Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Einschlafstillen

Guten Morgen,

meine Tochter hat es sich angewöhnt zum Einschlafen gestillt zu werden. Alle anderen Methoden (singen, Bettchen schauckeln...) blieben erfolglos.
Das finde ich aber gar nicht schlimm. Ich gebe ihr gerne die Zuwendung und Sicherheit. Da sie aber seit 2 Monaten nach 2 Stunden Schlaf schon wieder aufwacht und danach oft auch jede Stunde bin ich zur Erziehungsberatung gegangen. Sie empfiehlt mir das Stillen nicht mehr mit dem Einschlafen zu verbinden, da meine Tochter vermutlich deshalb so oft aufwacht. Ich lege sie nach dem Stillen in ihr Bett in ihrem Zimmer. Meist klappt das auch nachts im halbschlaf problemlos. Wenn nicht lege ich mich mit ihr auf eine Matratze in ihr Zimmer und wir "schlafen" dort gemeinsam weiter. Ehebett ist ein Wasserbett und kein Platz für das Kinderbett daneben.
Meine Fragen an sie:
Wie bewerten Sie das Einschlafstillen allgemein?
Denken sie auch, dass das häufige Aufwachen damit zusammen hängt?
Welchen Tipp würden sie mir geben nachdem ich ihnen unsere nächtliche Schlafsituation geschildert habe?

Vielen Dank für ihre Geduld und ihre tolle Arbeit.

von Helene13 am 22.04.2016, 07:00 Uhr

 
 

Antwort:

Meine Tochter ist 9 Monate alt...

... und ich habe gerade noch ihre Antwort zu einem ähnlichen Fall gelesen. Gleiches werden sie mir wahrscheinlich auch raten. Ich weiß einfach nicht ob ich die Kraft habe diese sanfte Entwöhnung durchzuziehen, da es meist so einfach ist das Baby mit Stillen zu beruhigen. Nur eben die Häufigkeit des Aufwachens ist sehr anstrengend. Wie lange kann es dauern bis das Stillen zum Einschlafen abgewöhnt ist und danach längere Schlafphasen entstehen?
Liebe Grüße einer schlaflosen Mutter.

von Helene13 am 22.04.2016

Antwort:

Einschlafstillen

Liebe Helene13,

also "schlimm" ist das Einschlafstillen nicht. Es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass die Babys (und ihre Mütter) beim Stillen besonders gut und schnell entspannen. Außerdem ist das Trinken ja für die Kleinen auch ein Kraftakt, was jeder nachvollziehen kann, der schon mal aus einem 2-Lochsauger versucht hat, zu trinken. Sie sind daher meist nicht nur satt, sondern eben auch müde und schlafen ein. So können viele Mütter gar nicht anders als Einschlafstillen, denn sonst müssten sie ja ihr Kind wecken, um es ins Bett zu legen...(ich hatte schon Mütter, die aus lauter Panik genau das gemacht haben, doch das ist absolut überzogen).

Bei Weitem ist es auch nicht so, dass jedes Kind danach Ein- oder Durchschlafprobleme bekommt. Auch wenn Stillkinder etwas später durchschlafen und das Abstillen nachts meist mit etwas mehr Ausprobiererei verbunden ist, ist Stillen an sich kein Hemmnis für guten Schlaf.

Allerdings - und jetzt kommt wieder das ABER - scheinen einerseits gewisse Kinder besonders empfänglich für eine enge Verknüpfung zwischen Schlafen und Stillen zu sein. Hinzu kommen ungünstige Interkationen zwischen Eltern und Kind, wie etwa Missverständnisse bei der Interpretation kindlicher Signale (z.B. Schreien = immer Hunger = immer Stillen). Natürlich ist es auch so, dass man aus Übermüdung und Erschöpfung manchmal einfach mal schnell einen "Beruhigungsschluck" anbietet, um schnell wieder Ruhe zu haben, obwohl das Kind vielleicht einfach nur gelangweilt, überfordert oder müde ist oder etwas nicht erreichen kann. Das ist einfach nur menschlich.

Allerdings muss man kein Psychologiestudium abgeschlossen haben, um zu sehen, dass dies auf Dauer problematisch werden kann. Werden sämtliche Unruhe-, Überlastungszustände oder andere unangenehme Gemütslagen und Körpersignale eines Kindes mit Stillen beantwortet, so lernt ein Kind natürlich irgendwann ganz ohne bewusste Prozesse, dass es Stillen für all dies braucht und lernt nicht bzw. verlernt, die passenden Aus-Knöpfe (sprich Schlafen, Abwenden, Zuwenden, Essen etc.) zu finden. Nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen können solche Verknüpfungen auftreten, wie man an sogenannten "Stressessern" sieht. Diese Personengruppe hat tatsächlich oft Schwierigkeiten, Hunger von anderen Zuständen wie Unruhe, Angst, Wut, oder Langeweile zu unterscheiden und gelernt, dass sich Unangenehmes mit Essen wegdrücken lässt. Dieser Link kann sehr hartnäckig sein - trotz entsprechender Einsicht.

Es macht also trotz allen modernen Wissen um die Wichtigkeit einer bedürfnisgerechten und bindungsorientierten Umgangs mit Kindern durchaus Sinn, diese Aspekte im Blick zu haben, ohne jedoch in blinden Aktionismus zu verfallen. Ich persönlich sehe eine Handlungsnotwendigkeit also nicht zwangsläufig gegeben, sondern nur, wenn eine oder beide Parteien sich in einer Sachgasse befinden. Selbst wenn Sie als Mutter also keine größeren Schwierigkeiten haben und über eine bewundernswerte Geduld verfügen, kann es für das Kind durchaus sinnvoll sein, dass Verhalten zu ändern. Als Faustregel sollte daher die allgemeine Entwicklungstendenz angeguckt werden. Wichtig ist, dass sich mit steigendem Alter und einhergehender Reife eine positive Entwicklung abzeichnet und kein dauerhafter Stillstand oder eine Verschlimmerung.

Ich weiß nicht, wie alt Ihre Tochter ist, doch nächtliche stündliche Stillabstände sind dauerhaft (und nicht in Form von gelegentlichen Clusterstillen) wirklich zu kurz und sollten, wenn das Kind über die anfängliche Neugeborenphase hinaus ist, kritisch beobachtet und nicht allzu lange hingenommen werden. Denn selbst wenn der Schlafzyklus eine Babys kürzer ist als der eines Erwachsenen, so reicht eine Stunde einfach nicht aus und es kommt zum Fehlen von Tief- und oder REM-Schlaf und beides ist wichtig für die körperliche und geistige Entwicklung.

Selbstredend sind Sie nun keine Rabenmutter, wenn es Ihnen schwerfällt, von diesem Prozedere abzukommen. Das ist verdammt schwer und besonders, wenn man moderne Erziehungsansprüche verinnerlicht hat und sich nun fragt, wie das zusammengehen soll. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es meiner Meinung nach geht und Kompromisse aus bindungsorientierten und lerntheoretischen Ansätzen möglich sind.

Ob ich Ihnen dazu raten würde?

Ja, wenn:
- Ihre Kleine normalgewichtig und gesund ist und ansonsten keine körperliche Ursachen für Schlafstörungen bestehen
- der Tagesrhythmus sonst regelmäßig ist und die Schläfchen am Tage adäquat zum Schlafbedarf als auch zeitlich optimal liegen (nicht zu nah am Abend)
- das Schlafbedürfnis den tatsächlichen Bettzeiten übereinstimmt, ein Kind also weder länger noch kürzer im Bett liegen muss
- wenn ansonsten die Schlafhygiene stimmt (Raum muss eher kühl, dunkel und ruhig sein, rechtzeitiger Ausklang des Abends, kein Fernsehen beim abendlichen Stillen, nächtliches Wickeln nur wenn nötig etc.)

Das Wie ist dann wiederum eine andere Frage und lässt sich so pauschal nicht beantworten - zumal ich das Alter Ihrer Kleinen nicht kenne und nichts über Ihre Familiensituation und nur wenig über Ihre Vorgeschichte weiß. In vielen Fällen kann der Papa helfen, anderen Müttern hilft es, nachts abgepumpte Milche oder Flaschennahrung zu füttern, um mehr Kontrolle über die Milchmange zu haben. Einige legen Ihr Kind wach ins Bett und legen oder setzen sich dann daneben usw. usw.

Mein Vorschlag wäre daher, dass Ganze nochmals mit der Erziehungsberatungsstelle durchzusprechen. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Eltern diese Sorgen haben. Sie müssen ja schließlich keine Musterschülerin sein und dürfen ruhig Zweifel und Bedenken thematisieren. Auch müssen Sie niemandem gefallen oder niemanden etwas beweisen. Sie sind es schließlich, die mit Ihrem Kind einen Weg gehen müssen

Ihre Geduld wird Ihnen dabei sicher weiterhelfen. Diese ist meines Erachtens auf lange Sicht besser investiert, wenn Sie sie dafür nutzen, um nachhaltig etwas zu verändern und nicht, um einen suboptimalen Zustand länger auszuhalten. Doch auch das ist letztendlich Ihre Entscheidung, die ich Ihnen nicht abnehmen kann oder will.

So oder so drücke ich Ihnen die Daumen und wünsche alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 24.04.2016

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