Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Abendliches Schreien durch Zufüttern und Stillproblematik

Hallo Frau Dr. Bentz,

ich bitte um Ihre Hilfe.

Unsere Tochter ist etwas über 10 Wochen alt. Abends hatte sie schon so gut wie immer eine unruhige Phase. Meines Erachtens wird es jedoch schlimmer. Sie fängt so ca. gegen 17:00 an zu weinen und dies hält ca. 2- 3 Stunden an. Oft habe ich sie an den Tagen wo es besonders schlimm ist am Tage kaum oder gar nicht zum Schlafen bekommen. (Das ist am Tage sehr, sehr schwierig und wenn überhaupt nur durch Tragen oder Kinderwagen fahren möglich.) Ich vermute also am Abend eine starke Übermüdung. Außerdem stille ich und gebe ihr die Flasche. Da sie jegliche Flaschen aus ihrem Mund "wirft", haben wir zum Gebrauch nur noch ihre eine Lieblingsflasche. Aus der trinkt sie gut und wird selten unruhig beim Trinken aus der Flasche. An der Brust trinkt sie wenn sie fit ist gut. Oft jedoch wird sie hektisch, schlägt mit den Armen und Beinen um sich und setzt immer wieder ab. Ich habe ich das Gefühl, dass ihr der Wechsel Brust und Flasche nervöser werden lässt. Kann das auch ein Grund sein? Oder ist das abendliche Schreien eher auf die Übermüdung zurückzuführen? Ich überlege nun deswegen Abzustillen.

Ich habe in einem ihrer Beiträge gelesen, dass das Ablenken vom Schreien (Tragen usw.) gar nicht so gut ist und sie empfehlen sich mit dem Kind ruhig hinzulegen. Trifft das auch bei uns zu, sofern sie sich durch das Tragen oft beruhigen lässt bzw. dort den ersehnten Schlaf findet?
Wie kann ein Baby mit einer Regulationsstörung (Abendliches Schreien immer mit einer Regulationsstörung verbunden?) helfen? Sie schrieben etwas, dass dies ggf. Probleme bis ins Erwachsenenalter gibt?! Oh je.

Wie helfe ich wohl meinen Kind am besten? Ich bin überfragt und danke Ihnen für Ihre Hilfe!!

von Alex0204 am 09.02.2016, 21:39 Uhr

 
 

Antwort:

Abendliches Schreien durch Zufüttern und Stillproblematik

Liebe Alex02!

huch, da ist ein bisschen was durcheinander geraten. Das ist verständlich, denn Sie sind müde und erschöpft und dadurch sehr empfänglich für Negativinformationen.

Aber nun erstmal ganz in Ruhe! Ihr Baby ist erst seit wenigen Wochen auf der Welt. Über Probleme im Erwachsenenalter brauchen Sie sich daher keine Gedanken zu machen. Bleiben wir daher im Hier und Jetzt!

Also: zunächst einmal ist es völlig in Ordnung, wenn Sie Ihr Baby am Tage tragen und es dabei schläft! Getragene Kinder sind sogar im Schnitt etwas ausgeglichener und ruhiger. Abends bzw. nachts sollte es hingegen an das Liegen in der Waagerechten und an das Schlafen ohne Bewegungsreize gewöhnt werden. Dass muss keineswegs bei einem 10 Wochen alten Kind problemlos klappen. Sehen Sie meine Empfehlungen daher nicht als Diktat, an das Sie sich sklavisch halten müssen, sondern als Wegweiser“!

Es ist gut, wenn man sich informiert,ein Grundwissen über kindliche Entwicklung, Schlaf etc. zulegt und gewisse Dinge einfach im Auge behält, doch weitaus wichtiger ist Ihr Gefühl, Ihre Intuition. Sie dürfen eigene Wege gehen, und wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas Ihrem Kind und Ihnen guttut, und das steht nicht im Lehrbuch – was soll’s? Abgesehen von wirklich gravierenden Dingen, die Kindern seelisch und körperlich schaden, gibt es wirklich kaum ein Thema, wo es ein eindeutiges „Schwarz“ und ein eindeutiges „Weiß“ gibt. D.h. auch bei den ganz Kleinen kann man gar nicht so viel falsch machen, wenn man gesunden Menschenverstand benutzt und seiner Intuition folgt!

Was das Thema Abstillen angeht, so finde ich persönlich es wichtig, einen guten Kompromiss zwischen Mutter und Kind zu finden. Eine fachliche Notwendigkeit fürs Abstillen sehe ich nicht, zudem nicht gesagt ist, dass das Problem dann nicht bei der reinen Flaschenfütterung bestehen bleibt. Zudem ist statistisches so, dass um den 10 Monat herum Babys im Mittel schlicht am meisten schreien, um dann mehrheitlich mit 12-16 Monaten deutlich ruhiger zu werden. Es kann also durchaus sein, dass sich etwas Geduld noch lohnt und es bald leichter wird!

Das Wegstrecken von der Brust, das Kind gerade zeigt, ist nervig, aber nicht selten. Viele Babys haben Phasen, in denen es scheint, als würden Sie einen kleinen Privatkrieg mit der Brust führen. Das kann verschiedene Ursachen wie etwa eine ungünstige Stillposition, leichte Ablenkbarkeit, schmerzhafte Blockaden oder einfach nur Überreizung und Müdigkeit zur Ursache haben. Eine echte „Verweigerungshaltung“ ist allerdings nicht anzunehmen. Unruhigen und sensiblen Babys hilft es oft, wenn man in einem ruhigen, leicht abgedunkelten Raum stillt /füttert oder ein Tuch bzw. eine spezielle Stillschürze benutzt um das Kind beim Trinken von zu vielen Reizen abzuschirmen.

Versuchen Sie ansonsten ganz sanft und ohne Druck auf festere Zeiten hinzuarbeiten. Stillen nach Bedarf ist toll, für Kinder mit Regulationsschwierigkeiten aber manchmal einfach zu schwierig. Hier ist die Reizverarbeitung manchmal noch so unreif, dass die Rückkopplung bzw. Reizverarbeitung offenbar nicht richtig funktioniert. So konnte etwa in Studien mit Schreibabys gezeigt werden, dass diese nur unmittelbar während einer Gabe von Glukose Zufriedenheit zeigten, während andere Kinder auch nach der Gabe länger zufrieden waren.

Grundsätzlich gilt aber auch über das Stillen hinaus, dass ein möglichst fester Rhythmus förderlich ist. Dies galt bis vor einiger Zeit noch als „out“, weil man die natürliche Entwicklung der Kinder nicht in ein Korsett zwingen wollte, und es zudem nach typisch deutscher Manier quasi mit der Stechuhr gefüttert und ins Bett gebracht hat). Heute weiß man über die Wichtigkeit eines stabilen Rhythmus für die physische und psychische Gesundheit (übrigens bei Erwachsenen ebenso).

Ich bin sicher, dass Sie gar nicht so viel umkrempeln müssen. Arbeiten Sie (egal ob nun mit Stillen oder Flasche) an Ihrer Tagesstruktur, versuchen Sie abends und nachts aufs Tragen zu verzichten und legen Sie am Tag regelmäßige Ruhepausen ein- selbst wenn Ihr Kind keine eindeutigen Müdigkeitssignale zeigt!

Ansonsten: auch wenn es schwer fällt: entspannen Sie sich! Sie haben da keine angehende schwerkriminelle, drogenabhängige Schulversagerin vor sich, sondern Ihr kleines Baby, das einfach noch nicht so angekommen ist in dieser Welt! Sie werden sicher noch viel Freunde an und miteinander haben!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 11.02.2016

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