Dr. rer. nat. Meike Bentzs

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Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Baby will nur auf den Arm

Halo Frau Bentz,

mein 15 Wochen alter Sohn lässt sich schwer beruhigen. Seit etwa drei Wochen kann er sich keine fünf Minuten mehr alleine beschäftigen, ohne zu schreien. Er ist fast nur ruhig, wenn ich ihn auf dem Arm habe und rumtrage (stehen bleiben oder sitzen wird wiederum mit Schreien quittiert). Ich habe ihn viel in der Trage, aber das wird mir nach ein paar Stunden einfach zu anstrengend. Zwischendurch hat er auch mal zufriedene Phasen, wenn er auf der Krabbeldecke liegt und ich mich mit ihm beschäftige, aber das dauert leider immer nur kurz an.

Andere Mütter erzählen mir immer von ihren ausgeglichenen und zufriedenen Kindern und ich bin ganz verzweifelt, was mit meinem kleinen Schatz los ist. Ich bin selbst Diplom-Pädagogin und bin mit meinem eigenen Kind überfordert.

Anfangs konnte ich das Schreien gut auf die Drei-Monats-Koliken schieben, aber Bauchschmerzen hat er zum Glück inzwischen nicht mehr. Auch wenn er satt, sauber und wach ist, möchte er herumgetragen werden (und ist dann bestens zufrieden) und schreit aber lauthals, sobald ich stehen bleibe.

Ich weiß, dass man die Kleinen in dem Alter noch nicht verwöhnen kann, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass er schon genau weiß, was er will und einen starken Willen hat. Kann das so früh schon sein? Und wie gehe ich damit um?

Vielen Dank für die Hilfe!

von Krümel1986 am 11.09.2015, 08:42 Uhr

 
 

Antwort:

Nachtrag

Kann es vielleicht sein, dass unser kleiner Schatz an einer Regulationsstörung leidet? Wo kann man so etwas abklären lassen und viel wichtiger: wie kann ich ihm dann helfen?
Ich treffe mich beispielsweise oft mit anderen Mamas mit Babys im gleichen Alter. Sollte ich das lieber lassen, weil ihn das überfordern könnte?

von Krümel1986 am 11.09.2015

Antwort:

Nachtrag

Kann es vielleicht sein, dass unser kleiner Schatz an einer Regulationsstörung leidet? Wo kann man so etwas abklären lassen und viel wichtiger: wie kann ich ihm dann helfen?
Ich treffe mich beispielsweise oft mit anderen Mamas mit Babys im gleichen Alter. Sollte ich das lieber lassen, weil ihn das überfordern könnte?

von Krümel1986 am 11.09.2015

Antwort:

Baby will nur auf den Arm

Liebe Krümel!

als Diplom-Pädagogin hat man also kein Recht, sich überfordert, traurig und hilflos zu fühlen...? Glauben Sie, bei mir läuft mit meinen Kindern immer alles nach Lehrbuch, nur weil ich entprechendes studiert habe? Dann muss ich Sie leider enttäuschen (und gleichzeitig hoffen, dass Sie nie in meine Stadt kommen, denn dann könnten Sie von Zeit zu Zeit dramaturgisch voll ausgereifte Szenen in bester Innenstadtlage beobachten..)

Sie sind Mutter UND Pädagogin! Und eben keine pädagogische Mutter. Das geht nicht beim eigenen Kind und eigentlich wissen Sie das. Seien Sie daher doch nicht zu hart zu sich. Auf das Projekt Kind kann kein Lehrbuch und keine Berufserfahrung vorbereiten. Sie schreiben ein ganz neues Kapitel in Ihrem Leben und das ist auch gut so. Ihr Sohn braucht keine Pädagogin, sondern eine Mama.

Sie meinen, dass Sie überfordert sind. Wer will Ihnen das verübeln, wenn die Tage so laufen, wie beschrieben. Ich aber glaube nicht, dass Sie überfordert sind. Ich glaube dass Sie erschöpft, besorgt und verunsichert sind. Das sind keine Zeichen schlechter, sondern guter Elternschaft. Eine schlechte Mutter würde all diese Dinge, die sie tun nicht machen und sich zudem gar nicht erst die Frage stellen, ob alles in Ordnung ist. Es würde Sie nicht interessieren!

Mein erster Rat an Sie ist also: machen Sie sich selbst nicht so fertig! Sie wissen selbst, dass Erziehung (sofern man in diesem Alter überhaupt davon sprechen kann) immer Interaktion bedeutet. Erziehung ist weder eine Einbahnstraße noch findet sie im luftleerren Raum statt. D.H. sie können selbst als perfekte Mutter das Verhalten Ihres Kindes nicht zu 100% beeinflussen. Wenn es so einfach wäre, gäbe es ja den Aus-Knopf und alles wäre gut.

Doch was können Sie tun?

Zunächst einmal ist es richtig, dass man bei so jungen Kindern nicht von Verwöhnen reden kann. Hierzu gehört beim Kind, wie Sie richtig sagen, ein Wille, aber auch die Fähigkeit zu absichtsvollen Handeln, ein Ich-Bewusstsein und erste Fähigkeiten zu strategischem Denken. Erst dadurch bin ich in der Lage, gezielt etwas zu verlangen und mein Verhalten daraufhin abzustimmen. Dennoch können die Reaktionen der Kinder sehr ähnlich aussehen und sich z.B. durch Schreien ausdrücken. Schreien, weilmich jetzt ein Eis will ist aber etwas anderes als das Schreien Ihres Babys.

Das Wissen, Babys könne man nicht verwöhnen zusammen mit der korrekten Empfehlung prompt auf Bedürfnisse zu reagieren, führt jedoch bei vielen Eltern zu sehr großere Verunsicherung und der Sorge, diesen Bedürfnissen nicht gerecht zu werden, wenn ein Kind ohne erkennbaren Grund schreit. Doch zu einfach ist es nicht! Gerade weil Babys noch keinen Wullen in dem Sinne haben und noch nicht strategisch hanelden, dürfen wir ihr Schreien nicht ausschließlich als Ausdruck eines konkret vorliegenden Bedürfnis interpretieren, sondern oft auch als Gemütsausdruck. Manchmal befindet sich Ihr Baby eben nicht in seiner Komfortzone, one dass es konkret weiß, was ihm fehlt oder was es will. Es stimmt einfach was nicht, es ist etwas zuviel oder zu verwirrend. Hier brauchen Babys dann uns als Wegweiser und Fremdenführer. D.h. wir müssen Ihnen helfen, Ihnen zeigen, wo es langggeht, was funktioniert und was nicht und zwar nicht aus Erziehung im engeren Sinne, sondern als Lenker von Erfahrungen.

Ihr Baby (und auch Sie) brauchen jetzt vermutlich einfach nur die Erfahrung, dass Tragen zwar schön und richtig ist, aber dass durchs Anhalten, Sitzen und Liegen nicht Schlimmes passiert. Gönnen Sie sich beiden diese Erfahrung und versuchen Sie nicht gleich wieder Ihr Kind sofort zu tragen, wenn es schreit. Hierdurch verfestigen Sie die Erfahrung, dass nur Tragen gut und aushaltbar ist. Gerade sehr aktive, aufmerksame Kinder entwickeln einen regelrechten Reizhunger (und Umhergehen und Tragen sind starke Reize), denn sie haben gelernt dass sich Unruhezustände oder Unwohlsein eben gut dadurch "wegdrücken" lassen. Kurzfristig hilft das. Langfristig führt dies jedoch dazu, dass Kinder immer unruhiger werden. Im Unterschied zu Kindern, wo die Selbstregulation gut funktioniert, fahren sich diese Kinder immer nur hoch, nicht runter. Man muss Ihnen erst vermitteln, dass Ruhe, Liegen, Schlafen oder sich Wegdrehen und von Reizen abwenden die richtigen Weege sind, um Erleichterung bei Überforderung, Müdigkeit und Unruhe zu finden.

Also hilft es nicht, zu warten, dass das Kind von selbst seinen Aus-Knopf findet. Zeigen Sie ihm wie es geht und üben Sie das. Legen Sie sich doch tagsüber mal neben ihn auf den Boden, legen Sie sich zum Mittagschlaf mit ihm hin. Zeigen Sie ihm auch das Leben außerhalb der Trage. Bleiben Sie wenn er schreit ruhig, bei ihm und trösten ihn, doch verfallen Sie nicht in blinden Aktionismus. Lassen Sie ihn erfahren, dass es ok ist. Bleiben Sie am Ball und seien Sie konsequent. Nicht weil Sie erziehen müssen, sondern weil Veränderungen Zeit brauchen und das ganze Zusammenspiel aus Schlafen und Wachen, aus Erregung und Entspannung höchst komplex ist sich erst an neue Erfahrungen anpassen muss.

Und falls Sie sich größere Sorgen machen und eine Rat brauchen, zögern Sie nicht, sich vor Ort professionelle Unterstützung einzuholen. Würden Sie eine Kollegin verurteilen, die zu Ihnen käme und Hilfe mit Ihrem Kind bräuchte? Nein? Dann tun Sie das bitte auch nicht mit sich selbst!

Ich wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Kraft und Liebe - für Ihren Sohn und für sich selbst auch!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 11.09.2015

Antwort:

Nachtrag

Liebe Krümel,

es spricht einiges dafür, dass Ihr Kind an entsprechenden Schwierigkeiten leidert. Doch dies ist kein unveränderliches Schicksal, sondern eher eine Zustandbeschreibung, die Ihnen als Eltern eigentlich nicht viel nützt.

Keinesfalls sollten Sie sich isolieren! Kinder mit Regulationsschwierigkeiten müssen nicht komplett abgeschottet werden. Sie brauchen feste Strukturen und regemäßige Ruhezeiten, dann auch mit Reizreduktion. Doch daneben dürfen sie natürlich nach Herzenlust spielen und aktiv sein!

Vetrauen Sie da Ihrem Gefühl! Sie werden es merken, wenn es zuviel ist..

von Dr. Meike Bentz am 11.09.2015

Antwort:

Baby will nur auf den Arm

Ganz herzlichen Dank für die ausführliche und wertschätzende Antwort!
Mein Kopf sagt mir auch, dass ich keine schlechte Mutter bin, aber dann sehe ich mein weinendes Kind und die Zweifel drängen sich auf. Manchmal tut es dann einfach gut, zu hören, dass diese Zweifel unberechtigt sind.

Durch Ihre Tipps kann ich meinen Sohn nun ruhigeren Gewissens auch mal schreien lassen. Ich lasse ihn dabei nicht alleine, streichel ihn oder rede sanft mit ihm, lasse ihn aber schreien. Zweimal haben wir das heute schon geschafft. Das war für beide anstrengend, aber ich war auch echt stolz auf ihn, als er dann irgendwann den Dreh bekommen hat.

Macht es Sinn, dass ich neben festen Ritualen einen konkretern Rhythmus vorgebe? Im Augenblick ist nur die Schlafzeit fest. Ansonsten schläft er wann er will. Sollte ich ihn stattdessen beispielsweise immer nach zwei Stunden hinlegen?

Ich habe mir inzwischen auch die Nummer einer Schreiambulanz hier in der Region rausgesucht - für den Fall der Fälle! Sie haben Recht, es ist keine Schande, Hilfe zu holen, nur weil man selbst "vom Fach" ist... aber auch da tut es gut, dass einmal von außen gesagt bekommen zu haben.

Danke!!

von Krümel1986 am 12.09.2015

Antwort:

Baby will nur auf den Arm

Liebe Krümel!

toll, das ist doch wirklich viel, was Sie da gemeinsam geschafft haben. Und das er dann doch schon zweimal den Dreh an einem Tag herausbekommen hat, ist wirklich gut! Wenn Sie beide diese Erfahrung öfter machen, wird es wirklich schnell leichter.

Ein fester Rhythmus wird grundsätzlich empfohlen, wobei man sagen muss, dass vieles im dem Alter Ihres Kindes einfach noch nicht fest ist. Ich sage daher den Eltern immer, dass sie es als ein Angebot an ihr Kind sehen sollen, welches ihm immer wieder präsentiert wird. Wenn ein Kind dann nach einer weile des Probieren nicht schäft oder isst, ist es ok und man versucht es beim nächsten Mal wieder.

Sie müssen nicht alles generalstabsmäßig planen, nur die richtigen Weichen stellen...

Weiterhin viel Erfolg,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 12.09.2015

Antwort:

Baby will nur auf den Arm

Habe gerade im Newsletter die Frage und die Antwort gelesen und war sehr beeindruckt von der Antwort. Ein großes Lob an die Expertin dieses Forums! DANKE!!!

von c.arme.n am 18.09.2015

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