Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Brauchen wir professionelle Hilfe?

S.g. Fr Dr. Tochter, 3.5 Jahre, war ein Schreibaby. Es war wirklich schrecklich und wir leider am Land ohne Hilfe bzw. nur abgewimmelt mit "Babys schreien halt". Damals-im Nachhinein betrachtet-viel falsch gemacht, weil in unserer Not viel durch die Wohnung getragen, geschaukelt, am Hopserball gesessen. Es ging vorbei. Jetzt momentan mindestens einmal am Tag großes Weinen und große Verzweiflung mit Weinen nach Schnuller, obwohl sie ihn seit einem halben Jahr am Tag nicht mehr bekommen hat. Wird so häufig von negativen Gefühlen überrollt, schlägt, tritt, wirft Gegenstände herum. Wenn ich das unterbinden - alles, was andere Menschen verletzen oder Mobilar massiv beschädigen könnte, durch festhalten oder Auszeit- fängt sie an sich selbst zu beissen, kratzen, Haare ausreissen. Im Kindergarten bekomme ich die Rückmeldung, dass sie sich sehr gut ausdrücken kann, sich gut spürt und ihre Bedürfnisse gut mitteilen kann, dass man mit ihr auch alles "besprechen" kann, aber auch, dass sie immer wieder weinende Phasen am Tag hat und "da müssen wir uns etwas überlegen."
Mein Umfeld kommuniziert mir, dass sie mit 3.5 Jahren "zu alt" für die Trotzphase sei, dass das gestört sei, dass sie sich noch immer nicht im Griff hat. Diese Schrei- und Weinausbrüche dauern bis zu 2 Stunden und ich bin komplett machtlos. Egal, was ich mache, nachgeben, ablenken, Auszeit, schreien, ignorieren, leise reden... ich kann es nicht ändern. Ich fühle mich genauso verweifelt gerade, wie damals, als sie ein Baby war und ich weiß echt nicht, ob das alles noch normal ist oder sie vielleicht eine Störung hat. Ich habe aber auch Angst davor, sie zu "pathologisieren". Die Ausbrüche passieren manchmal aus absoluten Nichtigkeit z.B. weil sie gerne plötzlich liebe Reis statt Nudeln hätte oder weil ein Wind geht und sie das nicht will. Koch ich ihr dann Reis, gibt es trotzdem Geschrei, weil sie dann halt Kartoffeln will. Sag ich, dass es nichts anderes gibt, schreit und weint sie bis zu 2 Stunden deswegen. Mittlerweile liegen die Nerven blank. Was können wir machen oder was sollen wir machen? Ist sie gestört oder ist das noch normales Entwicklungsverhalten?
Ich bin für jeden Rat dankbar!
Liebe Grüße

von newgirl am 16.02.2016, 13:07 Uhr

 
 

Antwort:

Brauchen wir professionelle Hilfe?

Hallo,
auch ich bin Mama eines ehemaligen Schreibabys. Mein Sohn neigte auch weit über das Trotzalter hinaus zu extremen Wutausbrüchen, die er nicht selbst kontrollieren konnte. Ich habe auch immer überlegt, ob er therapiebedürftig sei, hatte aber ebenfalls Angst, ihn zu pathologisieren. Im Kindergarten war er komplett unauffällig. Seitdem er 5 1/2 Jahre alt ist, hat er sich plötzlich im Griff. Die täglichen Wutanfälle sind außer im Falle von beginnender Krankheit bzw. massiver Übermüdung vorbei. Bei Ärger rastet er von selbst wieder ein. Vielleicht gibt Dir das ein wenig Hoffnung! Wenn Du aber meinst, dass Euch professionelle Hilfe guttun würde, zögere nicht, sie in Anspruch zu nehmen. Ein solches Kind ist eine Herausforderung, bei der man an die Grenzen der Selbstbeherrschung geraten kann.
Alles Gute für Euch!

von Miezemau1978 am 16.02.2016

Antwort:

Brauchen wir professionelle Hilfe?

Liebe newgirl,

ich bin froh, dass Sie diese Frage hier gestellt haben, denn ich denke, dass nicht nur Sie mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Tatsächlich - das werden Sie vielleicht schon gelesen haben - gibt es Zusammenhänge zwischen exzessiven Schreien und späteren Auffälligkeiten im Verhalten sowie anderen Regulationsstörungen, darunter auch exzessives Trotzen. Natürlich sind Sie in Sorge! Dennoch sollte man sich immer wieder bewusst machen, dass diese Zusammenhänge zwar nachweisbar sind, aber kein zwangsläufiges Schicksal darstellen. Aus einem ehemaligen Schreibaby wird also nicht gleich ein verhaltensgestörtes Kind. Allerdings ist das Risiko gegenüber Kindern ohne diese Vorgeschichte statistisch bedeutsam erhöht.

Es ist also beides wichtig: keine Panik und kritische Beobachtung!

Ich teile durchaus Ihre Bedenken hinsichtlich einer frühen Pathologisierung. Tatsächlich kann so eine Diagnose ganz im Sinne einer sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung- erst die Realität fördern, die man vermeiden möchte. Selbstredend achtet man auf anders auf Dinge und ist entsprechend sensibilisiert, wenn man so etwas im Hinterkopf hat. Sie machen sich sicher viel mehr Gedanken über die Frage, was ist normal und was nicht, als Eltern, deren Kind kein ehemaliges Schreibaby war und natürlich fällt dann ein entspannter, „natürlicher“ Umgang viel schwerer. Andererseits ist immer auch die Frage zu stellen, wie man einem Kind und seiner Familie gerecht wird. Liegt eine Störung vor, kann viel Leid durch eine Behandlung erspart werden. Liegt sie nicht vor, reicht diese Info und möglicherweise ein, zwei Tipps meist, um die Situation zu entlasten.

Wie also entscheiden?

Ich würde Ihnen ans Herz legen sich professionelle Hilfe zunächst in Form einer sorgsamen Diagnostik einzuholen. Dies kann beim Kinder-und Jugendpsychotherapeuten, beim Familientherapeuten, der Erziehungsberatungsstelle oder an einem Früherkennungs- / Sozialpädiatrischen Zentrum geschehen. Kleine Kinder bekommen auch vergleichweise schnell Termine und müssen nicht monatelang warten.
Ich finde neben Ihrer Beschreibung der Probleme zwei Informationen ausschlaggebend für meinen Rat:

1) Zum einen werden Probleme auch von außenstehenden, pädagogisch ausgebildeten Personen so gesehen (was andere Bekannte sagen interessiert mich weniger, da hier sich mehrere Dinge mischen können). Diese Information ist keine Diagnose, aber wertvoll, denn die dortigen Erzieher sind nicht durch die Virgeschichte cvorbelastet iund haben viele Vergleichsmöglichkeiten

2) Sie schreiben selbst, dass Sie sich hilf- und machtlos fühlen. Dieses Gefühl hin und wieder zu haben, ist normal. Wenn allerdings dauerhaft der Eindruck von Hilflosigkeit herrscht kann das krank machen und zwar Sie und Ihr Kind.

Es ist sicher nicht leicht diesen Weg zu gehen. Vielleicht hilft es Ihnen sich bewusst zu machen, dass es NICHT um Schuld geht! Sie als Eltern stehen nicht am Pranger, weil Ihr Kind sich so verhält: Gleichsam gibt es jedoch vielleicht Dinge, die Sie in der Interaktion mit Ihrer Tochter ändern können und die Sie sicherer machen.

Ferner geht es auch nicht darum, den Erziehungsidealen anderer Leute gerecht zu werden. Liegen Regulationsschwierigkeiten vor, ist das ein Handicap, dem nicht einfach mit rigider, abwertender Härte (Stichwort: Durchsetzen, „im Griff haben“ gehorchen) zu begegnen ist. Sie sollten sich daher von entsprechenden Kommentaren Außenstehender frei machen und mal probehalber zurückspiegeln, wie „hilfreich“ sie diese finden.

Also, nur Mut! Sie verlieren ja nichts außer Zeit und können zumindest Gewissheit erlangen!

Alles Gute!

Herzlichst,
Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 17.02.2016

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