sicht die Entscheidung pro oder contra Fremdbetreuung als einen gemeisamen Prozess zu verstehen, der gemeinsam mit der Familie durchlaufen wird und zwar ergebnisoffen. Wird im Laufe der Zeit sichtbar, dass einer der Beteiligten der eingeschlagene Weg nicht gangbar ist, so muss neu gedacht werden. Dies ist leider selten so zu realisieren, doch alternative Betreungsformen wie Tagesmütter und / oder alternative Betreuungszeiten bzw. ein spätere Betreuungsbeginn bieten hier zumindest etwas mehr Handlungsspielraum, wenn es in der Kita nicht klappt. Es muss daher nicht entweder oder, sondern eher wann, wie und wie lange heißen.

Grundvoraussetzungen, die eine Kita bieten muss, liegen im geeigneten Betreungsschlüssel, Gruppengröße, Qualifikation und Feinfühligkeit der Erzieher, wenig Fluktuation und in einer guten, vertrauensvollen Elternarbeit. Die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell sollte ebenfalls Standard sein (vgl. Ahnert, 2010)

Inwieweit das in Ihrer Kita erfüllt ist, kann ich nicht beurteilen. Doch wenn Sie die Punkte persönlich abhaken können, dann hätte ich keine Bauchschmerzen damit, einen Versuch zu starten! Mit Ihrer Nähe spendenden, sensiblen und liebevollen Art haben Sie Ihre Tochter schon mit allerlei Rüstzeug zum Gelingen ausgestattet.

Nur ein Tipp: Planen Sie bitte den Zeitbedarf für die Eingewöhnung sehr großzügig und planen Sie einen Puffer für den Jobeinstieg ein. So kommen Sie nicht gleich unter Stress, wenn es nicht klappt und wenn doch, dann freuen sich alle.

Berichten Sie doch mal! Und wundern Sie sich nicht, wenn die Diskussion so oder so heiß wird. Sie müssen mit Ihrer Entscheidung leben und nicht die anderen! Wie diese auch aussieht, ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 13.08.2015

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