Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Bindungsverhalten? Verunsicherung nach Besuch der Schreibabyambulanz

Liebe Frau Dr. Bentz,

Sie hatten mir bereits vor etwa einem Monat sehr geholfen: http://www.rund-ums-baby.de/schreibabys/beitrag.htm?id=1077&suche=grottenolm&seite=1
Tatsächlich hatte das nächtliche Erwachen und Schreien nach wenigen Tagen aufgehört.

Parallel hatte ich mir - noch bevor ich hier gepostet hatte - einen Termin in einer Schreibabayambulanz besorgt. Diesen habe ich, obwohl das Problem zunächst erledigt war, auch wahrgenommen. Mein Ziel war es, mir vorsorgliche Tipps zu holen, wie ich verhindern kann, dass es überhaupt wieder so weit kommt.

Die Dame war sehr freundlich und hat mir bestätigt, was ich im Prinzip auch schon vorher wusste: Meine Tochter ist "reizoffen" und hat gleichzeitig "Regulationsschwierigkeiten". Sie bestätigte mir außerdem, dass wir schon alles tun, was diesem besonderen Kind gut tut: Viel Struktur und ein immer gleich bleibendes, ruhiges Abendritual. So weit so unspektakulär...
Auf das Thema "Prävention von Durchschlafstörungen" angeprochen erklärte sie mir folgendes: Das nächtliche Schreien sei "Bindungsverhalten", meine Tochter könne sich in dem Moment nicht selbst regulieren und sei in Not. Nun käme es, wenn wir darauf "unwillig" reagieren zu einem Teufelskreis, in dem sie immer stärkeres Bindungsverhalten zeigen würde. Die Lösung sei, dass wir ihr nachts all die Bindungsbestätigung geben, die sie einfordert und damit würde sich das "Bindungsverhalten" auch wieder in Wohlgefallen auflösen.

Nun ist es seit zwei Wochen so, dass meine Tochter wieder zwei Mal pro Nacht schreiend in ihrem Bettt steht: Immer um kurz vor zehn und um kurz vor Mitternacht. Mein Mann geht nun also immer zu ihr, bestätigt ihr "Bindungsverhalten" ganz und gar willig (er tut auch nicht nur so, sondern gibt ihr wirklilch ganz viel Liebe und das ohne genervt zu sein) - aber es ändert sich nichts. Nun habe ich ehrlich gesagt vor zwei Dingen Sorge:
1. In der Vergangenheit war es immer so, dass einmal schreien zu zweimal schreien zu dreimal schreien geführt hat. Beim letzten Mal hat nur ein zeitlich begrenztes Schreienlassen (Freiburger Sanduhr-Methode) zu einer Verhaltensänderung geführt.
2. Erziehen wir unserer Tochter mit dem von der Schreibabyambulanz vorgeschlagenen Verhalten nicht sogar eine ausgewachsene Schlafstörung an? Sie wird immer um die exakt gleiche Uhrzeit wach und lernt letztlich doch, dass sie ohne unser Zutun (auch wenn es nur ein emotionales Zutun ist, wir schuckeln sie ja nicht und sie schläft letztlich ja auch alleine ein) aufgeschmissen ist und so nie lernt, sich (nachts) selbst zu regulieren?

Ehrlich gesagt, hat uns diese ganze "Bindungsverhalten"geschichte massiv verunsichert...

Herzliche Grüße und vielen Dank für Ihhre kompetente Einschätzung bereits im Voraus.

von Grottenolm am 05.08.2016, 10:09 Uhr

 
 

Antwort:

Bindungsverhalten? Verunsicherung nach Besuch der Schreibabyambulanz

Liebe Grottenolm!


Ja, ich erinnere mich, und habe eben noch einmal die alten Beiträge durchgelesen: Ihre Tochter ist mittlerweile 2,5 Jahre alt und ein ehemaliges kleines Schreibaby. Sie haben also eine längere Historie in Bezug auf das Thema Schlafen und Schreien, und schon einiges unternommen, um den Problemen Herr zu werden.

Dass Sie nun aufgrund der unterschiedlichen Position verwirrt sind, kann ich gut verstehen. Vermutlich werde ich diese Verwirrung aber nicht auflösen können, denn hier spiegeln sich unterschiedliche „Schulen“ wieder.

Wie in einem der unteren Beiträge zum Thema Hilfen einer Schreiambulanz ausführlicher diskutiert, gibt es (leider) keine einheitlichen Standards hinsichtlich der Behandlung von Regulationsstörungen, denn der Begriff „Schreiambulanz“ ist nicht geschützt. Die großen Einrichtungen, Sozialpädiatrischen- / Früherkennungszentren, Kinder- und Jungendpsychotherapeuten haben mehr oder weniger ähnliche Bausteine, doch parallel gibt derzeit gibt es eine Schwemme von Personen, die kein entsprechendes Studium oder fachnahe Ausbildung besitzen, sondern in privaten Instituten als Quereinsteiger sich diesem Thema nähern. Eine Entwicklung, die ich - ohne über die Kompetenz im Einzelnen entscheiden zu können! - durchaus mit Sorge betrachte.


Die Aussage, dass die nächtlichen Störungen Bindungsverhalten sind, kann ich im streng wissenschaftlichen Sinne nicht widerlegen. Tatsächlich ist das Risiko für spätere Bindungsprobleme bei Kindern mit Regulationsstörungen erhöht. Doch sich der Bindungstypus beim Kind erst nach und nach entwickelt, und es keine Unterschiede hinsichtlich der Feinfühligkeit von Eltern mit und ohne Schreibabys gibt, sind Bindungsprobleme vermutlich eher die Folge als die Ursache von Regulationsstörungen.

Kindern mit echten Regulationsstörungen schreien - egal wie intensiv sich die Eltern um sie kümmern, egal wie lange sie getragen, wie oft gestillt wurden und wieviel Nähe sie erfahren, und zwar meist schon von Geburt an. Dieses Forum ist voll von Eltern, die buchstäblich alles versuchen, um ihr Kind zu beruhigen und zwar 24 Stunden non-stop. Wäre es zutreffend, dass das Schreien, die chronische Unruhe und die Schlafprobleme lediglich Ausdruck eines ungenügend beantworteten Bindungsverhaltens sind, so dürfte es diese Kinder ja gar nicht geben. Es müsste sich dann eine Sättigung einstellen, die im Weiteren zur Beruhigung der Situation führt. Oft ist jedoch das Gegenteil der Fall: die elterlichen Einschlaf-und Beruhigungshilfen müssen immer weiter intensiviert werden, was mehr Stimulation und mehr Unruhe bedeutet.

Was sicher stimmt, ist dass in Folge chronischer Übermüdung und Erschöpfung Eltern nicht immer so geduldig und liebevoll reagieren (können). So kann sich eine Situation wirklich immer weiter aufschaukeln, so dass irgendwann das Thema Schlaf die Eltern-Kind-Beziehung dominiert. Das kann sich dann hartnäckig durch die ersten Jahre ziehen. Es ist daher absolut richtig, die Eltern-Kind-Bindung als einen wichtigen Baustein zu betrachten. Doch anders als die Kollegin, stimme ich nicht mit der Sättigungshypothese überein. Bis auf Ausnahmen, wo Kinder Schlafprobleme inszenieren (müssen), um genügend elterliche Aufmerksamkeit und Nähe zu bekommen, oder Eltern durch psychische Erkrankungen keine Bindung zum Kind aufbauen können, betrachte ich Regulationsstörungen nicht primär als Ausdruck von Bindungsverhalten, sondern als komplexes Zusammenspiel aus einer Reihe von biologischen und psychosozialen Faktoren.

Ich rate daher auch zu einem anderen Vorgehen, nämlich in Ihrem Fall, das, was ich schon geschrieben habe. Somit dürfte für Sie die Verwirrung perfekt sein. Es ist leider so, je mehr Leute Sie fragen, desto mehr Antworten werden Sie erhalten. Trotzdem wird Sie niemand aus der Elternrolle entlassen und die Verantwortung übernehmen. Sie sollten also nichts tun, nur weil es jemand sagt, sondern weil sie davon überzeigt sind. Letztendlich werden Sie absolute Sicherheit nur in der Nachbetrachtung erhalten, ein Garantieschein gibt es für kein Verfahren!

Zu den wohl anstrengendsten Aufgaben des Elternseins gehört es, mit diesen Unsicherheiten und Widersprüchen zu leben. Es gibt in der Kindererziehung eben nur wenig eindeutig Schwarz oder Weiß, und ständig gibt es neue Informationen – hier heißt es abwägen, sein Kind uns sich anschauen, ausprobieren und auch mal Fehler machen. Sie können immer nur nach besten Wissen und Gewissen handeln, doch das ist auch richtig und gut so! Kinder brauchen Eltern, und keine „Erziehungs- oder Bindungsautomaten“. Wenn Sie dauerhaft massiv eigene Grenzen überlasten (und das klang in den Beiträgen so), dann wird das die Bindung sicher nicht bessern.

Doch ich bin nicht die Mutter Ihres Kindes. Niemand kennt Ihre Kleine so gut wie Sie. Haben Sie also das Vertrauen in sich, für Ihre Kleine auch ohne Experten gute Entscheidungen zu treffen.

In diesem Sinne weiterhin viel Kraft und alles Gute!

Herzlichst,

Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 08.08.2016

Antwort:

Bindungsverhalten? Verunsicherung nach Besuch der Schreibabyambulanz

Liebe Frau Bentz,

ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre rasche und wie immer gleichzeitig kompetente und einfühlsame Antwort! In der Tat, ist es für mich als Laien – wenn auch Expertin für mein Kind  - nicht leicht, mich im Dschungel der verschiedenen Schulen und Strömungen zurecht zu finden. Letztlich zeigt mir hier die Realität, was „richtig“ ist, und was nicht: Mein Kind bekommt jede Nacht ganz viel „Bindungsbestätigung“ und ist trotzdem übermüdet und es ändert sich nichts. Eine Begebenheit der letzten Nacht hat mir deutlich gezeigt, wie es nicht geht: Nachdem ich das 6. (!) Mal im Zimmer war und sich meine Tochter nachts um drei nicht beruhigen ließ, merkte ich, wie ich doch „unwillig“ wurde. Ich sagte ihr klar, wenn auch nicht laut oder unfreundlich, dass jetzt Schluss sei und ich auch gerne schlafen würde. Danach war zwar Ruhe, aber: Heute Morgen hat meine Tochter richtig geklammert, ich durfte mich keinen Millimeter von ihr wegbewegen. Das hat mir deutlich gezeigt, dass dieses ambivalente Verhalten – ich bin da, aber gleichzeitig gereizt und wäre eigentlich lieber woanders – schlimmer ist, als jedes unbestätigt lassen des vermeintlichen „Bindungsverhaltens“. Zudem ist es bei uns sicher nicht so, wie von Ihnen als Extremfall beschrieben, dass meine Tochter nachts schreien muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen: Wir sind ihr wirklich sehr zugewandt, versuchen ganz viel positive Zuwendung zu geben, meckern selten und schreien nie – und sie bekommt als das „intensivere“ unserer Kinder sogar mehr wertvolle Zuwendung als ihr Zwillingsbruder. Auch finde ich Ihren Hinweis bezüglich der fachlichen Kompetenz solcher Beratungsstellen sehr wertvoll: Die Dame, mit der ich gesprochen habe, ist Heilpädagogin – hat also keinen psychologischen Hintergrund – ich war leider nicht in einem SPZ.
Ihre Antwort hat mir jedenfalls die nötige Sicherheit gegeben, meinen ursprünglich eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Herzliche Grüße

von Grottenolm am 08.08.2016

Antwort:

Bindungsverhalten? Verunsicherung nach Besuch der Schreibabyambulanz

Liebe Grottenolm!

nur noch eine kurze Anmerkung: acuh wenn ich mich kritisch geäußert habe: mir ging es nicht um Kollegenschelte. Keineswegs sind nur wir Psychologen kompetente Ansprechpartner. Eine Heilpädagogin hat ja einen fachnahen Hintergrund und Erfahrungen sowohl mit Kindern als auch mit Elternarbeit. Ich stimme nur nicht mit der Sättigungshypthese überein.

Es gibt aber auch die Fälle, wo Leute sich zu Beratern schulen lassen, ohne je in einer Klinik, einem Heim oder sonstigen Einrichtung gerabeitet zu haben. Wenn diese dann Müttern in postpartelen Krisen erzählen, dass ihre "Weigerung" natürlich zu gebären, Schuld am exzessiven Schreien sei, oder dass Schnuller zu Bindungsstörungen führen können. Puh... da muss ich dann alles dran setzen Haltung zu bewahren. "Kinder zu mögen" oder "helfen zu wollen" reicht eben nicht aus, um einen guten Job zu machen.
Doch leider verführt das Thema Bindung dazu, persönliche Meinungen, Dogmen und eigene Ideale als Fakten zu verkaufen und allerlei Pseudoesotherik zu betreiben.

Was ich aber großartig finde ist, dass Sie sich trauen, sich ein wenig von all dem Hickhack unter den sogen. Experten (mich wieder eigeschlossen) zu emanzipieren. Da können Sie Ihre Zeit besser nutzen.

Nochmals beste Grüße,

Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 10.08.2016

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