Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Einschlafstillen - bis wann?

Liebe Frau Bentz,
mit Bedauern lese ich, daß Sie Ihre Arbeit hier beenden, wie Schade!

Ich möchte gerne noch eine Frage zu meinem 6 Monate (4 Wochen zu früh) alten Sohn stellen.

Ich hatte ab der 20.Ssw eine sehr schwierige Schwangerschaft, musste viel Liegen und hatte tlw auch Angst um ihn. Direkt nach der Geburt, bei der er sich als sehr leicht herausstellte, musste er 4 Tage alleine in die Kinderklinik und hat Zickerinfusionen bekommen. Danach dürften er dann mit 2200g nach Hause.
Zudem hat er eine als Frühchen geborene und 8 Wochen später verstorbene Schwester.
Trotz alledem bestätigen uns alle Außenstehende wie KiA und Hebamme, dass wir sehr gelassen und entspannt mit ihm umgehen.

Nun zum Thema.
Unser Sohn konnte von Anfang an nicht alleine schlafen, anfangs ging es nur auf uns. Inzwischen schläft er super im Elternbett ein, wenn er gestillt wird. Ich versuche allerdings immer ihn abzudocken bevor er richtig einschläft, was glaube ich auch einigermaßen klappt. Ich lasse ihn aber immer dort liegen, wenn ich ihn umlege, wacht er oft wieder auf.
Alleine einschlafen im Bett geht gar nicht, weizerschlafen auch nur manchmal. Ich versuche es aber immer wieder erstmal mit streicheln etc.
Ansonsten schläft er manchmal in der Trage, auch bei meinem Mann, schreit aber dann einige Minuten oder im Auto (meist haben wir aber nur kurze Fahrten).
Das ist aber beides eher selten, normalerweise ist er dann wach. Und wenn er schläft, dann nur kurz. Ist danach aber wieder sehr vergnügt.

So muss ich mich alle 2h mit ihm hinlegen, Er meckert dann auch, so dass ich weiß, dass es wieder an der Zeit ist.
Manchmal kann ich mich davonstehlen, wenn er eingeschlafen ist, oft wacht er dann aber auf.

Nachts kommt er leider mindestens alle 1-2h, es waren auch schon mal 3 oder 3,5. Mehr hat er in seinem ganzen Leben aber noch nicht am Stück geschlafen.

Wenn er wach ist, ist er sehr aufmerksam und kann sich auch mal 10min alleine Beschäftigen.
Er nimmt extrem gut zu, sieht aus wie ein Buddha und mit Beikost haben wir gerade angefangen. Das Stillen wird aber noch nicht weniger.

Meinen Sie wir müssten mit ihm mal zu Spezialisten oder ist das noch im Rahmen?
Ich denke oft, er wäre ein Schreibaby, wenn wir ihm am Anfang nicht erlaubt hätten auf uns zu schlafen und ich ihn jetzt nicht in den Schlaf stillen würde.

Was raten Sie uns?

Herzlichen Dank und alles Gute für Sie!

von Karlafrodo am 26.08.2016, 11:50 Uhr

 
 

Antwort:

Einschlafstillen - bis wann?

Noch zur Ergänzung, Geburt und Tod unserer Tochter ist jetzt 6 Jahre her, wir hatten nicht mehr mit Nachwuchs gerechnet aufgrund unseres Alters.

von Karlafrodo am 26.08.2016

Antwort:

Einschlafstillen - bis wann?

Liebe karlafrodo!

Vielen Dank für die netten Wünsche! Keine Sorge: es ist ja nur meine Zusammenarbeit mit rund-ums-baby beendet worden. Ich werde nicht vom Erdboden verschwinden und weiterhin für Eltern wie Sie da sein.

Zu Ihrer Frage:
Es tut mir zunächst wirklich sehr leid, dass Sie schon den Verlust eines Kindes erleben mussten. Einfach grauenhaft! Sicher hat das nicht gerade dazu beigetragen, dass die zweite Schwangerschaft entspannt und unbeschwert verlaufen konnte. In der Tat sind Ängste und Stress während der Schwangerschaft ein Risikofaktor für spätere Regulationsstörungen. Ebenso scheint es möglicherweise Zusammenhänge zwischen der Behandlung mit Wehenhemmern und Präparaten zur Lungenreife und spätere Neigung zu chronischer Unruhe zu geben. Eine zu frühe Geburt ist dagegen nach neuesten Studien kein Risikofaktor, es sei denn es handelt sich um wirklich sehr viel zu früh geborenene Kinder. Hier scheinen eher die Begleitumstände: länge Hospitalisierung sowie Komplikationen entscheidend zu sein, und weniger der Reifegrad – was ich selbst erstaunlich finde.

Ich möchte es mal so ausdrücken: sicher hätte man Ihnen und Ihrem Kind einen anderen Start gewünscht. Doch Sie haben die Situation sich ja nichtausgesucht oder verschuldet und angesichts mangelnder Alternativen ist es dann auch müßig, sich darüber vertiefende Gedanken zu machen. Ändern lässt sich ja nichts mehr daran.

Was die Frage nach einer möglichen behandlungswürdigen Störung betrifft, so ist der Grad zwischen „besonderen Bedürfnissen“ und „behandlungsbedürftigen Störung“ schmal. Von daher ist es nicht leicht, hier eine Aussage zu treffen. Selbst ich finde es kritisch, wenn nahezu jedes Kind, was nicht ganz pflegeleicht ist und unter ein paar Startschwierigkeiten leidet, voreilig pathologisiert wird. Andererseits ist es auch nicht immer empfehlenswert nur auf den Faktor Reife zu setzen oder alle Schwierigkeiten einfach so hinzunehmen, so wie es z.T. auch in einigen Ratgebern suggeriert wird. Hier liegt für mich ein Missverständnis von Bindung und Bedürfnisorientierung vor, denn so manche Schwierigkeit ist eben nicht Ausdruck eines natürlichen Bedürfnisses sondern Ausdruck einer Störung. Ein Kind mit seinen Eigenarten, seinem Entwicklungstempo und seinen Schwierigkeiten anzunehmen darf eben nicht dazu führen, dass Probleme nicht angegangen werden. Die Aussage „Mein Kind ist eben ein 24-h-Kind“ kann dann schnell zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, da mögliche Veränderungsmöglichkeiten und Handlungsalternativen nicht erkannt werden.

Entscheidend ist für mich immer, wie die individuelle Entwicklung verläuft: Gibt es Fortschritte oder stagniert ein Kind seit längerem oder zeigt sogar Rückschritte? Normwerte können hier nur eine grobe Orientierung bieten, denn die Unterschiede zwischen Kinder sind groß. Es ist daher wichtig zu berücksichtigen, von welchem Niveau ein Kind gestartet ist (Schreidauer, Gesamtschlaf, nächtliche Unterbrechungen etc.). Wenn ein Kind etwa in der Vergangenheit 6 x die Nacht gekommen ist, und sich nun mit einem halben Jahr die Anzahl halbiert hat, ist das immer noch viel, aber eben ein deutlicher Rückgang. Das würde für eine Entwicklung in die richtige Richtung sprechen, obwohl Kinder im Alter von sechs Monaten mehrheitlich tatsächlich 5-6 Stunden durchschlafen.
In meiner Praxis ist es zudem gar nicht entscheidend, ob ein Kind die Vollkriterien für eine Regulationsstörung erfüllt. Entscheidend ist dass Eltern Hilfe suchen. Leiden lässt sich eben nicht objektivieren, dafür sind Situationen, Ressourcen und Historien zu unterschiedlich. Was eine Familie gut bewältigen kann, überfordert die andere usw.

Vielleicht hilft es Ihnen die Sache einmal ganz pragmatisch zu sehen: was hätten Sie durch einen zusätzlichen Termin bei einem Spezialisten zu verlieren, außer der Zeit? Möglicherweise stellt sich dann heraus, dass alles bestens ist, Sie nehmen noch ein paar Tipps mit und gut ist. Möglicherweise müsste man mehr machen, doch auch das wäre ja kein Beinbruch. Ich finde Sie angesichts der Schwierigkeiten wirklich noch ziemlich entspannt, doch eine Situation aushalten und meistern können heißt ja noch nicht, dass man nicht trotzdem etwas ändern könnte, was vielleicht den noch nötigen Schubser in die richtige Richtung bringt.

Fazit: Panik ist ganz sicher nicht angesagt, doch mal eine externe Einschätzung anzudenken halte ich für sinnvoll.Zimindest die Option sollten Sie im Hinterkopf behalten.

Ich wünsche Ihnen ebenfalls alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 31.08.2016

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